Mütter beklagten, dass sie ihren Kleinen in der Kinderabteilung der Stadtbibliothek Rottenburg wegen des Lärms nicht mehr vorlesen könnten. Jetzt hängt eine Lärmampel an der Wand.
Erstes Stockwerk der Stadtbibliothek Rottenburg, Kinderabteilung. Eigentlich alles wie immer: Kleine Jungen suchen sich Bücher aus den großen Kisten aus, um sie sich anzuschauen oder von ihren Müttern vorlesen zu lassen. Etwas größere Mädchen stehen mit schiefgelegtem Kopf vor dem Regal mit den Pferdebüchern, um die Titel lesen zu können. Eine junge Frau spielt mit einem Vorschulkind im untertunnelten Lesehaus.
Die Indianer-Tipis sind weggeräumt
Was fehlt, sind die Indianer-Tipis, die neulich noch an zentraler Stelle standen und zum Versteckspielen einluden. Was neu ist, ist eine Lärmampel. Bei Grün ist der Geräuschpegel okay. Gelb bedeutet „Bitte etwa leiser sprechen“. Rot heißt: „Stop! Jetzt ist es zu laut! Bitte leiser werden.“
Bis vor wenigen Wochen seien Kinder in der Rottenburger Stadtbibliothek eingeladen gewesen, „sich auszuprobieren, zu toben und in neue Welten einzutauchen“, teilte eine Familie per Mail mit. Jetzt gebe es dort „nichts mehr, was zum Verweilen einlädt“ – und stattdessen „eine Lärmampel, die den Kindern sogar verbietet, Spaß zu haben“.
Sind Kinder jetzt etwa unerwünscht?
„Müssen Eltern mit kleinen Kindern nun befürchten, dass sie nicht mehr willkommen sind?“ Der Frage der Rottenburger Familie wurde nachgegangen und Sofia Paul, die Teamleiterin der Abteilungen Kinder und Jugend, befragt: „Sind Kinder bei Ihnen jetzt unerwünscht?“
Keineswegs, antwortet Paul. Das Lachen sei in der Kinderabteilung nach wie vor erlaubt. Es gehe um das lautstarke Toben. Das sei zuletzt manchmal völlig aus dem Ruder gelaufen. Einige Mütter hätten sich beschwert, weil sie ihren Kindern bei dem Lärm nicht mehr in Ruhe vorlesen konnten.
Sofia Paul und ihre Kolleginnen haben ihre Büros hinter den Türen am hinteren Ende der Kinderabteilung. „Es war zum Teil so laut, dass wir nicht mehr konzentriert arbeiten konnten“, sagt sie. Deshalb sei im Haus die gemeinsame Entscheidung gefallen, die Lärmampel zu installieren.
Lautes Reden stört die Lärmampel nicht
Diese Lärmampel misst den Geräuschpegel im Raum. Sie dazu zu bringen, von Grün auf Gelb umzuspringen, ist gar nicht so leicht. Lautes Reden reicht da nicht – und wer will schon in einer Bibliothek brüllen oder in den höchsten Tönen kreischen?
Genau, sagt Paul. In einer Bibliothek sollte es nicht traurig, aber doch etwas gedämpft zugehen, damit sich alle dort wohlfühlen und in Ruhe lesen, spielen oder Bilderbücher anschauen können. Das könnten auch Kinder verstehen. Wenn, wie geschehen, im Getümmel „Regalböden heruntergerissen werden“, sei die Toleranzgrenze überschritten.
Die Tipis kommen irgendwann wieder
Um das wilde Toben einzupegeln, haben Paul und ihre Kolleginnen die Indianer-Tipis entfernt. „Wir lassen sie jetzt mal eine Weile weg“, sagt die Teamleiterin der Kinder- und Jugendabteilung. Und fügt hinzu, dass die eigentlich für den ruhigen Rückzug gedachten Zelte wohl irgendwann wieder aufgebaut werden. Wenn sich die Lage im ersten Stockwerk der Stadtbibliothek verlässlich entspannt hat.