Das ehemalige Casino war gut gefüllt beim Unternehmerdialog zur Dekarbonisierung. Foto: Sebastian Buck

In Meßstetten organisieren Stadt und IIGP-Zweckverband gemeinsam einen Unternehmerdialog im ehemaligen Casino der Zollernalbkaserne.

Gut gefüllt war das ehemalige Offizierscasino in Meßstetten an diesem Dienstagabend. Geladen zu einem Unternehmerdialog hatten die Stadt Meßstetten und der Zweckverband IIGP, der bekanntlich das alte Kasernengelände in einen Industriepark ummodelt. Die Arbeiten zum Abriss laufen aktuell auch auf Hochtouren, wie Verbandschefin Heike Bartenbach in ihrem kurzen Vortrag erklärte.

 

Zunächst aber gehörte Roland Eppler die Bühne – der Klimamanager der Heuberg-Metropole ging zunächst auf allgemeine Dinge zum Klimawandel ein, hatte ein Schaubild im Gepäck. Darauf zu sehen: In Baden-Württemberg wird es seit den Aufzeichnungen von 1881 bis 2019 stets wärmer in der Durchschnittstemperatur.

Auch eine Folie zum Erdüberlastungstag veranschaulichte das Dilemma, Deutschland ist mit seinen CO2-Kontigenten übrigens schon am 10. Mai dieses Jahres durch. „Ab da werden die Emissionen auf Schulden aufgebaut“, so Eppler. Weltweit würden mehrere Fachinstitute mit starken wirtschaftlichen Einbußen rechnen. Aber um etwas fürs Klima zu tun und Kohlenstoffdioxid einzusparen, dafür gebe es durchaus Förderprogramme – allein in Baden-Württemberg habe er in einer Onlinesuche beim zuständigen Wirtschaftsministerium 82 Treffer erhalten.

Vom Bürostuhl bis zur Batterie

Drei Top-Speaker hatte man ins ehemalige Casino nach Meßstetten gelotst an diesem Nachmittag. Joachim Schilling (Leiter Innovation und Sonderaufgaben bei der Firma Interstuhl), Alexander Kessler (LKU Kessler aus Nusplingen) und Joachim Hörer (comi energy aus Albstadt). Die drei sprachen unter dem Titel „Praktische Umsetzung von Strategien zur Dekarbonisierung von Unternehmen“ über Maßnahmen zur CO2-Reduzierung, die Wirkung von Lüftungstechnik und informierten, wie Unternehmen ihre Stromversorgung gestalten können.

Zunächst begann mit Schilling sozusagen der Lokalmatador aus dem Meßstetter Teilort Tieringen, wo Interstuhl bekanntlich seinen Hauptsitz hat. Im Jahr brauche der Standort gut 343.000 Liter Heizöl, zudem noch 3400 Megawattstunden an Strom. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sorge dafür, so Schilling, dass immerhin gut 10,6 Prozent des eigenen Strombedarfs gedeckt werden könne. Auch weitere Maßnahmen habe Interstuhl bereits umgesetzt, etwa die Beleuchtung auf LED-Technik umgestellt.

„Zero-Waste“-Produktion

Weitere Ideen gibt es, von einem Blockheizkraftwerk bis zur Geothermie. Teils sei das aber wirtschaftlich nicht vernünftig darstellbar, zumindest letzteres. Was Interstuhl zur Reduktion von CO2 tut, ist auch in der Fertigung zu finden. Die Verwendung von biobasiertem Kunststoff etwa oder die annähernd „zero waste“-Produktion, um möglichst wenig Material in die Tonne werfen zu müssen. Die Versorgung des Werks werde in Zukunft wohl dezentraler erfolgen, mit mehreren vernetzten Systemen. Für Joachim Schilling ist klar: „Es gibt nicht den einzigen richtigen Weg.“

Kleine Maßnahmen wirken

Alexander Kessler schloss sich in der Vortragsreihe an. Seine gleichnamige Firma befasst sich mit industrieller Lüftungstechnik. Im Grunde, so der Geschäftsführer, sei man „überall, wo viel Luft zu bewegen ist“. Das Einsparpotenzial sei auf diesem oftmals unterschätzten Gebiet riesig, zumal die Lüftungsanlagen „oft dauerhaft“ am Laufen seien. Und alte Anlagen würden eben, nicht zuletzt wegen fehlender Wärmerückgewinnungstechnik, eine Menge Energie verschwenden. Hier ließen sich sowohl Kosten als auch CO2 einsparen, zeigte sich Kessler überzeugt. Und man finde auch in älteren Gebäuden meistens eine Lösung zur Nachrüstung, beantwortete er eine entsprechende Frage aus den Zuschauerreihen.

Joachim Hörer folgte als Abschluss. Er hat erst im vergangenen Jahr gemeinsam mit Matthias Dobbrunz die Firma „Comi Energy“ gegründet, die einen Batteriespeicher in Albstadt betreibt. Der Speicher, berichtet Hörer, habe eine Kapazität von sechs Megawattstunden und eine Leistung von zwei Megawatt. Der Strommarkt sei sehr dynamisch, von negativen Strompreisen bis zu Preissteigerungen in den vergangenen Jahren ist alles zu beobachten. Die eigene Anlage speise sich aus einem dezentralen Netz und ist auf den Stromhandel ausgelegt. Das könne, je nach Größenordnung, auch ein Unternehmen machen.

Rege Diskussionen am Ende

Klar sei auch: Eine PV-Anlage koste am Ende mitsamt Speicher noch weniger, da der Strom eben günstig produziert wird und obendrein zwischengespeichert werden kann. Auch Notstromlösungen mit kleinen Einheiten, bis zu 100 Kilowattstunden, bietet die Albstädter Firma an. Hier gehe in den kommenden Jahren sicherlich noch viel, war Hörer in seinem Vortrag überzeugt.

Am Ende tauschten sich die anwesenden Unternehmer noch bei Häppchen und mit Blick über Teile des Kasernengeländes aus. An vielen Stellen bildeten sich kleine Gruppen, in denen rege diskutiert wurde. Von Elektro-Mobilität bis zur Solartechnik.