Ein Krematorium wie dieses in Stade können sich die Bestatter im Raum Lahr vorstellen Foto: Feuerbestattungen Stade

Schwerer Schlag für das Krematorium der Stadt Lahr: Die geplante private Einäscherungsanlage wird von einer Vielzahl von Firmen getragen – die ihre eigenen Kunden werden.

Der Weg war klar vorgezeichnet: Wenn im Herbst 2027 der Pachtvertrag mit dem Betreiber des Krematoriums auf dem Bergfriedhof ausläuft, übernimmt die Stadt ihre Anlage selbst. Davon ließen sich die Verantwortlichen auch nicht abbringen, als vor einigen Tagen das Vorhaben hiesiger Bestatter bekannt wurde, ein eigenes Krematorium zu bauen. Bis jetzt. Denn was die Initiatoren nun bei einem Pressegespräch bekanntgaben, dürfte alle (wirtschaftlichen) Planungen aus dem Rathaus über den Haufen werfen.

 

Deutlich mehr Beteiligte

Bis dato ging man davon aus, dass sieben Unternehmen aus der näheren Umgebung hinter den privaten Krematoriumsplänen stecken. Sie hatten OB Markus Ibert und die Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderats vergangene Woche per Brief über ihr Projekt informiert. Tatsächlich sind es 37 Firmen, hauptsächlich aus dem Ortenaukreis, aber auch aus dem Raum Emmendingen, wie Ralph Rottenecker erklärt. Er führt mit seinem Sohn Janik und seiner Frau Marina drei Bestattungsunternehmen in und um Lahr – und ist Ideengeber für das sogenannte „Haus des Abschieds“. Man habe in den vergangenen Wochen und Monaten „viele gute Gespräche mit den Kollegen geführt“, alle seien schnell begeistert gewesen. Aktuell werde der Gesellschaftsvertrag vorbereitet.

Unzufriedenheit mit den Plänen der Stadt

Dass die Bestatter eine eigene Einäscherungsanlage planen, liegt vor allem daran, dass sie vom städtischen Konzept für den Bergfriedhof nicht überzeugt sind. Dort sollen drei Millionen Euro investiert werden. Dass damit die Bedingungen für Angehörige und Bestatter merklich verbessert werden können, glaubt Janik Rottenecker nicht: „Es fehlt schlicht und einfach am Platz für eine moderne, zeitgemäße Anlage.“ Ums Geld gehe es den Bestattern jedenfalls nicht, betont Ralph Rottenecker; als Beleg dafür verweist er nicht zuletzt auf die Vielzahl der Beteiligten.

Investition in Millionenhöhe

Der Plan der Bestatter sieht vor, sich die avisierten Kosten von 4,5 Millionen Euro mit einem Investor – Verwandtschaft der Rotteneckers – zu teilen. Letzterer kauft das Grundstück und baut das Gebäude. Die gut drei Dutzend Unternehmen, die das Krematorium mieten werden, zeichnen für die Innenausstattung verantwortlich. „Allein der Ofen schlägt mit 1,5 Millionen Euro zu Buche“, sagt Janik Rottenecker.

Kritik an der Kommunikation der Stadt

Laut Ralph Rottenecker hat ein Vertreter der Verwaltung vor einiger Zeit seiner Familie das städtische Konzept vorgestellt – und dabei eine Beteiligung der Bestatter ausgeschlossen. „Uns wurde klar mitgeteilt, dass das Krematorium künftig als Eigenbetrieb laufen soll.“ Ergo habe er seine Überlegungen zu einer eigenen Anlage forciert. Vor allem auch deshalb, weil die Stadt einer Bauvoranfrage von Marcus Lösle eine Absage erteilt hatte. Wie berichtet, plante der Erbauer des Bergfriedhof-Krematoriums ein neues auf seinem Grundstück in der Raiffeisenstraße, dort wo einst die Gaskugel stand. „Hätte man Herrn Lösle bauen lassen, wäre das Thema für uns erledigt gewesen“, sagt Ralph Rottenecker.

Rechnung der Stadt obsolet

Der Wirtschaftsplan der Bestatter beinhaltet einen entscheidenden Punkt: 3000 Einäscherungen pro Jahr. Durch die involvierten Firmen seien sogar 3700 garantiert, sagt Ralph Rottenecker. Laut seinem Sohn Janik soll der Ofen im „Haus des Abschieds“ eine Kapazität von 5000 Kremationen haben – was aber nicht das Ziel sei: „Wir wollen keinen Leichentourismus, sondern setzen voll auf die Region.“ Die Stadt kalkulierte für sich ursprünglich mit 2500 Einäscherungen, die 1,3 Millionen Euro Ertrag bringen sollten. Auch bei weniger wäre ein Betrieb wirtschaftlich, hieß es zuletzt aus dem Rathaus. Für Ralph Rottenecker steht indes fest: Welche Rechnung auch immer die Stadt aufmacht, sie kann nicht mehr aufgehen. „De facto bleibt nichts mehr übrig.“ Auch weil Bestatter grundsätzlich private Krematorien den kommunalen vorziehen, ergänzt Janik Rottenecker. Der größeren Flexibilität wegen.

Einen Standort-Favoriten im Blick

Herzstück des Krematoriums soll ein „topmodernes, ansprechendes Gebäude“ (Janik Rottenecker) sein, das vom Hygiene- und Abschiedsraum, über eine Cafeteria bis zur Technik alles unter einem Dach vereint. Drumherum ist eine parkähnliche Außenanlage geplant. Dafür brauche es ein etwa 2500 Quadratmeter großes Grundstück. Der Standort steht den Initiatoren zufolge noch nicht fest – allerdings ließen sie durchblicken, dass die bisherige Berichterstattung der LZ „nicht falsch“ war. Nach Informationen unserer Redaktion wurden Gespräche mit den Gemeinden Schwanau und Neuried geführt, aktueller Favorit ist aber der Friesenheimer Ortsteil Schuttern. „Definitiv aus dem Rennen ist Lahr“, macht Ralph Rottenecker deutlich. Bedeutet: Damit geht die Stadt auch bei den Gewerbesteuern und Gebühren leer aus. Ein Betrag von geschätzt rund 100 000 Euro im Jahr.

Geplante Eröffnung Ende 2027

Der Zeitplan der Bestatter ist nach ihrem eigenen Befinden „ehrgeizig, aber absolut machbar“. Ein externes Beratungsunternehmen haben sie längst an ihrer Seite, ein Bauplan liegt bereits vor. Im Herbst 2027 wollen sie ihr Krematorium in Betrieb nehmen – just dann, wenn die Stadt nach aktuellem Stand plant, die Anlage auf dem Bergfriedhof zu übernehmen. Wobei Ralph Rottenecker betont: „Was die Stadt macht, ist uns völlig egal, wir ziehen unser Ding durch.“

So plant die Stadt

Der Haupt- und Personalausschuss des Lahrer Gemeinderats hat sich am Montag nichtöffentlich mit klarer Mehrheit dafür ausgesprochen, eine stadteigene GmbH für den Betrieb des Krematoriums auf dem Bergfriedhof zu gründen. Am Mittwoch tagte der Technische Ausschuss, erneut hinter verschlossenen Türen. Beide Sitzungen fanden in Unkenntnis der genauen Pläne der Bestatter statt. Entscheiden soll der Gemeinderat Ende Mai.