Emmanuel Macron und Marine Le Pen: Seine Politik hat ihren Aufstieg ermöglicht, so sieht es zumindest Didier Eribon. Foto: IMAGO/MAXPPP/IMAGO/Alexandre MARCHI

Was gerade in Frankreich passiert, hat der Soziologe Didier Eribon schon früh vorhergesehen. Im Stuttgarter Literaturhaus hat er sein neues Buch vorgestellt. Mit Grauen blickt er auf das, was auf das Land in der nächsten Woche zukommen könnte.

In Frankreich liegen die Nerven blank. Was bisher als Schreckgespenst, wenn es darauf ankam, immer noch die politische Vernunft der Wähler diszipliniert hat, könnte in der nächsten Woche bei der von Präsident Emanuel Macron vom Zaun gebrochenen Parlamentswahl im Schafspelz der „Entteufelung“ triumphieren. Die extreme Rechte hat für viele Franzosen ihren Schrecken verloren – und der, der dieses schon lange vorausgesehen hat, sitzt nun auf dem Podium des Stuttgarter Literaturhauses.

 

Didier Eribon Foto: www.imago-images.de/IMAGO/dts Nachrichtenagentur

In seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ hat der französische Soziologe Didier Eribon bereits 2009 die Gründe für den Schwenk der französischen Arbeiterklasse von links nach rechts analysiert. Die Neugier auf seine Deutung des aktuellen Geschehens hat trotz der zum Anlass passenden gewittrigen Schwüle den Saal gut gefüllt.

Doch in die Rolle des Propheten will er nicht schlüpfen: „Ich habe nur vielleicht etwas früher als andere bestimmte Prozesse in meiner Familie beobachtet und die Schlüsse daraus gezogen“, sagt Eribon. Deshalb beginnt das Gespräch mit dem Übersetzer Tobias Haberkorn dort, wo das Leben seiner Mutter endet: im Altersheim. In der ihm eigenen Melange aus autobiografischem Erzählen, soziologischer Beschreibung und politischer Einordnung zeigt er in seinem neuen Buch „Eine Arbeiterin“, dass das Alter eben nicht nur biologischen Tatsachen, sondern auch gesellschaftlichen Verhältnissen unterworfen ist.

Im Unterschied zu anderen Bereichen allerdings, wo sich Einzelne für ein gemeinsames politisches Projekt zusammenschließen, sei das im Falle älterer Menschen nicht möglich. Die letzte Station seiner Mutter ist ein trostloses staatliches Altersheim, dem sie nach sieben Wochen in den Tod entkommt.

Späte Liebe

Ihre verzweifelten Anrufe, in denen sie über haarsträubende Verhältnisse berichtet, seien der Ausgangspunkt für das Buch gewesen, sagt der 70-Jährige Autor. „Kann es sein, dass es in einem von staatlichen Trägern organisierten Altenheim in Frankreich nicht möglich sein sollte, mehr als einmal in der Woche zu duschen?“ Nicht nur, wo sich Armut und Pflegenotstand verbinden, sei er bei seinen Recherchen auf schockierende Zustände gestoßen, auch in von Profitmaximierung getriebenen privaten Einrichtungen.

Die Klagen der Mutter sind für den Sohn politische Botschaften, denen sein Buch eine Stimme geben will. Der Körper einer Arbeiterin, die zeitlebens hart geschuftet hat, unterliege beispielsweise anderen Alterungsformen und Abnutzungserscheinungen als der einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen. Der in die Pariser Bildungselite aufgestiegene „Klassenflüchtling“ verschweigt im Literaturhaus seine Schuldgefühle nicht, sich zu wenig gekümmert zu haben, erzählt aber auch mit verschmitzten Witz, wie er, der Schwule, und die Mutter sich gegen die konservativen Brüder verbünden, als die betagte Frau nach dem Tod ihres ungeliebten Ehemannes noch einmal eine Affäre mit einem 15 Jahre jüngeren Liebhaber eingeht.

Große, große Wut

Doch der, mit dem sie sich bestens versteht, ist ein Neofaschist. Und damit kommt die aktuelle Lage ins Spiel. Leute wie seine Mutter, fühlten sich verraten: von der Linken, weil sie die soziale Frage vernachlässigt habe, von der neoliberalen Politik Macrons, weil sein radikaler Sparkurs überall zu Verhältnissen führt, wie sie im Buch stellvertretend in dem Bereich des Alters, der Pflegeeinrichtungen aufbrechen. „Überall wurde der öffentliche Dienst heruntergespart, es gibt eine große, große Wut in der französischen Bevölkerung, besonders auf dem Land.“ In dem Dorf, in dem Eribon aufgewachsen ist, nordöstlich von Paris, habe die Partei Le Pens bei der Europawahl 50 Prozent erzielt. Früher jubelten dort die Kommunisten.

Den französischen Präsidenten verachtet Eribon mindestens so sehr wie seine Mutter den cholerischen und eifersüchtigen Mann, mit dem sie 50 Jahre verheiratet war. „In Deutschland wird Macron immer wieder als Retter Europas gefeiert, in Wirklichkeit hat seine Politik eine Partei gestärkt, die Europa zerstören will und die durch sein jetziges Manöver an die Macht gelangen könnte.“

Die Situation empfinde er als zutiefst erschreckend, ja schockierend. Einzig einen Silberstreif am düsteren Horizont will er erkennen in dem Zusammenschluss des linken Spektrums zu einer Wahlkoalition. Bedenkt man allerdings, dass an deren Spitze ein Linkspopulist, Putinfreund und sich immer wieder zu antisemitischen Aussagen hinreißen lassender Europaskeptiker wie Jean-Luc Mélenchon steht, verfliegt der Hoffnungsschimmer auch schnell wieder.