Der Ägypter Omar Marmoush vom VfB Stuttgart (zweiter von links) freut sich auf den Afrika-Cup. Foto: imago images/Xinhua/Mohamed Asad via www.imago-images.de

An diesem Wochenende startet in Kamerun das große kontinentale Fußballturnier – darauf freuen sich die Spieler und Fans. Allerdings mangelt es dem Cup in Europa noch an Akzeptanz, die Pandemie bereitet Sorgen, und politische Unruhen sind auch zu befürchten.

Stuttgart - Sébastien Haller gab kürzlich der niederländischen Zeitung „De Telegraf“ ein bemerkenswertes Interview. Darin kritisierte er den Umstand, dass afrikanische Spieler oft gefragt werden, ob sie nicht lieber bei ihren Vereinen in Europa bleiben, anstatt beim Afrika-Cup mitzumachen. Diese Frage zeige „den Mangel an Respekt für Afrika“, echauffierte sich der ehemalige Frankfurter Stürmer völlig zu Recht – und fügte hinzu: „Würde diese Frage jemals einem europäischen Spieler vor den Europameisterschaften gestellt werden?“

 

Der Angreifer Haller, der aktuell bei Ajax Amsterdam seine Tore schießt, wird beim Afrika-Cup (9. Januar bis 6. Februar) die Nationalelf der Elfenbeinküste verstärken. Das ist Ehrensache für ihn und ganz selbstverständlich. Tatsächlich aber erfahren die Kontinentalmeisterschaften südlich des Mittelmeers im Norden wenig Akzeptanz. Einige europäischen Spitzenclubs monieren, dass sie in der Zeit des Cups auf wichtige Spieler verzichten müssen und damit geschwächt sind im Ligaalltag.

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Liverpools Trainer Jürgen Klopp etwa muss seine Topangreifer Mohamed Salah (Ägypten) und Sadio Mané (Senegal) abstellen. Neulich fühlte er sich missverstanden, als er den Afrika-Cup als ein im Januar noch stattfindendes „kleines Turnier“ bezeichnete. Das verursachte große Aufregung, die Aussage wurde als Beleidigung der Menschen auf dem Kontinent angesehen und mit latent vorhandenem Rassismus in Zusammenhang gebracht. Also musste Klopp bekräftigen, dass seine Aussage doch nur ironisch gewesen sei. Allerdings fiel der ehemalige Dortmunder Trainer schon mit der Bemerkung auf, wonach die Terminierung des Afrika-Cups im Winter eine „Katastrophe“ sei.

Die Euphorie für das Turnier wird von den europäischen Spitzenclubs nicht unbedingt geteilt. „Der Afrika-Cup verdient mehr Respekt. Vom sportlichen Wert und von der Popularität in Afrika her ist das Turnier für mich ein Höhepunkt im internationalen Fußball“, sagt der langjährige nigerianische Nationaltrainer Gernot Rohr. Für ihn befindet sich die afrikanische Endrunde mit einer Fußball-Europameisterschaft durchaus auf Augenhöhe. In England werden die Debatten derweil heftiger geführt, weil die Premier-League-Clubs besonders viele Spieler abstellen müssen. Den ehemaligen englischen Nationalspieler Ian Wright nervt das. „Gibt es ein anderes Turnier, das so wenig respektiert wird wie der Afrika-Cup?“, fragt er und spricht von einer „rassistisch gefärbten“ Diskussion.

15 Spieler aus Deutschland

Aus dem deutschen Profifußball sind in diesem Jahr 15 Spieler beim Afrika-Cup am Start. Der Kameruner Eric-Maxim Choupo-Moting vom FC Bayern freut sich ebenso auf das Turnier wie der Ägypter Omar Marmoush vom VfB Stuttgart. Die beiden Vereine lassen ihre Spieler ziehen und unterstützen sie. Das machen nicht alle Clubs. „Jeder europäische Verein, der einen afrikanischen Spieler verpflichtet, weiß um diese Problematik“, sagt dazu der nigerianische Sportjournalist Osasu Obayiuwana und fordert: „Wenn sie einen Spieler verpflichten, müssen sie dessen Herkunft und Kultur respektieren.“

Der Afrika-Cup hat in diesem Jahr nicht nur ein Akzeptanzproblem. Im Hinblick auf Corona und vor allem die Omikron-Variante gibt es große Befürchtungen. In Kamerun, wo das Turnier ausgetragen wird, wurden seit Pandemiebeginn 109 000 Infektionen registriert, 1850 endeten mit dem Tod, keine drei Prozent der Bevölkerung sind geimpft. In Kamerun sollen die Stadien dennoch bis zu 80 Prozent ausgelastet werden. Diese Art der Großzügigkeit im Umgang mit Corona führt zu heftigen Diskussionen.

Als wäre das nicht schon genug, gibt es auch eine politisch geprägte Sicherheitsdebatte. Im Norden Kameruns herrschen Unruhen und Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Zwei englischsprachige Regionen wollen sich abspalten, sie fühlen sich von der französisch sprechenden Bevölkerung unterdrückt.

Zerrissenheit im Land

Kamerun war erst deutsche Kolonie, später teilten sich die Kolonialmächte Frankreich und England das zentralafrikanische Land auf. Diese Phasen der Unterdrückung haben zu einer Zerrissenheit geführt, von der sich Kamerun nicht erholt hat.

Was ist dem Afrika-Cup zu wünschen? Das alles friedlich verläuft und die Pandemie nicht weiter Fahrt aufnimmt. Für guten Sport werden die Fußballer sorgen. Ein Sportwettenanbieter sieht übrigens den Senegal als Favoriten auf den Turniersieg. Gute Chancen soll auch der Titelverteidiger Algerien haben. Wenn Ramy Bensebaini dann als Afrika-Meister zurück zu Borussia Mönchengladbach kehrt, dann sind sie am Niederrhein ganz sicher mächtig stolz auf ihn – und froh, dass sie den Linksverteidiger auf seinen Heimatkontinent haben ziehen lassen.