Der Vollmond soll beim Whiskymachen helfen. Foto: Alain Dommel

Cognac und Champagner – dafür ist die Region am Atlantik bekannt. Bordeaux passt auch – aber Whisky? Bei Royan wartet man sogar mit einer Weltneuheit der Spirituose auf.

Dem Odeur nach hat man das Gefühl, einen leichten Schwips allein durchs Atmen zu bekommen: Dominique Granchere öffnet die schwere Holztür zu seinem Schatzkeller. Darin lagern bis zur hohen Decke gestapelt mächtige Fässer. Darin befinden sich jene Destillate, aus denen große Häuser wie Hennessy oder Remy Martin später ihren Spitzen-Cognac veredeln. Doch das ist längst nicht das größte Geheimnis, das sich hinter den Pforten der Destillerie „Fontegard“ verbirgt, nur wenige Kilometer entfernt von der Balinger Partnerstadt Royan.

 

Die Destillier-Anlagen kommen aus Hessen

Der erfahrene Destillateur wird fast andächtig, als er durch die heiligen Hallen mit den immens großen Kesseln führt. Es ist fast gespenstisch still zwischen den blanken Kupferkesseln und den knallroten Apparaturen. Diese stammen aus der ältesten Brauerei in Hessen, Glaabsbräu, gekauft während der Pandemie. Nach der Weinlese ist es übrigens mit der Ruhe vorbei – dann läuft der Betrieb rund um die Uhr, drei Destillateure schlafen dann vor Ort.

Kenner unter sich: Dominique Granchere (links) und Alain Dommel. Rechts zu sehen ist eine Lunr-Flasche. Foto: Silke Thiercy

Ab Mai geht es dem Getreide in den turmhohen Silos an den Spelz – denn dann wird Whisky hergestellt. Whisky im Herzen des Cognac-Landes? Granchere muss selbst lachen. Donald Trump und die Wirtschaftskrise sind schuld, erklärt er, und sein Sohn Adrien. Dieser hat einige Zeit in New York gearbeitet und die Idee nach Frankreich importiert.

Zwei Tonnen Getreide werden pro Saison verarbeitet. Der Whisky „made in France“ muss mindestens drei Jahre lang in den Fässern reifen – ein Teil davon landet danach in großen, bauchigen Glasflaschen. Und genau das ist die Weltneuheit: „Whisky Lunr“.

Das passiert bei Vollmond

„Lune“ bedeutet auf Deutsch „Mond“. Die Flaschen stehen gut geschützt unter nachtschwarzen Hauben – bis eine Vollmondnacht anbricht. Dann werden die Behälter ins Freie gebracht und der Mond tut seine Arbeit. Noch vor dem Morgengrauen geht es für das edle Getränk zurück in die absolute Dunkelheit.

Was das bringt? Alain Dommel ist Whisky-Sammler und Mitglied der Partnerschaftsdelegation aus Royan. Außerdem ist er Stammgast bei Dominique Granchere – und deswegen eingeladen, den Whisky vor und nach dem Bad im Mondlicht zu testen.

Das sagen die Verkoster

„Das wird blind verkostet“, berichtet Dommel. Aber „oui“, er habe einen Unterschied heraus geschmeckt. Milder sei der Mondschein-Whisky und ein bisschen süßlicher. Ob er sich das erklären kann? „Non“, sagt Dommel und auch Fachmann Granchere muss passen. Aber es gäbe ja Leute, die auf den Mondkalender schwören und zum Beispiel nur bei zunehmendem Mond zum Friseur gehen, meint er. Übrigens: als Laie schmeckt man keinen Unterschied.

Aus solchen Körnern wird das edle Getränk. Foto: Thiercy

„Lunr“ scheint seinen Siegeszug vom Atlantik um die Welt anzutreten. Bei einer der größten Fachmessen wurde das Produkt aus Royan ausgezeichnet. Donald Trump dürfte übrigens kaum in den Genuss kommen – Granchere liefert nicht in die USA und weiß außerdem: „Nach Amerika wird sowieso nur der jüngste Cognac exportiert.“

Eine weitere kleine Sensation aus der Partnerstadt also auch nicht. Ein Cognac muss mindestens zehn Jahre alt sein, um das Prädikat „XO“ und damit das beste Gütesiegel zu bekommen. Bei „Fontagard“ gibt es aber, was es in der Welt der edlen Spirituosen gar nicht geben kann, eigentlich: einen Cognac „XXO“.