Ob das „stambulante“ Pflegekonzept, das Kaspar Pfister in Meßstetten umsetzen wollte, doch kommt? Der BeneVit-Chef hat Zweifel und will deshalb endlich loslegen mit dem Bau des „Sozial- und Gesundheitszentrums“ in Meßstetten. 2025 soll’s losgehen.
Das Sozial- und Gesundheitszentrum (SGZ) noch weiter aufschieben, nur weil das „stambulante“ Konzept vielleicht nicht in die Regelversorgung aufgenommen wird, wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach es im März angekündigt hatte? Das kommt für die BeneVit-Gruppe nicht in Frage – es hängt zu viel dran, wie deren Chef Kaspar Pfister, seine Tochter Claudia Kanz und Bürgermeister Frank Schroft am Mittwoch klargestellt haben.
Ein Haus, in dem ein Pflegeheim, eine Tagespflege, die Sozialstation der Stadt, ein Kindergarten, vier Arztpraxen – für drei gibt es schon Vereinbarungen mit Ärzten – und eine Apotheke unterkommen sollen: Selbst Branchen-Kenner Pfister kennt bundesweit nichts Vergleichbares. Und er will endlich loslegen. Schon weil die Baukosten steigen. Wäre das Haus 2022 in Betrieb gegangen, wie geplant, hätte es 11,5 Millionen Euro gekostet. Jetzt kalkuliert Claudia Kanz, studierte Architektin, mit 17 Millionen Euro.
„Die Menschen brauchen die Pflegeplätze!“
„Vor allem wissen wir, wie sehr die Menschen Pflegeplätze brauchen“, betont Pfister, der schon 2019 den Erbbauvertrag für das Grundstück an der Hossinger Straße mit der Stadt geschlossen hat. Sein Modellprojekt „Stambulant“ hat BeneVit 2016 in Whyl am Kaiserstuhl in einem eigens errichteten Gebäude umgesetzt, es sechs Mal vom unabhängigen Beliner Institut IGES evaluieren lassen. „Die sagten mir: ‚Wir haben zwei Jahre lang nach Fehlern gesucht, aber keine gefunden‘“, sagt Pfister.
Die Meßstetter Stadträte hatten 2018 Whyl besucht und klar gesagt: „Das wollen wir auch!“ Denn die Mischung aus ambulanter und stationärer Pflege erlaubt es Angehörigen, Pflegekräfte zu entlasten und dadurch Kosten zu sparen. Pflegepatienten könnten oft im Pflegegrad zurückgestuft werden, weil sie mehr Kontakt zu ihren Angehörigen haben, sozial besser eingebunden seien.
Einzig die Kritiker unter den Vertretern der Spitzenverbände, die nun die Details des neuen Pflegekompetenzgesetzes formulieren müssen, um die Gesetzeskraft möglich zu machen, hätten nicht mit ihm gesprochen, sagt Pfister kopfschüttelnd und nennt Beispiele für Absurditäten: „Die AOK Baden-Württemberg ist dafür, die AOK im Bund dagegen.“ Die einen befürchteten eine „dritte Säule“ in der Pflege – neben ambulant und stationär –, andere mehr Bürokratie, wofür kein Anlass bestehe, und wieder andere argumentierten: „Dafür müssen wir unsere EDV umstellen – für Stambulant gibt’s kein Formular.“ Der Bundesverband der Privaten Anbieter habe ihm vor vier Jahren einen Preis für sein Konzept verliehen – und sei nun dagegen. Pfister versteht die Welt nicht mehr: 220 Millionen Euro an Ausgaben könnten die Kassen jährlich sparen, Angehörige bis zu 1000 Euro pro Monat – eine „Win-Win-Situation“, wie Pfister sagt. Und für manche eben zu gut, um wahr zu sein.
Der Gemeinderat hat schon gehandelt
Dabei steckten 100 Millionen Euro an Investitionsvolumen „in der Pipeline“ in jenen Gemeinden, wo BeneVit ein stambulantes Pflegeheim bauen will. 23 Bürgermeister und Oberbürgermeister – darunter aus Meßstetten und Albstadt – unterstützen deshalb das BeneVit-Konzept – und geben nicht auf: Anfang November will Frank Schroft aus Meßstetten nach Berlin zur einem Treffen mit Bundesparlamentariern fahren. Den Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan „Rechts der Hartheimer Straße/ Links der Hossinger Straße“ hat sein Gemeinderat am Mittwochabend einstimmig gefasst. Bis Jahresende hofft Pfister auf seine Baugenehmigung – im Sommer 2025 sollen die Bagger rollen, das Haus Ende 2026 fertig sein: Erdwärme und Photovoltaik inklusive. „Das können wir auch ohne Heizungsgesetz“, sagt Pfister trotzig mit Blick auf die Politik, von der er sichtlich enttäuscht ist.
Das Gebäude plant Claudia Kanz nun so, dass sich dort nicht nur das derzeit erlaubte Hausgemeinschaftskonzept – wie an 27 BeneVit-Standorten – umsetzen lässt, sondern auch das stambulante. Doch diese Flexibilität treibt die Kosten in die Höhe, zumal für jede der beiden Formen ein anderes Brandschutzkonzept nötig ist.
Ein möglicher Anker: die Landesregierung
Hoffnung setzt Pfister in die Landesregierung von Baden-Württemberg, die hinter „Stambulant“ stehe, Sozialminister Manne Lucha ohnehin. Und er hofft darauf, dass die Kritiker in den Spitzenverbänden mit ihm reden, sich die Evaluierungsergebnisse zu Gemüte führen – und nicht pauschal ablehnen, was so viele Vorteile habe: Pflegefachkräfte seien leichter für „Stambulant“ zu gewinnen. „Und es geht um Investitionen in den ländlichen Raum.“
Am 6. November wird das Bundeskabinett entscheiden. Dann wird es spannend.