Zwei Corona-Jahre lang lief der Betrieb in der Stadtbücherei Albstadt mit angezogener Handbremse. Jetzt, berichtet Büchereichefin Tanja Wachter, geht es wieder bergauf – mit Einschränkungen.
So sehen die Zahlen aus, die Wachter dem Gemeinderatsausschuss für Soziales, Kultur, Schule und Sport (SKSS) in dessen jüngster Sitzung präsentierte: Die Zahl der Öffnungsstunden war bereits 2022 wieder auf 3074 gestiegen; für 2023 werden zum Jahresende 3016 zu Buche stehen, falls nichts dazwischen kommt. Die Zahl der Ausleihen wird erstmals seit 2019 wieder die Marke 300 000 knacken; die Hochrechnung sagt 316 872 voraus; wie viele es am Ende wirklich sind, weiß man natürlich nicht. Die Zahl der Ausweisinhaber war 2021 von 4625 im Vorjahr auf 3075 abgestürzt; inzwischen ist die Zahl von 4000 Ausweisen aber wieder in Sicht.
Der Wandel der Medienwelt macht auch vor den Stadtbüchereien nicht Halt; die Albstädter hat er schon vor Jahren erreicht. Gewiss, Bücher und Medien werden nach wie vor verliehen, aber längst steht die Stadtbücherei auch für ganz andere Dienstleistungen. Digitale Grundfertigkeiten wurden vor einer Generation noch von vielen als Luxus angesehen; Lesekompetenz wurde dagegen einfach vorausgesetzt – heute macht die Stadtbücherei Angehörige der Generation 60+ fit am Rechner und versucht dafür die Grundschüler mit Hilfe von Lesepaten und Angeboten wie den „Lesemäuschen“ und der „Lesebande“ ans Medium Buch heranzuführen.
Gaming – mehr als „Bestandsergänzung“
Berührungsängste gegenüber der neuen Technik sind dabei unangebracht. Der Roboter muss nicht der Feind des Buches sein: Im Kreativraum „Make2Gather“ ergänzt das eine Angebot das andere – einige Mitglieder des SKSS wirkten zwar etwas verblüfft, als Wachter ein glupschäugiges Gebilde auf ihrem Tisch platzierte, das ostentativ gutgelaunt „Hey! Hey, Hey!“ in den Sitzungssaal krähte, aber die Kinder dürften ihre Freude an dem digitalen Spielgefährten haben. Und auch an den Computer- und Konsolenspielen, die unter dem Motto „Game2Gather“ auf User warten und längst über den Status „Bestandsergänzung“ hinaus sind. Mittlerweile finden regelmäßig Gaming-Veranstaltungen statt, und zwar nicht nur, weil man Mäuse mit Speck fängt. Büchereien verstehen sich längst nicht mehr als Kulturtempel, sondern als Spielwiesen und gastfreie Häuser, in denen jeder das tun können soll, was ihm zusagt – und dabei eventuell einen Blick über den Tellerrand riskieren darf.
Samen verleihen geht auch – sie kommen zurück
Unter diesen Umständen erübrigt sich auch die Frage, wozu eine „Saatgutbibliothek„ gut ist. Die Stadtbücherei Albstadt verleiht seit einiger Zeit auch Samen von lokalen Nutzpflanzen, die der Leihnehmer dann zu Hause einpflanzen kann. Das Prinzip der Leihe bleibt dabei in Kraft – anders als so manche auf dem Markt erhältliche Sorten werfen die der Bücherei selbst wieder Samen ab, und von denen wird ein Teil zurückgebracht, damit er seinerseits verliehen werden kann. Praktizierte Nachhaltigkeit – genau wie die „Bibliothek der Dinge“, die denjenigen, die an einem technischen Gerät interessiert sind, die Möglichkeit eröffnen, es auszuleihen und auszutesten, ehe sie es kaufen und vielleicht enttäuscht sind. Es gibt auch so genug Elektromüll.
Die Stadtbücherei ist also wieder auf Kurs – allerdings nicht unbedingt in ruhigen Gewässern. Die Stadt muss sparen, die Bücherei auch; ihr stehen momentan 50 000 Euro weniger zur Verfügung als ursprünglich eingeplant; das entspricht einem Viertel des Etats. Die Pläne für ein neues Medienzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses liegen erst recht auf Eis – zwar versichert, die Sitzungsvorlage des SKSS, das Ziel werde weiter angestrebt, aber es klingt ein bisschen nach Pfeifen im Walde.