Stuttgart - Wie werde ich Popstar? Diese Frage quält Tausende Teenager. Die Antwort ist leicht: Indem mich möglichst viele Menschen sehen. Internet-Plattformen wie You Tube und My Space machen es möglich - und mancher Couch-Musiker wird über Nacht zum Star.

Sungha Jung (12) etwa hat es geschafft. 48 Millionen Menschen haben das Video des koreanischen Gitarrenwunderjungen im Internet-Portal You Tube angeklickt. Eine Zahl, die die Musik-Majors Warner Music, Universal, EMI und Sony/BMG grübeln lässt. Erst recht, seit aus Branchenkreise durchgesickert ist, dass selbst die Pop- Giganten U2 mit ihrer letzten CD "No Line On The Horizon" kaum die weltweiten Werbekosten eingespielt haben.

Während die angeschlagene Musikbranche von einer Krise in die nächste taumelt, in inflationären Castingshows neue Gesichter sucht und damit weiter an der Entwertung des Kulturgutes Popmusik arbeitet, werden im Internet reihenweise neue Stars geboren - ganz ohne Marketing.

Sungha Jungs Erfolgsgeheimnis: Mit kindlichem Spieltrieb und einem fotografischen Gedächtnis vermag der kleine Koreaner selbst komplexe Kompositionen auf erstaunliche Art nachzuspielen. Ob Beatles oder Bob Marley, Bach oder Bob Dylan - Sungha Jung covert sie alle. "Ich weiß nicht wieso, aber ich kann alles nachspielen, wenn ich es höre", sagt der schmächtige Junge. Früher hat er am Computer gespielt, heute stellt er lieber seine neusten Cover-Versionen ins Internet. Berühmt wollte er nicht werden. Der weltweite Applaus kam einfach so. Einmal losgetreten, verbreitete sich die Nachricht vom Gitarrenwunderkind mit viraler Übertragungsgeschwindigkeit im Netz. Eine Pop-Pandemie sozusagen. Keine Qualitätskontrolle funktioniert besser als die globale Community im Netz. Sie ist unbestechlich, unabhängig, unvoreingenommen.

"Andy McKee spielt auf seiner Gitarre so eine Art Wurstfinger-Tapping, aber derart virtuos, dass man hinknien möchte", kommentiert ein Nutzer den Akustikgitarristen aus Topeka im US-Bundesstaat Kansas. Rasant hat der dickliche junge Mann mit dem Außenseiter-Image durch verträumte Instrumental-Songs wie "Drifting" 25 Millionen Fans gewonnen. Oder der kanadische Straßenmusiker Erik Mongrain, der sein Paradestück "Air Tap" mit seiner Gitarre auf den Knien liegend spielt und mit seiner ungewöhnlichen Saitenbearbeitung zum Web-Wunder avancierte. Inzwischen erregt er nicht mehr Aufmerksamkeit in der Fußgängerzone, sondern auf den Daten-Autobahnen im Internet. Mongrain hat weltweit zehn Millionen Fans - eine Zahl, die heute selbst mit hohem finanziellem Aufwand und multimedialer Werbung kaum zu erreichen ist.

Auch Deutschland hat seine Web-Stars. Jasper März ist einer von ihnen. Seine Karriere beginnt mit der Konzertgitarre seiner Schwester, auf der der 22-jährige Emdener ein Lied klimpert. Und zwar über eine Angewohnheit seiner Freundin, die ihn nervt. Der daraus geborene "HDL-Song" macht März berühmt. "Ursprünglich wollte ich nur ein paar Freunde per Internet auf dem Laufenden halten, was neue Lieder angeht", sagt März. Die kann man jetzt auf seinem Album "Neidlos" hören.

Das Internet zwingt die Musikbranche zum Umdenken. Spätestens seit 2005, als die Brit-Popper den Plattenbossen zeigten, wie man auf der einen Seite Songs im Internet verschenkt und gleichzeitig Alben verkauft. Beispiel Arctic Monkeys. Die britische Band verteilte bei ihren Konzerten Demo-Songs und Live-Mitschnitte. Der Schneeballeffekt im Internet machte sie berühmt und ließ sie zum kulturökonomischen Phänomen werden. Obwohl ihre Songs frei verfügbar in den MP3-Playern Hunderttausender musikbegeisteter Jugendlicher landeten, blätterten die Fans bereitwillig Geld für die später regulär veröffentlichte Debüt-CD hin. Resultat: "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" verkaufte sich allein in der ersten Woche knapp 364000-mal.

Ähnliches gelang in Großbritannien nur den Spice Girls. Die wurden jedoch durch eine beispiellose Medienkampagne ihrer Plattenfirma Virgin unterstützt.

Langsam setzt ein Umdenken bei den Plattenfirmen ein. Doch nur wer etwas wirklich Eigenes, Besonderes zu bieten hat, für den gibt der Fan auch Geld aus. Im Internet greifen keine Manipulationsstrategien, keine lancierten Schlagzeilen und keine Kampagnen. Die Fans im Netz entscheiden basisdemokratisch.

Kein Wunder, dass fast jede Plattenfirma heute einen Web-Beobachter beschäftigt, der nach Talenten sucht, die heute noch nicht wissen, dass sie morgen vielleicht schon berühmt sind.