Der stechende Geruch steigt tiefer in die Nase, je höher man die Stufen des 61 Meter hohen Bauwerks hinaufsteigt. Die Holzbohlen der Treppen und Stockwerke sind übersät mit Kot – der Zugang zur Türmerstube ist untersagt: Es herrscht Infektionsgefahr.
„Achtung!!!“ hat jemand mit einem schwarzen Filzstift auf das Blatt Papier geschrieben, das an der Tür hängt, hinter der der Aufstieg auf den Kirchturm beginnt. Weiter heißt es auf dem Ausdruck: „Der Kirchturm bleibt wegen Infektionsgefahr bis auf Weiteres gesperrt. Betreten auf eigene Gefahr.“
Die einzigen, die in diesen Tagen die Stufen aus Stein und Holz nehmen, sind sonntags früh die Bläser des Posaunenchors. Auf eigene Gefahr hin eben, wie Dekan Michael Schneider erklärt.
„Rein kommen sie, aber nicht mehr raus“
Der Grund für die Sperrung könnte das Dekanat viel Geld kosten: Tauben haben sich Zugang ins Turminnere verschafft. „Rein kommen sie, aber nicht mehr raus.“
Die Vögel verenden. „Vorher kacken sie noch alles voll.“ Schneider übertreibt nicht: Überall liegt Kot, je höher man steigt, desto mehr wird es.
Staubig ist es im Turm. Unzählige Federn bedecken den Boden, vor einem Fenstereinlass liegen hüfthoch Äste – vermutlich von den Tauben herbeigeschafftes Nistmaterial.
Auf dem Boden sind die Kadaver verendeter Tauben zu finden. Manche wirken, als hätte sie jemand zerfleddert. „Bei den aktuellen Temperaturen ist die Flüssigkeit ganz schnell aus dem Körper raus“, erklärt Mesner Gerhard Breiser.
25 000 waren veranschlagt
Das Problem, erklärt Schneider, liege in den flexiblen Gittern, die vor den Aussparungen der Fenster angebracht sind. Und an den abgewanderten Dohlen, wie Breiser ergänzt. Denn auf die großen schwarzen Vögel sind die Tauben gar nicht gut zu sprechen und suchen das Weite.
Erschrocken sei Schneider gewesen, als er das Angebot einer Firma bekommen hat: 25 000 Euro sollten die intensive Reinigung des Turms und das Anbringen von Taubenschutz kosten. „Die Handwerker wollten einen Außenaufzug installieren während der Arbeiten“, versucht der Dekan, die stolze Summe einzuordnen.
Die Kirche hat den Auftrag neu ausgeschrieben, drei Angebote gingen ein. Fünf bis sechs Tage lang wird demnächst gewienert und geputzt.
„Der Taubendreck ist giftig“
„Der Taubendreck ist giftig“, meint Schneider. Einfach mit dem Besen „durchhudeln“ gehe nicht, da müsse eine Spezialfirma ans Werk.
Bereits im Jahr 2001 hat die Tiefbau-Berufsgenossenschaft (TBG) einen Sonderdruck mit dem Titel „Gesundheitsgefährdung durch Taubenkot“ veröffentlicht. Darin heißt es, dass Tauben mit dem Kot viele Mikroorganismen ausschieden. Darunter könnten krank machende Bakterien und Pilze sein. Sie können blutige Durchfälle oder die so genannte „Vogelhalterlunge“ auslösen, die unbehandelt zum Tod führen kann.
Demnächst sollen neue Sperren angebracht werden in den oberen Teilen der gotischen Fenster – und zwar so, dass sich die innen angebrachten Holzläden noch öffnen lassen. Den Preis dafür schätzt Schneider auf rund 2000 Euro; eine andere Hausnummer, aber eben auch eine Summe, die die Gemeinde erst einmal aufbringen muss. „Wir werden die Rücklagen antasten müssen“, sagt Schneider.
„Ein Falke wäre schön“
„Ein Falke wäre schön“, sagt Mesner Breiser. So ein Turmfalke, wie es ihn in vielen dörflichen Gemeinden gibt, würde das Taubenthema beenden. Der Balinger Turm aber steht nun mal mitten in der Stadt.
Neulich seien Vertreter des Naturschutzbundes auf dem Turm gewesen. Für die Tauben hätten sie sich nicht interessiert, ihnen sei es um die verschwundenen Dohlen gegangen, meint Schneider.
„Es hilft nichts, wir müssen was machen.“ Schneider gibt sich optimistisch, der Plage im Turm bald Herr zu werden. „Wir wollen den vielen Besuchern die Besichtigung der Türmerstube ermöglichen.“