Eigentlich ist das Stadtmuseum ein Fall für die Sanierer. Drinnen bröckelt und rieselt es – vor allem in jenen Räumen, die als Depot dienen. Soll so Rottweiler Stadt- und Lebensgeschichte bewahrt werden?
„Skelett Heerstraße 25“ steht auf dem Karton. Schimmel hat sich auf ihm breit gemacht. Martina Meyr, Leiterin der städtischen Museen, nimmt ihn aus dem Regal. „Die Hände muss ich nachher halt waschen“, sagt sie. Im Inneren liegen tatsächlich Überreste eine menschlichen Skeletts. Ein Stück Schädel, Wirbelknochen – alles säuberlich in nummerierte Tüten verpackt.
Es ist klamm. Kälte und Feuchtigkeit sind in diesem Raum eine Verbindung eingegangen, die nicht nur die Kartons angreift. Auch die Wände sind von graugrünen Sprenkeln überzogen.
Hier oben ins dritte Obergeschoss kommt kaum ein Zivilist hinauf. Es gehört ganz den Museumsmitarbeitern und den eingelagerten Schätzen der Stadt. Und die brauchen eine neue Bleibe.
Knappes Budget
Wie dringend die Situation im Stadtmuseum ist, erklärte Martina Meyr kürzlich im Kultur-, Sozial- und Verwaltungsausschuss. „Es liegt in Ihrer Verantwortung, die Kulturschätze Rottweils mit in die Zukunft zu führen“, sagte Meyr damals eindrücklich. Die Bilder, die sie in der damaligen Sitzung zeigt, zeugen von den baulichen Mängeln des Herderschen Hauses und den damit verbundenen Auswirkungen auf die etwa 1000 Stücke umfassende Sammlung des Stadtmuseums. Der Ausschuss gab daraufhin grünes Licht – für die Suche nach einem neuen Depot und für die geplanten Kosten von 250 000 Euro für Miete und Umzug.
Der Rundgang mit der Museumschefin eine Woche später zeigt: Die Realität sieht noch ein bisschen schlimmer aus.
Das Depot des Stadtmuseums umfasst zwei Zimmer und das erste Geschoss des dreistöckigen Dachstuhls. Hier lagern auf engstem Raum Fragmente Rottweiler Geschichte. Die reichen von den Römern und Alamannen bis in die Neuzeit.
Meyr führt in den ersten Raum, das Hölder-Zimmer. Benannt nach Oskar Hölder, der vor allem für seine Bleistiftzeichnungen Rottweils bekannt ist. Darin stapeln sich Kartons, Verpackungsmaterial, Möbel, Vitrinentische.
Zur Landesgartenschau soll der Raum als zusätzliche Ausstellungsfläche dienen. Museumspädagogische Angebote sollen hier stattfinden können. Doch dafür muss der Raum nicht nur ausgeräumt werden. Eine Renovierung ist nötig – „mit wenig Budget“, betont Meyr. Weiter geht’s, die Treppen hinauf, am Herrenkramerschen Kripple vorbei. Um das soll es heute eigentlich gar nicht gehen. Aber – auch dort stößt man platztechnisch an Grenzen.
Dicht an dicht
Einen Raum weiter: Bilder in allen Größenvariationen, Altarbilder, Heiligenfiguren, ein Kripple aus einem privaten Fundus. Ein Durchgehen ist kaum möglich. Wie findet man sich hier noch zurecht? Wie findet man hier überhaupt irgendwas?
Meyr zeigt auf die Nummer, mit denen jedes Bild, jedes Figürlein, jede Kiste, jede Kuriosität versehen ist. Sie alle sind in einer Standort-Datenbank hinterlegt. Diese zu pflegen, ein mühevolles Geschäft. Die Bilder, so erklärt es Meyr, müssten eigentlich hängend gelagert werden. So jedenfalls drückt das eine auf die Leinwand des anderen. „Dann kann es sein, das etwas abplatzt.“ Und das wiederum führe zum nächsten Problem: Für Reinigung und Konservierung gebe es keinen Etat.
Die Zunftfahne zerfällt
Das ist besonders bitter, angesichts der ältesten Zunftfahne der Stadt, die im Dachgeschoss, auf einem Tisch liegend, eingeschlagen in Seidenpapier langsam aber sicher zerfällt. Die Zunftfahne der Bäcker stammt aus dem 18. Jahrhundert. Der Raum, in dem sie gelagert wird, ist großen Temperaturschwankungen ausgesetzt. Hier ist es im Sommer drückend und im Winter bitterkalt. Von der Decke rieselt der Schmutz.
Die Fahne gehört eigentlich dringend restauriert. „Mit 5000 bis 10 000 Euro muss man schon rechnen“, schätzt Martina van Spankeren-Gandhi. Die Restauratorin positioniert das Motten-Papier und deckt die seidene Fahne vorsichtig zu.
Schädlinge
Schädlinge sind ein weiteres Thema. Der Holzwurm fühlt sich pudelwohl. Ungut, nicht nur für die Bausubstanz, sondern auch für die vielen Schätze aus Holz, die auf engstem Raum gelagert sind.
Ein Problem ist da auch, was von draußen reingetragen werden kann. „Wir haben keinen Eingangsbereich für Dinge, die neu zu uns kommen“, sagt Meyr. Von Spankeren-Ghandi erklärt, dass neue Stücke eigentlich in Quarantäne müssten, um einen Übergriff von Schädlingen in den Bestand zu verhindern.
Dinge, die einer Schädlingsbehandlung unterzogen werden müssen, kommen ins Holzzimmer. Auch hier für den Laien das reinste Sammelsurium. Ein abgesägter, dicker Holzbalken, eine Lade mit einem Fatschenkind darin. Weiter hinten ein Rottweiler Willkommensschild, ein Zeugnis vergangener nationalsozialistischer Gesinnung. Auf dem Boden stehen Pheromonfallen. „Hier drin ist die Luft schadstoffbelastet, weil die Raumlüftung nicht gegeben ist“, erklärt Meyr. Für einen kurzen Besuch geht das schon.
„Es ist nicht fünf vor, es ist fünf nach zwölf“, hatte Meyr am Anfang des Rundgangs gesagt. Nach etwa einer Stunde und einem mittlerweile für Risse, bröckelnden Putz und rieselnde Holzbalken geschärften Auge ist klar – es schon viel später.