Viele Beteiligte kreierten in der Stadtbibliothek viele besondere Momente. Foto: Büchler

Die Ukraine bringt man aktuell eigentlich nur mit dem Krieg in Verbindung. „Nagold liest“ warf – mit jeder Menge Hilfe – jetzt ein ganz anderes Licht auf das Land.

Dass der Arbeitskreis Kultur mit seiner Reihe „Nagold liest“ – besondere Themen an dazu besonders stimmigen Orten - immer wieder für Überraschungen sorgt, hat sich in über 15 Jahren der Lesungen schon lange herumgesprochen.

 

Doch die jüngste Veranstaltung in der knallvollen Stadtbibliothek mit dem Thema „Ukrainische Volksmärchen“ darf in mehrfacher Hinsicht als außergewöhnlich gelten. Denn der mit dem kooperierenden AK Ukrainehilfe (Anna Weinbender) realisierte Abend wurde nicht nur vom Chor „come together“ unter Karin Häußler und dem jungen ukrainischen Gitarristen Yan Sanchez musikalisch umrahmt, sondern sowohl die Moderation als auch einzelne Lesepassagen erfolgten teils zweisprachig.

„Wenn der Strom ausfällt, beginnen wir selbst zu leuchten“

Nataliia Kurochkina stimmte auf der Querflöte in den Abend ein, ehe sie im Wechsel mit Birgit Pfaff, noch vor der offiziellen zweisprachigen Begrüßung, das eindrückliche Gedicht „Kiew wird niemals verschwinden“ vortrug. In nunmehr über vier Jahren des Krieges, so heißt es darin, haben Kinder gelernt, schneller in den Schutzraum zu springen als auf den Spielplatz, „und wenn der Strom ausfällt, beginnen wir selbst zu leuchten“.

Rund 80 Zuhörende, darunter auch ukrainische Helferinnen und Familien, summten bei Anna Weinbenders Gesang „Oj u vischnevomu Sadu“ (Oh, im Kirschgarten) sogar leise mit, ehe Connie Hildebrandt-Büchler mit dem Märchen vom Hund Sirko in das eigentliche Thema des Abends, ukrainische Volksmärchen, einstieg.

Ukrainische Märchen sprühen doch vor Witz und Lebensweisheit

Durch den schlauen Einfall eines Wolfes darf der alte, vom Hof verjagte Sirko wieder zurückkehren, und weil er sich erkenntlich zeigen will, versorgt er den Wolf bei der Hochzeit der Bauerntochter unter dem Tisch reichlich mit Schnaps – bis dem Wolf nach Gesang zumute ist…. „Boris, dreier Väter Sohn“, als Findelkind von drei Brüdern adoptiert, wird zum erfolgreichen Pferdewirt eines Großfürsten, immer begleitet von seinem Rösslein. Hätte er nur früher auf dessen Rat gehört, die Feder des Glutvogels, die sich bestens zum Strählen der Pferde eignet, nicht aufzulesen! Missgunst und Intrigen führen Boris durch allerhand schwierige Situationen bis zum Mond, weil er herausfinden soll, warum dieser nur noch bleich leuchtet.

Connie Hildebrandt-Büchler (links) und Liudmyla Rebrina lasen in der Stadtbibliothek. Foto: Büchler

Weniger bekannt als ihre deutschen oder russischen „Verwandten“, sprühen die ukrainischen Märchen doch vor Witz, Lebensweisheit und einer tiefen Verbindung zur Natur. Das wurde auch in dem von Birgit Pfaff und Liudmyla Rebrina zweisprachig im Wechsel vorgetragenen „Koza Dereza“, „Die bösartige Ziege“ greifbar. Diese setzt sich genüsslich in einem Hasenbau fest, wirkt sogar auf Fuchs und Wolf bedrohlich, doch erst ein kleiner Igel bietet ihr Paroli. „Nese Galya Vodu“ („Galya trägt das Wasser“), eine vom Chor zweisprachig gesungene Weise, leitete die Pause ein, in der sich die Zuhörenden am reichhaltigen Büffet mit ukrainischen Spezialitäten stärken konnten.

Der runde Abend wird noch lange nachhallen

Auch „Das Küchlein, das nicht gegessen werden wollte“, oder „Die Sorgenkobolde“ begeisterten im zweiten Teil das Publikum, das nicht mit Beifall sparte. „Morning has broken“, die hoffnungsvolle Hymne über einen Neubeginn, beendete (fast) den äußerst eindrucksvollen Abend.

Denn während schon Stühle gestapelt wurden, entließen ukrainische Zuhörende noch mit einer spontanen Volksweise das Publikum in die Nacht. Ein runder Abend, der noch lange nachhallen wird.