Rebekka Körnig ist stolz, im Rahmen ihres wissenschaftlichen Volontariats mit „Restwert. Zeugnisse der DDR in der Gegenwartskunst“ ihre erste eigene Ausstellung in der Städtischen Galerie zu kuratieren. Foto: Mareike Kratt

Unterschiedlichste Perspektiven auf die Geschichte der DDR werden in den Kunstwerken der Ausstellung „Restwert. Zeugnisse der DDR in der Gegenwartskunst“ geworfen. Kuratorin Rebekka Körnig gibt beim exklusiven Rundgang Einblicke in die Entstehung – und erklärt, welche Grundfunktion Kunst überhaupt hat.

„Die Ausstellung wird angenommen“, kann Kuratorin Rebekka Körnig, die bei der Städtischen Galerie seit rund anderthalb Jahren ihr wissenschaftliches Volontariat absolviert, nach rund zwei Monaten ein positives Zwischenfazit ziehen.

 

Sowohl das Schwenninger Stammpublikum sei an den Wochenenden in der Galerie anzutreffen als auch neue neugierige Menschen, deren Biografie in irgendeiner Form mit der ehemaligen DDR zusammenhängt. Sie seien interessiert, wie die eigene Vergangenheit sich in irgendeiner Form künstlerisch widerspiegelt.

Vielseitiges Rahmenprogramm

Positive Resonanz erfahre auch das facettenreiche Rahmenprogramm: Ein Pailetten-Workshop etwa hat zum Nähen, aber vor allem auch zum Erfahrungsaustausch über die DDR eingeladen, bei den Telefonführungen konnte die Kuratorin „zeitgemäße Museumsarbeit“ leisten und damit Kunstinteressierte aus ganz Deutschland erreichen.

Dass die „Restwert“-Ausstellung ihr Steckenpferd ist und sich wohl kaum jemand in der Thematik so gut auskennt wie Rebekka Körnig, ist naheliegend: Sie hat dazu ihre Dissertation verfasst und hatte anschließend Gelegenheit, eine entsprechende Ausstellung für die Galerie in Villingen-Schwenningen zu entwickeln – ihre erste eigene.

Vielseitig und multimedial ist die Ausstellung in der Städtischen Galerie gestaltet, wie die Videoarbeit „Soft Nails“ von Nadja Buttendorf im Hintergrund zeigt. Foto: Mareike Kratt

Studium in Jena

Und warum liegt die Rezeption der DDR-Kunst ihrer Doktorarbeit überhaupt zugrunde? Das seien persönliche Gründe, das sei aber auch Neugier gewesen, erzählt sie. Die gebürtige Weingärtnerin hat ihr Studium an der Universität in Jena absolviert und ist durch ihr Umfeld regelmäßig mit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik konfrontiert worden. Junge Menschen in Ostdeutschland hätten ein anderes Bewusstsein zum damaligen politischen System, sei ihre persönliche Erfahrung gewesen.

Viele Forschungsreisen

Zudem habe es sie gereizt, die DDR aus dem kunsthistorischen Blickwinkel zu betrachten. So habe sich die Volontärin sehr kritisch mit dem Rückblick auf die DDR beschäftigt – und sehr intensiv. „Die innere Motivation muss einen jahrelang tragen“, sagt die promovierte Kunsthistorikerin. Darin unter anderem enthalten waren Forschungsreisen nach Weimar, Leipzig, Chemnitz, Berlin oder Eisenhüttenstadt.

Rund fünf Jahre lang hat das Projekt – verzögert durch die Corona-Pandemie – gedauert, bis sie es im Frühjahr 2023 erfolgreich abschließen konnte. Doch dem nicht genug: „Ich habe es sogar bis zur Ausstellung geschafft“, sagt Körnig nicht ohne Stolz und gibt schmunzelnd zu: „In meinem Kopf war es schon immer eine Ausstellung.“

Keine Nostalgie

Für „Restwert“ hat die junge Kuratorin einen Teil der Künstler gewinnen können, mit deren Werken sie sich auch für ihre Doktorarbeit auseinandergesetzt hat. Und Körnig betont immer wieder: Es soll nicht um künstlerische Werke und Sichtweisen während der Zeit der DDR gehen, sondern um gegenwärtige künstlerische Sichtweisen auf die DDR. Gleichzeitig stellt sie klar: „Kein Künstler möchte die DDR zurück!“ Und so soll durch die unterschiedlichen Werke keine Nostalgie entstehen, keine Vergangenheit wieder auferlebt werden.

Thema Wiedervereinigung

Vielmehr geht es in manch einem Beitrag um das Thema der Wiedervereinigung aus heutiger Sicht. Da ist zum Beispiel der „Vereinigte Stuhl“ des Künstlers und Wendekinds David Polzin, der aus typisch westdeutschen und typisch ostdeutschen Bestandteilen beziehungsweise Materialien zusammengesetzt ist. Wie gut passt diese Vereinigung? Wer trägt wen? Das seien die Fragen, die Polzin damit stellen möchte, erklärt die Expertin. Antworten gebe es aber nicht.

Am Nähcafé-Workshop-Tisch können im Zuge des Rahmenprogramms der „Restwert“-Ausstellung Ossi-Wessi-Wendepailletten-Patches von Künstlerin Nadja Buttendorf auf Kleidungsstücke genäht werden. Foto: Mareike Kratt

Da ist die Fotoserie der beiden Künstlerinnen Alba D’Urbano und Tina Bara, die ehemalige erfolgreiche DDR-Profischwimmerin in ein Schwimmbad nach Leipzig eingeladen hatten, um sie auf Startblöcken zu fotografieren. Ihre Aufgabe: sich aus heutiger Sicht an die damalige Siegerehrung erinnern, als sie als Vertreterinnen des DDR-Staates im Einsatz waren. „Die Bilder fordern uns auf darüber nachzudenken, in welchen Systemen man aufwächst“, erklärt Rebekka Körnig.

Ist das Kunst?

Einen konkreten Bezug zum Titel „Restwert“ nimmt Künstlerin Liz Bachhuber mit ihrer „Schatzkammer“, für die sie DDR-Metallschrott zusammengesammelt, sortiert und vergoldet hat – alles Objekte, die als Metapher verwendet werden und die Frage hervorrufen: Was hat welchen Wert und was kann man tatsächlich wegschmeißen? Der Wertediskurs sei überall präsent, ergänzt die Kuratorin, und die Wertezuschreibung erfolge nicht über die Objekte selber, sondern über die Menschen.

Wer darf bestimmen?

Um die Frage, wer eigentlich den kunsthistorischen Raum bestimme, geht es bei der Serie „Die verschwundenen Bilder“ von Margret Hoppe, die ebenso ein Kind der Wende ist. Sie dokumentiert Kunstwerke, die im Übrigen in der DDR eine klare Funktion hatten und aus dem öffentlichen Raum verschwunden sind.

Ein You Tube-Trend

Mit der Geschichte des DDR-Großbetriebs VEB Robotron – der damalige größte Produzent von Hard- und Software im Land – beschäftigt sich die Künstlerin Nadja Buttendorf. Ihre Werke greifen gegenwärtige Ästhetiken der Massenmedien auf. So gibt sie einen facettenreichen Einblick in den damaligen Arbeitsalltag von VEB Robotron, indem sie ihn durch eine YouTube-Serie in die Gegenwart holt.

Ein weiterer Großbetrieb, der mit dem Mauerfall eingestellt wurde, ist das Bergbauunternehmen SDAG Wismut. Es hat in der DDR von 1946 bis 1990 Uran abgebaut. In die Welt des Uranabbaus in der DDR führt die Videoinstallation „Sonne Unter Tage“, für die die Künstler Mareike Bernien und Alex Gerbaulet unterschiedlichste Filmmaterialien miteinander kombiniert haben.

Nur im Diskurs

Und auch Margret Hoppe greift beide Großbetriebe in ihren Foto-Dokumentationsserien von – teils verschwundenen – Bildern wieder auf. Sind die Bilder, die einst an der Innen- und Außenfassade bei Wismut und Robotron hingen, nur Zeitzeugnisse? Oder tatsächlich Kunstwerke? Auf jeden Fall steht laut Rebekka Körnig fest: „Kunst kann und soll dokumentieren.“ Vor allem, wenn es um bedeutsame Zeitepochen wie die DDR gehe. Entscheiden, ob etwas Kunst ist und ob es wegkommt, das dürfe man allerdings nur gemeinsam, nur im Diskurs.

So geht es weiter

Die Öffnungszeiten
Die Ausstellung „Restwert“ ist noch bis zum 16. Februar dienstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr sowie donnerstags von 13 bis 20 Uhr in der Städtischen Galerie geöffnet.

Das Rahmenprogramm
Die Galerie lädt am Donnerstag, 6. Februar, 19 Uhr, zu einem Themen- und Diskussionsabend mit Künstlerin Margret Hoppe ein, am Sonntag, 9. Februar, 15 Uhr, zu einer öffentlichen Führung sowie am Sonntag, 16. Februar, 15 Uhr, zur Finissage mit Kuratorinnenführung ein.