Dokumente und Erinnerungen in 16 Ordnern: Jens Hansche, Renate Karoline Adler, Petra Weinbrecht, Ulrich Müller, Gabriel Stähle und Ruth Dörschel (von links). Foto: B. Schwarz

"Dies ist kein Schlusspunkt sondern ein Doppelpunkt. Jetzt fängt’s erst richtig an", sagte Gabriel Stängle im Rathaus mit Blick auf 16 Aktenordner. Diese hatte Ulrich Müller, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, gerade an das Stadtarchiv übergeben.

Freudenstadt - Sie können, so hoffen Müller und Stängle, Grundlage für weitere Forschungen, Dokumentationen oder ein Buch über einen jüdischen Arzt sein, der in Freudenstadt viel Gutes getan hat: Carl Beer. Renate Karoline Adler, Leiterin des Stadtarchivs und die Mitarbeiter Ruth Dörschel und Jens Hansche freuten sich sichtlich über den "Zuwachs" im Stadtarchiv und versicherten, dass die übergebenen Unterlagen für die Öffentlichkeit zugänglich sein würden und als Grundlagen für weitere Forschungen zur Verfügung stünden.

Das Archiv habe sich seit Jahren immer wieder mit der Person Carl Beer beschäftigt und werde das weiterhin tun. Adler freute sich, dass der Ruhestandspfarrer auch künftig für Fragen zur Verfügung stünde. Sie verwies auf die Juli- und Augustausgaben der "Freudenstädter Heimatblätter", die dem Wirken des Arztes in Freudenstadt gewidmet sind.

Enge Zusammenarbeit

Petra Weinbrecht, Leiterin des städtischen Amtes für Bildung, Familie und Sport, bedankte sich namens der Stadt und würdigte den persönlichen und fachkundigen Einsatz von Pfarrer Müller, der in dokumentarischem Fleiß darauf abzielt, die Person Carl Beers nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Weinbrecht erinnerte daran, dass seit den 90er-Jahren im Manbach eine Straße nach Carl Beer benannt sei.

In enger Zusammenarbeit mit Ulrich Müller (75) hatte Realschullehrer Gabriel Stähle (49) den Text für die Sonderausgaben der Heimatblätter (diese sind im Stadtarchiv zu haben) verfasst, auf Grundlage des Buchs von Thorsten Trautwein "Jüdisches Leben im Nordschwarzwald" (erschienen im J.S. Klotz Verlagshaus). Dort ist ein ausführliches Kapitel unter der Überschrift "Was wär, wenn Dr. Beer nicht wär?" enthalten. Stähle schilderte die umfassenden Forschungsarbeit seines Freundes Müller in teils "unmöglicher Art und Weise aber immer mit dem seelsorgerischen Blick, das Verbindende zu sehen". Müller war von 1999 bis 2011 geschäftsführender Pfarrer an der Stadtkirche Freudenstadt im Bezirk Nord und seitdem im Ruhestand. Er lebt in Baiersbronn.

Langjährige Forschungen

In bewegenden Worten schilderte er seine vielfältigen Begegnungen mit Juden und dem jüdischen Leben in der Region, ausgelöst durch eine Begegnung mit der jüdischen Pfarrerin Dorothea Irene Marx von der Baptistischen Kirche Londons Anfang der 80er-Jahre. Er gebe nun mit Rücksicht auf sein Alter seine langjährige Forschungen in professionelle Hände. Pfarrer Müller hatte bereits vor Jahren eine Dokumentation über das Gästehaus Haas in Freudenstadt verfasst.

Info: Das Leben des Carl Beer

Carl Beer kam 1885 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Ungarn zur Welt, studierte Medizin in Berlin und Freiburg und kam 1912 in den Nordschwarzwald. In jungen Jahren war er aus der jüdischen Gemeinde aus- und der evangelischen Kirche beigetreten. Er war Arzt im ersten Weltkrieg, lag und arbeitete in Lazaretten in Freudenstadt und heiratete 1918 die Freudenstädter Kaufmannstochter Fanny Reichert. 1920 ließ er sich als Arzt in Freudenstadt nieder, wo er ein Sanatorium errichtete.

Die vielfachen Bedrohungen der Nazis, die ihm auch seine Approbation entzogen, überlebten er und seine Frau ab 1940 in Nürnberg ebenso wie die 17 Bombenangriffe auf diese Stadt. Beide kehrten im Juni 1945 nach Freudenstadt zurück. Sechs Tage später nahm er seine ärztliche Tätigkeit wieder auf. Er war Mitglied des Gemeinderats und Beigeordneter, übernahm die Leitung des Krankenhauses St. Elisabeth, gab 1985 seine kassenärztliche Tätigkeit auf und starb im Juli 1969 in Freudenstadt. Er ist mit seiner fünf Jahre zuvor verstorbenen Frau auf dem Freudenstädter Friedhof beerdigt. Carl Beer gilt laut Gabriel Stängle "als einer der bedeutendsten Ärzte, die im 20. Jahrhundert in Freudenstadt wirkten".