Das Start-up Allive aus Freudenstadt macht aus einer Grabstätte einen Ort der Begegnung. Dabei handelte es sich bei der Erfindung einst um das Thema einer Bachelorarbeit.
Einmal noch einem besonderen, aber verstorbenen Menschen davon erzählen, wie das Konzert war, auf das man einst gemeinsam gehen wollten. Einmal noch erzählen, wie die neue Arbeitsstelle ist, vor der man so Angst hatte. Allive, ein Start-up für besondere Grabsteine aus Freudenstadt, vermittelt keinen Abschied von den Toten – sondern eine Begegnung und einen Dialog mit Ihnen.
Die Erfindung sorgt deutschlandweit für Aufsehen: Medien wie der MDR, der SWR, die Süddeutsche, die Zeit und viele weitere wurden bereits auf das junge Unternehmen aufmerksam. Worum es sich konkret bei den Grabsteinen handelt und wie die Idee dahinter entstanden ist, erzählt Mitgründer Tim Busam.
Individualität des Menschen im Vordergrund
Die Idee des Start-ups entstand als Tim Busam und Dominik Arnold zu Corona-Zeiten in Ravensburg Design studierten, erzählt Busam. Als sie sich das Thema für ihre Bachelorarbeit überlegten, sei ihnen klar gewesen: Sie wollten Gedanken physisch festhalten und einen Austausch in der Trauer schaffen, und das in Form eines Grabsteins mit einem Postfach.
Während der Ausarbeitung sei klar geworden, dass dieses Thema zwar nicht für eine Bachelorarbeit geeignet gewesen sei, so Busam. Die Idee für das Start-up verwirklichten sie später dennoch. Heute besteht die dreiköpfige Geschäftsführung aus Tim Busam, Dominik Arnold und seinem Vater Jörg Arnold.
„Uns ist aufgefallen, wie unpersönlich Grabsteine teils gestaltet sind, da waren wir perplex“, sagt Busam. Viele Grabsteine würden aus Asien eingeflogen oder nach etwa 20 Jahren zermörsert. Das sei weder nachhaltig noch würde es „der Individualität eines Menschen gerecht werden“, so Busam.
Mit „allive“ wollen er und seine Mitgründer das Gegenteil bewirken: Grabsteine, die lokal und nachhaltig hergestellt und mit Angehörigen individuell gestaltet werden. Zwischen 2800 und 3600 Euro kostet ein Grabstein. „Wir wollen Menschen nicht in Unkosten treiben“, betont Busam.
Mutter überwindet sich, das Grab zu besuchen
Eine der ersten Familien, die sich überregional bei ihnen gemeldet habe, sei eine aus dem Saarland gewesen. Der damals 19-jährige Sohn sei im Jahr 2014 verstorben. Die Mutter habe jeden Tag Briefe an ihren Sohn geschrieben, erzählt Busam. Sie habe die Nachrichten an ihren Sohn teils verbrannt, teils vergraben, oder in einem Ordner abgeheftet, weil sie nicht wusste, wohin damit. Das Grab ihres Sohns konnte sie nicht besuchen.
Seit sie von dem Start-up einen Grabstein anfertigen ließ, ginge sie jeden Tag auf den Friedhof zu ihrem Sohn. Sie nehme sich dann einen Campingstuhl mit ans Grab, um ihm dort zu schreiben und die Post in sein Briefkasten einzuwerfen. „Das ist unglaublich, was unsere Arbeit bewirken kann“, sagt Busam und lächelt.
„Die Menschen, für die wir die Grabsteine herstellen, sterben nie an Altersschwäche, sondern an Schicksalsschlägen“, erzählt er. Etwa habe die Firma kürzlich eine Sammelgrabstätte für Sternenkinder errichtet, auf dem individuelle Gedenktafeln für verstorbene Babys angebracht sind.
Start-Up erlebt „Boom“ seit Januar
Mittlerweile erhält das junge Unternehmen täglich Anfragen aus ganz Deutschland. Den Boom erlebt es vor allem seit der Leipziger Verbrauchermesse im Januar.
„Das ist Wahnsinn, welches Feedback wir bekommen haben und noch bekommen“, sagt Busam.