Junge schwäbische Dichter hatte sein Gründer 1822 im Sinn, heute macht der Kosmos-Verlag seinen Umsatz vor allem mit Spielen. Das Stadtpalais Stuttgart zeigt die wechselvolle Geschichte des Verlags.
Nur schnell den Vorschaltwiderstand aus dem Deckel zusammenbauen, dann konnte der junge Forscher 1922 den ersten Versuch aus seinem Elektro-Baukasten direkt mit den damals 110 Volt Wechselstrom aus der Steckdose betreiben. Allein die Vorstellung lässt Eltern 100 Jahre später die Haare zu Berge stehen. Und unter den Chemikalien, mit denen sich 600 Versuche im „vollständigen chemischen Laboratorium“ aus dem Hause Kosmos mixen ließen, waren in den Anfangsjahren der Experimentierkästen ätzende und gesundheitsschädliche Stoffe, deren Einsatz im Kinderzimmer heute undenkbar wäre.
So sind es zwei alte Glasfläschchen mit den Aufdrucken „Salzsäure“ und „Salpetersäure“, die in der kleinen, aber lehrreichen Ausstellung zum 200. Geburtstag des Kosmos-Verlags im Erdgeschoss des Stadtpalais gleich in der ersten Vitrine auffallen. Zum Glück stehen sie etwas erhöht, sodass sie beim aktuellen wissenschaftlichen Nachwuchs keine falschen Erwartungen wecken.
„Catan“ als Katalysator für den Erfolg der Kosmos-Spiele
Aber wahrscheinlich haben Kinder, während ihre Eltern noch fasziniert den ersten „Radiomann“-Baukasten aus den 1930er Jahren studieren, bereits einen Blick auf die briefmarkenkleinen Cover-Entwürfe von Aiga Rasch für die Jugendbuch-Abenteuer der „Drei ???“ geworfen, um dann in der Spiele-Welt, einem weiteren Kapitel der vierteiligen Ausstellung, zu verschwinden: Hier laden übergroße, farbige Vielecke aus dem Spiel „Ubongo“ zum Erpuzzeln vorgegebener Formen ein, hier macht der von Spiele-Erfinder Klaus Teuber selbst mit Holzleisten, Karton und Buntstiften gebastelte Prototyp zu „Siedler von Catan“ staunen, dem Spiel, das zum Katalysator für den Erfolg des Kosmos-Verlags in diesem Bereich wurde.
Staunen würde sicherlich auch Johann Friedrich Franckh über die Ausstellung zum 200. Geburtstag des von ihm im Juli 1822 mit literarischen Ambitionen in Stuttgart gegründeten Verlags. Heute ist dieser als modernes Medienhaus breit aufgestellt, fast die Hälfte seines Umsatzes macht er im Ausland, Zweidrittel mit Spielen. Werke „junger, wilder schwäbischer Dichter“ wollte Verlagsgründer Franckh herausgeben und mit Zeitschriften den Hunger des aufstrebenden Bürgertums nach geistiger Nahrung stillen. Eine Ausgabe des ersten von Franckh verlegten Buchs, Wilhelm Waiblingers Briefroman „Phaeton“, steht in der Ausstellung für diese Anfänge, die durch mangelndes Leserinteresse oder die Zensur erschwert wurden. So erschien Franckhs Zeitschrift „Der allgemeine Volksbote“ nur in einer einzigen Ausgabe; sein jüngerer Bruder Friedrich Gottlob, der 1826 in den Verlag einstieg, saß wegen seiner Sympathie für die demokratischen Ideen des Vormärz von 1833 an acht Jahre lang auf dem Hohenasperg.
Mörike schmiss nach zwei Monaten schon hin
Auch mit dem jungen Mörike, der für 50 Gulden monatlich Geschichten für die „Damenzeitung“ liefern sollte, hatte Franckh kein Glück. Nach zwei Monaten schmiss Mörike hin, weil der tagelöhnerische Zwang zu schreiben ihn lähmte, und trat eine Stelle als Vikar an. Erst mit der neuen Abteilung „Belletristisches Ausland“, in der Ausstellung durch Alexandre Dumas Romane vertreten, und vor allem mit dem neuen Taschenbuch kommt auch der wirtschaftliche Erfolg. Die vom Buchdrucker Friedrich König erfundene Schnellpresse machte die Franckhs zu Pionieren, die mit dem Taschenbuch als preiswertem Massenprodukt auch zur Demokratisierung des Wissens beitragen wollten.
Der Aufschwung hält an, als Franckhs Nachfolger das wachsende Interesse an Naturwissenschaften und Forschung früh erkannten und sich die populäre Vermittlung ihrer rasanten Entwicklung zur Aufgabe machten. „Wissen und Bildung für das ganze Volk“ war das Ziel der „Gesellschaft der Naturfreunde“, Kosmos genannt, die der Verlag mit der dazugehörigen, gleichnamigen Zeitschrift 1903 gründete. Die steigende Zahl an Mitgliedern, von 4000 bei der Gründung auf 180 000 im Jahr 1928, zeigt, wie gut diese Idee ankam, welcher der Verlag auch seinen heutigen Namen verdankt. Das „Sternenbüchlein“, ein Jahrbuch für astronomisch Interessierte, das „Kosmophon“, eine Schallplatte, die Bücher zur Vogelbestimmung akustisch ergänzte, und verschiedene Titel der bis 1999 erschienenen Zeitschrift „Kosmos“ erzählen in der Ausstellung von der wachsenden Neugier in Sachen Natur.
Verlag als Spiegel der Zeitgeschichte
„Vier Welten. Ein Kosmos. Dein Erlebnis“ heißt die Schau nach ihren Kapiteln Experimentieren, Lesen, Spielen, Träumen und stellt schon im Titel klar, dass das Mitmachen und Ausprobieren in ihr erwünscht ist. Das unterstreicht auch ein umfangreiches Rahmenprogramm. Aber allein die Aufbereitung der wechselvollen Geschichte des Verlags, der immer wieder Neuland betreten hat, erlaubt spannende Einblicke. Sie spiegeln Zeitgeschichte – wie die allein auf „Knaben“ ausgerichteten, ersten Forscherangebote oder die Warnung vor dem Abhören von Feindsendern, die in der NS-Zeit den Radio-Bausätzen beilag.
Mehr als ein Kosmos
Termine
Die Ausstellung zum 200-Jahr-Jubiläum des Kosmos-Verlags, bis zum 6. November im Stadtpalais zu sehen, wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. So gibt es am 10. Juli, 11. September und 6. November Familiensonntage, die zum Testen von Experimentierkästen und Spielen einladen. Feuerworkshop (28. August), eine Zaubershow (1. Oktober) oder eine Nacht der Sterne (15. Oktober) richten sich an unterschiedliche Altersgruppen. Infos und Anmeldemöglichkeit finden sich unter www.stadtpalais-stuttgart.de.
Rätseln
Der Verlag, der das Lösen kniffliger Aufgaben mit den „Exit-Games“ im Programm hat, lädt auch junge Ausstellungsgäste zum Mitraten ein. Am Empfang gibt es ein Set mit Karten, mit deren Hilfe sich ein Auftrag von Verlagsgründer Franckh lösen lässt. Gesucht wird „etwas unsagbar Kostbares“.
Würfeln
Während ein Mitarbeiter 2009 nach einer Kundenreklamation eine Würfeltestmaschine ertüfftelte, die noch heute im Einsatz ist, bewies das Kosmos-Team 1979 weniger Weitsicht: Es überstimmte den Verleger, der die Rechte am Zauberwürfel Rubik’s Cube für den 1975 neu gegründeten Spiele-Bereich erwerben wollte.