Der 28-jährige Beschuldigte befindet sich derzeit in einer psychiatrischen Klinik und wird – hier mit seinem Lahrer Anwalt Manuel Singler – mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Foto: Armbruster

Ein 28-jähriger Offenburger soll einer zunächst Minderjährigen massiv nachgestellt haben. Beim Prozess am Landgericht kam nun das mutmaßliche Opfer zu Wort.

„Mir war klar, dass etwas passieren wird, nur nicht wann. Ich habe jeden Tag damit gerechnet, zu sterben“, erklärte die 19-Jährige am Mittwoch im Zeugenstand. Unter Tränen schilderte sie die Jahre zwischen der ersten Begegnung mit dem Beschuldigten und dessen Festnahme im Sommer 2025 aus ihrer Sicht. Aus harmlos wirkenden Aufmerksamkeiten sollen sich Psychoterror und handfeste Drohungen entwickelt haben.

 

Der heute 28-Jährige habe ihr über die Jahre immer wieder – teils sexualisierte – Briefe und Zeichnungen sowie Nacktfotos von sich zukommen lassen. Er habe sie und ihre ganze Familie mit Anrufen und über Nachrichten auf den Sozialen Medien terrorisiert – doch damit nicht genug: „Egal wo ich war, ist er aufgetaucht“, berichtete die 19-Jährige.

Sie sprach von Panikattacken, ständiger Übelkeit und dem Gefühl des Ausgeliefertseins als Folge. „Meine Gedanken, meine Träume – ich war immer eingeschränkt. Er hatte mich in der Hand. Wenn er wollte, dass es mir schlecht ging, hat er einfach geklingelt.“ Selbst im Schlaf habe sie keine Ruhe gefunden.

28-Jähriger soll auf ein Auto eingeschlagen haben

Der traurige Höhepunkt soll ein Angriff im Sommer 2025 gewesen sein. Da habe der 28-Jährige unvermittelt die Heckscheibe des Wagens der jungen Frau eingeschlagen, als diese gerade an einem Zebrastreifen am Bahnhof Offenburg warten musste. „Ich habe nur einen Knall gehört und dachte eine Laterne sei aufs Dach gefallen. Dann habe ich mich umgedreht und sah ihn lachen“, schilderte die 19-Jährige.

Sie sei daraufhin in Panik geraten, wollte auf das Gelände eine Tankstelle in unmittelbarer Nähe fahren, da habe der 28-Jährige jedoch bereits auf sie gewartet. Er sei auf Inline Skates unterwegs gewesen. Sie sei daraufhin über die Union-Brücke gefahren, habe dann die Polizei gerufen. Auch dorthin soll sie verfolgt worden sein. „Bis die Polizei bei mir war, dauerte das locker 15 bis 20 Minuten“, schilderte sie. Die Beamten hätten den 28-Jährigen dann festgenommen.

Beschuldigter bestätigte Vorwürfe in etwa

Die Aussage der jungen Frau konnte Richter Matthias Eckelt relativ kurz halten. Der 28-Jährige hatte – im großen und ganzen – die Vorwürfe eingeräumt. Die heute 19-Jährige habe der Beschuldigte 2013 als Sechsjährige in der Nachbarschaft kennengelernt, verlas Staatsanwalt Dominik Nasall beim Prozessauftakt.

Er soll sich spätestens 2017 – im Alter von 19 Jahren – in die dann Elfjährige verliebt und habe sie 2020 und 2021 eine Zeit lang „ununterbrochen kontaktiert“. Der Beschuldigte habe so eine Vielzahl von Polizeieinsätzen und Strafanzeigen ausgelöst. Aufgrund einer psychischen Erkrankung hält die Staatsanwaltschaft ihn für schuldunfähig und beantragt seine dauerhafte Unterbringung in einer Psychiatrie.

Angefangen hatte alles recht harmlos, schilderte die Mutter der Geschädigten. Anonyme Briefe und kleine Geschenke, abgelegt vor der Haustür des Mädchens – alles nur gekennzeichnet mit einem Initial. „Wir dachten am Anfang, das stammt vielleicht von einem Schulkameraden. Da hatte sich meine Tochter noch gefreut“, erinnerte sich die 47-Jährige. Sie nahm den Beschuldigten erst „beim Vorfall mit dem Vogel“ wahr.

Sie sei mit der damals Elfjährigen im Garten gewesen, als sie der junge Mann, der ihr aus der Nachbarschaft bekannt vorkam, ansprach. „Er hat gefragt, ob er eine Schaufel ausleihen darf, weil er einen Vogel beerdigen will“, so die 47-Jährige. Er habe zudem gefragt, ob das Mädchen mitkommen möchte. „Ich hab mir nichts dabei gedacht, dafür hasse ich mich bis heute.“

Mutter der Geschädigten ringt um Fassung

Kurz darauf sei ihre Tochter ganz verstört zurückgekommen. „Mama, der Mann hat gesagt, dass er in mich verliebt ist“, zitierte die 47-Jährige. Bei nächster Gelegenheit habe sie dem Beschuldigten zu verstehen gegeben, dass ihre Tochter keinen Kontakt zu ihm haben möchte und auch erst elf Jahre alt sei. „Da hatte er den Eindruck gemacht, als hätte er es verstanden“, berichtete die Mutter – danach sei es jedoch erst richtig schlimm geworden.

Sie selbst sei mittlerweile in Traumatherapie, berichtete die 47-Jährige, die bei ihrer Aussage immer wieder um Fassung rang. Eine vom Verteidiger des 28-Jährigen für seinen Mandanten ausgesprochene Entschuldigung, nahm sie nicht an.

Die 19-Jährige berichtete, dass sie nun erstmal ihre neue Freiheit – der Beschuldigte ist während der Verhandlung in einer Psychiatrie untergebracht – genießen wolle. „Ich will alles erstmal hinter mir lassen. Wenn ich merke, es geht nicht mehr, dann hole ich mir Hilfe“, erklärte die junge Frau.

Aus dem Nebenraum

Angehörige und Freunde der jungen Frau fanden sich am Mittwoch im Zuhörerraum. Laut Aussage der 19-Jährigen seien Familienmitglieder in der Hochphase der Nachstellungen regelrecht Patrouille gegangen, um sie zu schützen. Ihre Aussage musste der Beschuldigte mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand vom Nebenraum aus verfolgen.