Das Potenzial der beiden Ortszentren der Doppelgemeinde – hier ein Blick über Grenzach – soll gesteigert werden. Foto: Tim Nagengast

Mit attraktiven Aktionen, Pop-up-Geschäften statt Leerständen und mehr Verweilmöglichketen sollen die beiden Ortszentren und der lokale Einzelhandel gestärkt werden.

Kleinere und mittelgroße Städte befinden sich seit einigen Jahren in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Der zunehmende Onlinehandel sowie ein verändertes Einkaufs- und Freizeitverhalten führen zu Rückgängen in der Besucherfrequenz, sinkenden Umsätzen und vermehrten Leerständen. Für eine langfristige Bindung des stationären Einzelhandels an die Ortszentren sowie zur Sicherung lebendiger, attraktiver Innenstädte gelten, neben bestehenden Förderprogrammen des Landes Baden-Württemberg, vor allem konzeptionelle und strategische Ansätze als erforderlich.

 

Passanten wurden befragt

Mit dem Landesprogramm „Handel 2030“ fördert das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus regionale Innenstadtberater, die Kommunen bei der Entwicklung solcher Konzepte unterstützen. Ziel ist es, Maßnahmen zur Stärkung der Ortszentren zu entwickeln, Potenziale sichtbar zu machen und zentrale Akteure einzubinden.

Die Gemeinde Grenzach-Wyhlen hat voriges Jahr an dem Programm (kostenfrei) teilgenommen und ließ die Durchführung der sogenannten Innenstadtberatung durch die IHK Hochrhein- Bodensee vornehmen. Die Ergebnisse sind nun dem Gemeinderat vorgestellt worden. Dazu war IHK-Innenstadtberaterin Victoria Arens im Gremium erschienen.

Großangelegte Studie

Um entsprechende Daten zu erheben, hatte Arens im vergangenen Frühjahr unter anderem an zwei Tagen sowohl in Grenzach als auch in Wyhlen jeweils rund 100 Passanten befragt. Im Herbst gab es einen „partizipativen Innenstadtcheck“ mit Gewerbetreibenden, Gemeinderatsmitgliedern und Verwaltungsvertretern. Außerdem haben jeweils rund 150 Bürger aus Wyhlen und Grenzach an einer Onlinebefragung teilgenommen. Des Weiteren wurden mittels Frequenzmessgeräten die Passantenzahlen an der Basler Straße, in der Garten- und der Jacob-Burckhardt-Straße erfasst – und das über einen Zeitraum von sechs Monaten.

Zu wenig Ambiente

Das Ergebnis zeigt laut Arens, dass der Einzelhandel in beiden Ortsteilen für mehr als 70 Prozent des Passantenstroms verantwortlich ist. Knapp jeder zweite Befragte gab zudem an, im Ort zu wohnen. Dafür, dass „etwas los“ ist, ist also größtenteils der lokale Handel unverzichtbar. Vermisst werden vor allem ein besseres Ambiente, Verweilmöglichkeiten, Aufenthaltsflächen und Cafés.

Einzelhändler kritisch

Ein differenziertes Bild der Lage ergibt sich derweil aus den Gesprächen, die Arens mit den Einzelhändlern geführt hat. Dabei wurden unter anderem Parkplatzprobleme, aber auch das Fehlen jüngerer Kundschaft beklagt. Die Baustellenkommunikation sei überdies „mangelhaft“.

Schweizer wollen nur zum Hieber und zu dm

Die vielzitierte Schweizer Kundschaft übrigens kommt zwar durchaus häufig nach Grenzach-Wyhlen zum Einkaufen, steuert aber – so die Wahrnehmung vieler Einzelhändler – dabei vor allem gezielt den großen Hieber im Gleusen sowie den dm-Markt an. „Die fahren dorthin und wieder weg – der Rest interessiert sie nicht wirklich“, brachte Arens es im Gemeinderat auf den Punkt. Die Hoffnung auf Besserung ruhe daher vor allem auf den künftigen beiden Neuen Mitten.

Kritik an der B 34 neu

Außerdem sollen – abseits von Aktivitäten wie dem Weinfest oder dem Johannimarkt – „Besuchsgründe“ geschaffen werden. Wirtschaftsförderin Silke d’Aubert etwa möchte als Kooperation von lokalen Händlern und Gastronomie deshalb zwischen Mai und September einmal monatlich „Hinterhof-Apéros“ initiieren – drei in Grenzach, zwei in Wyhlen. Auch soll der die lokale Kaufkraft bindende Bärenscheck weiter gestärkt werden. Des Weiteren sollen Leerstände verkürzt und mit Pop-up-Geschäften temporär belegt werden. Die Gemeinde will hier als Vermittlerin tätig werden.

Werden die Ortszentren künftig „umfahren“?

Ziemlich nüchtern beurteilte Katja Schäfer (SPD) derweil die aktuelle Situation in beiden Ortsteilen. „Es fehlen Ambiente und Flair, es lädt wenig zum Verweilen und Bummeln ein.“ Große Sorge vor einer negativen Form der „Innenstadtberuhigung“ äußerte Tilo Levante (FDP.) Michael Schwab (FW) – er war zehn Jahre lang Vorsitzender des Handwerker- und Gewerbevereins sowie Mitinitiator des Bärenschecks – äußerte Bedenken wegen der Umgehungsstraße. „Wenn die fertig ist, werden die beiden Mitten abgehängt. Ich weise da schon seit zehn Jahren darauf hin.“