Hermann Gundert, der Großvater von Hermann Hesse, ist im Südwesten Indiens bekannter als in seinem Geburtsland. In Indien wurde er mit einer fünf Meter hohen Statue für sein Wirken geehrt.
Der Welt von heute – die von Krisen geplagt ist mit ihren Kriegen, Fluchtbewegungen und den damit verbundenen Problemen sowie dem möglichen Ende der Globalisierung – würde ein Mensch wie Hermann Gundert guttun. Der Lehrer, Missionar, Sprachwissenschaftler, Schriftsteller und Verleger ist alles andere als ein Mann von gestern.
Gundert war ein Mittler zwischen den Kulturen. Das zeigt sich in seinem jahrelangen Wirken im heutigen Bundesstaat Kerala im Südwesten Indiens, wo er für die Basler Mission tätig war. Dort ist der Großvater des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse bekannter als in seinem Geburtsland. Ein fünf Meter hohes Denkmal erinnert an den Universalgelehrten, eine Straße in der Stadt Thalassery ist nach ihm benannt. Calwer Delegationen, die dort zu Besuch waren, ist schnell bewusst geworden, welche Verehrung Gundert dort bis heute entgegengebracht wird.
Er lebte in Calw und Südindien
„Wo Gundert auch lebte, in Stuttgart, Südindien oder Calw, waren die Weite des Geistes und die Verbindung zu Menschen in nahezu allen Weltteilen gegenwärtig“, schreibt Albrecht Frenz, der sein Leben und Werk akribisch erforscht hat. So waren Sprache, Bildung und die lokale Kultur die Themen, mit denen er sich in Indien beschäftigte. Er übersetzte die Bibel ins Malayalam, verfasste ein Wörterbuch und die erste systematische Grammatik dieser Sprache. Als erster Schulinspektor, eingesetzt von der britischen Kolonialmacht, beeinflusste Gundert den Aufbau eines modernen Bildungssystems von der Grundschule bis zum Studium.
Unterstützt wurde er von seiner aus der französischen Schweiz stammenden Ehefrau Julie, geborene Dubois. Als erste Missionsfrau der Basler Mission in Indien gründete sie die ersten Mädchenschulen.
Einfluss wirkt bis in die heutige Zeit
Das hat Auswirkungen bis heute. Was Bildungsgrad, gesellschaftliche Stellung der Frau und die wirtschaftliche Entwicklung anbelangt, nimmt Kerala eine Spitzenstellung unter den indischen Bundesstaaten ein.
Gesundheitlich ging es Hermann Gundert über die Jahre hinweg in Indien immer schlechter. Das machte die Rückkehr nach Deutschland notwendig. Arbeit fand er in dem von Christian Gottlob Barth geleiteten Calwer Verlag. Nach dem Tod des Gründers übernahm er die Leitung. Er ist vor allem als Autor und Herausgeber indischer und deutscher Schriften tätig.
Diesem Umstand dürfte es auch zu verdanken sein, dass Hermann Hesse in Calw geboren wurde. Hätte der Vater seiner Mutter Marie dort nicht eine Anstellung gefunden, wäre Gundert mit ziemlicher Sicherheit woanders gelandet. Womöglich in Stuttgart, wo er am 4. Februar 1814 geboren worden ist.
Tübinger Lehrstuhl nach Ihm benannt
Auch in seinem Heimatland ist Gundert nicht vergessen. An der Universität Tübingen, wo er Theologie studierte und promovierte, wurde anlässlich seines 200. Geburtstags ein nach ihm benannter Lehrstuhl eingerichtet. 2014 wurde in Calw zusammen mit der Hermann-Gundert-Gesellschaft das Gundert-Jahr begangen.
Hermann Hesse hatte eine enge Bindung an seinen Großvater. Er begeisterte seinen Enkel für das Mystische und die indische Kultur. In „Siddhartha“ hat ihm Hesse mit dem Fährmann „Vasudeva“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Die indische Dichtung wäre ohne diese Verbindung kaum denkbar gewesen.
„Bei Großvater Gundert war neben aller Frömmigkeit und allem Sinn für Gehorsam und Autorität doch eine große Weite der Seele und des Geistes vorhanden, eine reiche Phantasie, ein kindlich geniales Jungbleiben und Spielenkönnen, eine tiefe Liebe zur Musik und schöpferischer Humor“, erinnert sich sein Enkel, der Schriftsteller.
Als Gundert am 25. April 1893 in Calw stirbt, charakterisiert ihn der damalige Dekan Berg: „Er wandelte auf den Höhen des Geistes; aber nichts lag ihm ferner als Gelehrtenstolz und Sucht nach menschlichen Ehren; er hielt sich gerne herunter zu den Niedrigen, zu den Einfältigen, zu den Kindern, allem gesuchten und gespreizten Wesen abhold.“
Die Serie
Als Besitzer des Geburtshauses
von Hermann Hesse bewahrt die Familie Schaber nicht nur das Gedenken an den in Calw geborenen Literaturnobelpreisträger. Sie fühlt sich darüber hinaus dem kulturellen und geschichtlichen Erbe ihrer Heimatstadt verpflichtet. So hatte Hermann Schaber die Idee, mit Blick auf die 950-Jahr-Feier, die 2025 begangen wird, in Zusammenarbeit mit dem Verleger Hans-Jürgen Schmid, schmidmusic Musikverlag, Monat für Monat bekannte Calwer Persönlichkeiten in den Schaufenstern seiner Geschäfte zu präsentieren. Daran beteiligt sich auch die Buchhandlung Osiander in Calw. Der Schwarzwälder Bote begleitet diese Aktion mit einer Serie. ( av)