Die Weltstadt an der Seine, Europas Hauptstadt, hat sich verändert. Aber in den Museen und in den Kneipen ist vieles noch herrlich analog, meint unsere Kolumnistin.
Paris revisited! Nur gut drei Stunden braucht der TGV von Stuttgart. Vor vielen Jahren war es möglich, mit dem vielleicht berühmtesten Gemälde der Welt allein zu sein und den geheimnisvollen Blick der Lisa Gherardini ungestört auf sich wirken zu lassen. Und heute? Die Aufsicht im Blitzlichtgewitter der Mona Lisa lacht. „Wenn Sie auf den allerletzten Drücker kommen, dann sind vielleicht nur noch zehn Leute da. Aber ganz alleine? Das schaffe nur ich, kurz, bevor wir morgens öffnen.“
Warum ist Rembrandt eigentlich zweitklassig?
30 000 Menschen besuchen täglich den Louvre, sommers wie winters, selbst an einem Montagmorgen im Februar und mit Vorreservierung heißt es Schlangestehen. Wer’s geschafft hat, galoppiert im Pulk durch ein albtraumhaftes Labyrinth von endlosen Gängen und Treppen, denn die Mona Lisa will erarbeitet sein. Eigentlich albern. Wieso kommen einem die Rembrandts und Vermeers im Vergleich zu Da Vinci zweitklassig vor? Das ist nun mal der Instagram-Hype.
Von dem ist auch das Museum Gare d’Orsay auf der anderen Seite der Seine betroffen. Dort schieben sich Menschenmassen an Manet, Monet und Cézanne vorbei, und viele Besucher sehen die Gemälde nur durch das Display ihres Smartphones: Draufhalten, klick, weiter. Das erinnert an Konzerte, wo es wichtiger zu sein scheint, ein Video des Auftritts zu filmen, als die Musik selbst zu genießen. Das virtuelle Leben scheint immer mehr das reale zu ersetzen.
Die Star-Soziologin hat ihre Familie mitgebracht
Genau darüber hat die Soziologin Eva Illouz letzte Woche im Stuttgarter Rathaus in ihrer Zukunftsrede gesprochen und die Dystopie einer Welt entworfen, in der sich die Menschen zunehmend in virtuelle Welten und die dort produzierbaren angenehmen Gefühle flüchten, anstatt sich der komplexen Realität zu stellen. Ziemlich schräg ist dann, dass die echte Eva Illouz wie eine Illustration dieser Gedanken sehr lebendig im Museum vor einem auf einem Hocker sitzt. Ihre ganze Familie ist dabei, der sie offensichtlich nicht so genau erzählt hat, wie viele Menschen zu ihr ins Rathaus geströmt sind, denn sie wird erst einmal sehr verlegen, wie es Menschen im wirklichen Leben nun einmal werden, wenn man sie beglückwünscht.
Ansonsten ist Paris erstaunlich analog geblieben. Noch immer gibt es Hunderte von Brasserien mit strengen Kellnern, wo man seinen Café au Lait oder ein Glas Wein trinken und stundenlang das Treiben beobachten kann, der Jardin du Luxembourg ist wie einst das Wohnzimmer der Stadt.
Herrlich wenig Verkehr
Der größte Unterschied zu früher ist jedoch, dass die Blechlawinen verschwunden sind, an jeder Ecke Leihfahrräder stehen und unzählige Menschen an der Seine joggen. Schon erstaunlich: Eine Weltstadt hat es geschafft, den Verkehr in der Innenstadt massiv einzudämmen und Fußgängern und Radfahrern den Vorzug zu geben, aber in Stuttgart geht die Welt unter, wenn ein paar Parkplätze an der Markthalle wegfallen sollen.