Ali und Basti Schwarz prägten in den 1990er Jahren das Stuttgarter Nachtleben mit dem On-U und dem Red Dog. Ein Erinnerungsspaziergang mit Ali Schwarz, in dem es auch um die Zukunft der Clubs geht.
Stuttgart - Ein leerer Club ist ein trauriger Club. Wer vor Corona die vielen Stufen ins Stuttgarter Climax hinunterstieg, kam auf einer Insel an, auf der Gleichgesinnte bis in die frühen Morgenstunden Schabernack trieben. Im Untergrund der Calwer Straße bekam man von dem Anbruch des Tages und anderen Mühseligkeiten des Alltags nichts mit.
An einem Freitagnachmittag im Sommer 2021, der sich nach Übergang in eine ungewisse Zukunft anfühlt, ist Ali Schwarzder einzige Gast im ansonsten leeren Climax. Einst hat Schwarz, Jahrgang 1967, den Laden mit seinem Bruder Basti, geboren 1969, verantwortet. Damals, in den 1990er Jahren, als die Frage nicht geimpft oder getestet, sondern House oder Techno lautet, heißen die Quadratmeter im Untergrund noch Red Dog.
Basti Schwarz steckt im Impfzentrum Treptow
Bevor sie im Red Dog eine Heimat finden, betreiben die Gebrüder Schwarz mit dem Club On-U an der Theodor-Heuss-Straße einen stilprägenden Schuppen, der nach Kunst-Aka, Freiheit und musikalischer weiter Welt duftet. Diesem Club und dem weiteren Wirken von Ali und Basti Schwarz als erfolgreiches DJ- und Produzentenduo Tiefschwarz ist im Stuttgarter Stadtpalais derzeit eine Ausstellung gewidmet. Dabei wird einerseits an eine goldene Ausgehdekade in Stuttgart erinnert, andererseits der Blick nach vorne gerichtet – verbunden mit der bangen Frage: War’s das jetzt mit den Clubs?
Um diese Frage, die Ali Schwarz, so viel sei verraten, mit einem eindeutigen Jein beantwortet, soll es bei einem kleinen Stadtspaziergang unter anderem gehen. Es wird zu den Tiefschwarz-Ursprüngen flaniert. Alis Bruder Basti ist verhindert. Er hat in Berlin zu tun, als Teamleiter im Impfzentrum Treptow. In der Impf-Infrastruktur war zuletzt „die ganze DJ-Blase und Nachtleben-Clique beschäftigt“. Die Gründe seien klar: „Diese Leute sind stressresistent, sie können mit Extremsituationen umgehen“, sagt Ali Schwarz.
Die „Spex“ bezeichnete das On-U als besten Club Deutschlands
Schwarz selbst hat an diesem Nachmittag leichte Kopfschmerzen: Am Abend zuvor ging es mit Michi Beckvon den Fantastischen Vier mal wieder länger. Beck und Schwarz haben ein gemeinsames Video-Format für die Ausstellung im Stadtmuseum produziert. Gegen den Kater helfen Espresso und Wasser, gegen die Nostalgie erzählt Ali Schwarz mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein von früher: „Wir waren die Speerspitze einer neuen Art der Ausgehkultur, zusammen mit anderen Lokalitäten wie dem Unbekannten Tier oder dem Palast der Republik“, erinnert er an das 1990 eröffnete On-U.
Die Musikzeitschrift „Spex“ bezeichnet das On-U damals als besten Club Deutschlands, der Musiker Max Herre nennt es „unser Studio 54“. Was hat diesen Club und später das Red Dog ausgezeichnet? „Das waren Schutzräume, in denen man sich frei entfalten konnte. In den frühen Diskotheken wurde Musik von Abba bis Zappa gespielt“, sagt Schwarz. „Bei uns stand stattdessen das Erleben von Musik im Vordergrund, die nicht in den Charts stattgefunden hat.“
Die Rolle der Fantastischen Vier im On-U
Zeitzeugen schwärmen bis heute von der besonderen Publikumsstruktur der Schwarz‘schen Lokalitäten: Viele Künstler, Fotografen und andere Kreative waren Stammgäste. Und, stets ein Qualitätsmerkmal für einen Club, ohne das sexualwissenschaftlich belastbar begründen zu können: Sowohl das On-U als auch das Red Dog hatten einen hohen Anteil an schwulen Gästen, die jede Menge Leichtigkeit statt anstrengendes Mackertum in beide Läden brachten. „Zusammen mit dem Seekneiple am Feuersee und dem Wildparkstüble haben wir ein magisches Dreieck der schwulen Ausgehkultur gebildet“, sagt Schwarz. „Da ging es wild zu, eine durchgeknallte Bande. Solche Typen fehlen heute ein bisschen.“
Im leeren Climax geht es von fantastischen Gästen weiter zu den Fantastischen Vier: „Die Band hat für uns eine große Rolle gespielt, Michi Beck war Resident im On-U, der hat uns das Mixen beigebracht.“ Das On-U war eine Kaderschmiede der Nacht: Wer hier seinen Abschluss machte, dem drohte später eine Popkarriere, siehe Fanta 4, Max Herre oder auch DJ-Koryphäe Rainer Trüby.
Von der Kunstakademie zum eigenen Club
Realität der Arbeitswelt: Clubbetreiber kann man nicht wirklich lernen, man wird es einfach. „Basti ist eigentlich Schlagzeuger. Bevor wir das On-U eröffnet haben, hat er in Hamburg Schlagzeug studiert“, erzählt Ali Schwarz, als es aus dem Climax wieder an das Tageslicht geht. „Ich wollte kein Abitur machen, sondern Kunst studieren. An einer freien Kunstschule habe ich ein Vorbereitungsjahr zur Mappenbildung absolviert, um es dann über die Begabtenprüfung an die Kunstakademie zu schaffen. Das On-U habe ich damals parallel dazu eröffnet.“
In der Rückschau muss man sich die 1990er vorstellen als letztes analoges Zucken auf der Tanzfläche vor der großen Digitalisierung. „Damals herrschte eine andere Form von Wahrnehmung und Präsenz. Die Leute waren richtig da und nicht mit einem Auge am Telefon in irgendwelchen Social-Media-Gruppen. Nicht ohne Grund herrscht heute in nahezu jedem Berliner Club Handy-Kamera-Verbot.“
Ausgebildet beim legendären Soul-DJ
Die Kunst, neue Musik zu finden, sei ein beinharter Job gewesen. „Damals gab es noch nicht alles auf Knopfdruck im Internet“, erinnert sich Schwarz. Stattdessen gingen er und sein Bruder bei einem legendären Stuttgarter Soul-DJ in die Lehre: „Jan Kettenmann hat uns wochenlang, Sonntag für Sonntag, Einblicke in seine gigantische Plattensammlung gegeben. Der hatte Sachen, von denen du noch nie gehört hattest. Rare Soul-Scheiben, ganz frühe House-Geschichten, da konnte man das Original-Sample von einer bestimmten Hip-Hop-Platte entdecken.“
Später waren die Brüder Schwarz Stammgäste in den Plattenläden Stuttgarts. „Die Lerche hatte eine sehr gut sortierte Vinyl-Abteilung mit speziellen Label-Fächern. Dann kamen die ersten elektronischen Vinyl-Läden, da haben wir mehrere Nachmittage pro Woche verbracht. In den Plattenläden gab es ein Ali-Fach und ein Basti-Fach und einen richtigen Kampf, damit jede neue Platte in den Fächern stand. Wir waren süchtig danach, den Leuten am Wochenende den neuen heißen Scheiß vorzuspielen.“
Nach den wilden 1990ern ziehen Tiefschwarz nach Berlin
Auf dem Weg vom Climax zum ehemaligen On-U an der Theodor-Heuss-Straße erinnert das erste sonnige Wochenende nach der Pandemie mit Macht an das Leben vor Corona. Ali Schwarz kichert, als er sieht, dass das ehemalige On-U heute Nice Club heißt, wo an der Theo doch gar nicht mehr so viel nice, also nett ist.
Den Boom und das Ende des Hypes um diese Straße haben Ali und Basti Schwarz nicht mehr live miterlebt. Sie sind nach Berlin gezogen, wie Michi Beck, Max Herre und andere Protagonisten der goldenen Stuttgarter Zeit auch. „Zwei Drittel der 1990er Jahre herrschte in Stuttgart ein Freigeist, den ich in dieser Stadt später so nicht mehr erlebt habe“, sagt Schwarz, der schließlich von Stuttgart über Berlin auf die Weltbühne wechselte.
Tiefschwarz werden Teil des DJ-Jetsets
Es soll ja immer noch Menschen geben, die fragen, was so ein DJ eigentlich hauptberuflich macht, neben seinem Hobby. Die Biografie der Brüder Schwarz liefert darauf eine mögliche Antwort: Irgendwann kam zum Auflegen das Produzieren hinzu. „Mitte der 1990er Jahre fing das aus dem Red Dog heraus an: Wir haben die ersten Remixe produziert, das erste Album, das in London veröffentlicht wurde, woraufhin die Bookings immer größer wurden.“ Erst haben sie regional aufgelegt, dann deutschlandweit, dann kam England und schließlich die ganze Welt: „Wir waren 20 Jahre lang nur noch im Flieger.“
Tiefschwarz waren eine Zeit lang der bekannteste DJ-Act mit Stuttgarter Wurzeln, Teil des Jetsets, belegt zum Beispiel durch jene Anekdote, als die beiden an einem Donnerstag im Climax auflegen sollten, aber leider erst an einem Freitag bereit für ihren Einsatz am Stuttgarter Flughafen standen. Ein Auftritt in Brasilien zuvor, die Zeitverschiebung, da kann man mal durcheinanderkommen mit so etwas Weltlichem wie Wochentagen.
Wie geht es weiter mit den Clubs?
Letzte Station Stadtpalais. Ali Schwarz führt durch seine eigene Ausstellung, die der Künstler Tobias Rehberger gestaltet hat, der Stammgast im On-U war. Gemeinsamer Blick durch die Nebelmaschine namens Gegenwart in die Zukunft: Ist die Zeit der großen DJ-Namen unwiederbringlich vorbei? Sind die Botschafter eines in den 1980er Jahren entstandenen und in den 1990er Jahren perfektionierten Hedonismus noch zeitgemäß? Oder hat die Generation Greta keine Zeit mehr, von Freitag bis Montag im Berghain in Berlin zu feiern, weil sie die Welt retten muss? Oder wird es so kommen, wie der 56-jährige DJ Westbam, einer der Love-Parade-Macher aus den 1990er Jahren, jüngst in einem Interview vorhersagte? „Wenn das Nachtleben zurückkehrt, wird es größer sein als jemals zuvor.“
Ali Schwarz steht hinter der ehemaligen Kühltheke des On-U und ist sich nicht so sicher, ob dieses Clubding wieder riesig werden wird für ihn und seinen Bruder. „Auflegen möchten wir, solange wir uns nicht zur Witzfigur machen vor Kids, die unsere Enkel sein könnten.“ Es herrsche ein Verdrängungswettbewerb, man wolle neue Gesichter sehen und neue Musik hören. „Das heißt aber nicht, dass wir nicht trotzdem noch relevant sind.“
Zwischen DJ-Zukunft und Museum
Ali Schwarz philosophiert über das Alter. „Es gibt genügend DJs, die stramm auf die 60 zumarschieren und am Höhepunkt ihrer Karriere stehen. Sven Väth ist mit seinen 56 Jahren nur einer von etlichen, die besser sind denn je“, sagt er.
Und wenn es das jetzt doch war mit den Clubs? „Ich hatte immer schon einen Draht zur Kunst und bin eher Maler als Musiker. Mittlerweile male ich auch wieder verstärkt. Eine Zeit lang hatte ich das aufgegeben, um mich der Nacht hinzugeben“, sagt Schwarz zum Abschied und begrüßt seinen alten Lehrmeister Jan Kettenmann, den legendären Soul-DJ aus den On-U-Zeiten. Beide schwelgen in der Ausstellung in Erinnerungen. Im Hintergrund tönen Samples, die damals im On-U oder im Red Dog den unbekannten Soundtrack der Nacht gebildet haben. Heute sind die Soundfetzen im Museum zu hören.