Berittene Polizeikräfte im Stadion beim VfB-Spiel gegen Feyenoord Rotterdam. Die Kosten, die Polizeieinsätze rund um VfB-Spiele produzieren, stehen im Zentrum einer Kleinen Anfrage an das Innenministerium BW. Foto: imago/Baumann

Deutsche Stadien sind sicher. Doch Rufe nach Regelverschärfungen bleiben laut. Der Landtag Baden-Württemberg beantwortet eine kleine Anfrage rund um Polizeieinsätze bei VfB-Spielen.

Stadien in Deutschland sind ein überaus sicherer Ort. Dies belegen aktuelle Zahlen – wieder einmal. Denn seit Jahren sind die Zahlen zu Straftaten bei Fußball-Bundesliga-Spielen rückläufig. Der unlängst veröffentlichte Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sport (ZIS) zeigt deutlich auf, dass in der vergangenen Saison rund 22 Prozent weniger Strafverfahren durch die Polizei eingeleitet wurden. Ebenso wurden 17 Prozent weniger Personen verletzt. Die Polizei musste 9 Prozent weniger Arbeitsstunden rund um die Spieltage aufwenden. Eine positive Entwicklung, die durch eine Steigerung der Zuschauerzahlen um rund eine Million noch einmal verstärkt wird.

 

Bei 25 260 000 Zuschauern in der vergangenen Saison wurden 1107 Verletzte registriert. Das entspricht 0,00438 Prozent der Stadionbesucher. „Somit können deutsche Stadien der ersten drei Ligen als überaus sicher gelten, sowohl was ihren baulichen Zustand angeht als auch den Aufenthalt in ihnen selbst“, schreibt der Dachverband deutscher Fanhilfen e. V. in einer Mitteilung.

Innenministerkonferenz (IMK) in Bremen steht vor der Tür

Dennoch werden pünktlich zum Jahresende – die Innenministerkonferenz (IMK) in Bremen steht vor der Tür – aus der Politik die Rufe nach einer grundsätzlichen Verschärfung von Regeln und Maßnahmen lauter. Wie auch die Debatte über die Verwendung der „Gotham“-Software der Fima Palantir aufzeigt – gerade in Baden-Württemberg. Eine Online-Petition hat gegen den Einsatz dieser Software Unterschriften von weit über 13 000 Unterstützern gesammelt. Dennoch beschloss der Stuttgarter Landtag: „Gotham“ kommt, unter Auflagen.

Bundesweiter Aktionsspieltag der organisierten Szenen

Deutsche Fanszenen laufen seit Wochen dagegen Sturm. Zuletzt gab es einen bundesweiten Aktionsspieltag. Überall waren entsprechende Spruchbänder zu lesen, auch in Stuttgart. Die organisierten Fanszenen befürchten unter anderem „personalisierte Tickets, KI-gestützte Sicherheitsmaßnahmen rund um Spieltage und massenhaft neue Stadionverbote ohne Unschuldsvermutung“, wie das Commando Cannstatt in einer aktuellen Mitteilung auflistet. Zwar hatten die Abgeordneten im Stuttgarter Landtag nur unter Auflagen dem Palantir-Einsatz zugestimmt und den Einsatz von KI-Modulen ausgeschlossen – die organisierte Fanszene scheint das nicht zu beruhigen.

Sollte auf der IMK wie anvisiert eine bundesweite Stadionverbotskommission beschlossen werden, könne aus einem „zahnlosen Papiertiger alsbald bittere Realität“ werden, befürchten die Stuttgarter Ultras. Die sind auch an ihrem eigenen Standort Kummer gewohnt. Nicht zuletzt beim Spiel gegen Feyenoord wurde wieder einmal deutlich, dass es hinter den Kulissen zwischen Fans und Polizei mächtig brodelt.

Es wurde allerdings ebenfalls deutlich, dass die Einordnung der Partie als sogenanntes „Rot-Spiel“, also eine Hochrisiko-Begegnung, absolut treffend war. Die Vorfälle rund um die Partie belegen dies eindeutig, die Stuttgarter Polizei hat im Stadion durch ihr Eingreifen Schlimmeres verhindert. Kategorisiert wurde das Spiel im Rahmen der sogenannten Stadionallianz. Hierbei handelt es sich um ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg. Vereine, Verbände, Fanprojekte, Kommunen und Polizei arbeiten hier Hand in Hand. Das Ziel: mehr Sicherheit und weniger Einsatzstunden der Polizei.

Kleine Anfrage an Innenministerium BW zu Polizeieinsätzen

Unabhängig von den Vorfällen rund um die Feyenoord-Partie hatte die Landtagsabgeordnete Kathrin Steinhülb-Joos (SPD) bereits Wochen vor der Partie eine Kleine Anfrage an das baden-württembergische Innenministerium gestellt. Darin erkundigte sie sich nach den Polizeieinsätzen und deren Kosten bei den VfB-Heimspielen der vergangenen fünf Jahre sowie nach deren Angemessenheit. Abgefragt wurde im Detail: „Wie viele Polizisten in den vergangenen fünf Spielzeiten durchschnittlich pro Saison zur Sicherung der Heimspiele des VfB im Einsatz waren (aufgeschlüsselt nach Saison, Anzahl der Polizisten und Anzahl der Einsatzstunden)“ und welche Kosten dem Steuerzahler dadurch entstanden sind.

Die Kosten für Polizeieinsätze im Überblick. Foto: STZN

Die Antworten aus dem Innenministerium liegen unserer Redaktion vor – und auch sie belegen, was der ZIS-Bericht aufzeigt: einen konsequenten Rückgang der Zahlen. Zum Vergleich: In der Saison 2022/23, der ersten, die nach der Pandemie wieder ohne Einschränkungen für die Fans ablief, registrierte man am Standort Stuttgart 201 Straftaten und 39 Verletzte rund um die VfB-Spiele bei 17 Heimspielen, darunter zwei Hochrisiko-Partien. In der im Sommer zu Ende gegangenen Saison 2024/25 gab es nur noch 89 Straftaten und 19 Verletzte. Die Einsatzzeiten der Polizei und die damit verbundenen Kosten sanken von 29 052 Stunden/2 006 339 Euro auf 21 786 Stunden/1 607 329 Euro. Zurückzuführen sei das unter anderem auf die Stadionallianzen, findet das BW-Innenministerium unter Leitung von Thomas Strobl (CDU). „Gewaltdelikte im Zusammenhang mit dem Spielbetrieb sind um knapp 30 Prozent zurückgegangen. Fußballspiele werden immer sicherer“, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage von Steinhülb-Joos.

Spruchband in der Cannstatter Kurve Foto: imago/Sportfoto Rudel
Übersicht der registrierten Straftaten rund um VfB-Spiele. Foto: StZN

„Die Polizei übernimmt im Rahmen der VfB-Spiele vielfältige Aufgaben und trägt maßgeblich dazu bei, dass sich alle Menschen vor, während und nach dem Stadionbesuch sicher fühlen“, sagt Steinhülb-Joos. „Gleichzeitig zeigen die Zahlen am Beispiel Stuttgart, dass Forderungen nach mehr Einsatzkräften und weitreichenderen Sicherheitsmaßnahmen vielleicht Schlagzeilen bringen, aber nicht dazu beitragen, dass die Zahlen bei Straftaten und Verletzten im Rahmen von Fußballspielen tatsächlich abnehmen“, sagt die Landtagsabgeordnete.

Bei Hochrisiko-Spielen steigen die Kosten mehr als deutlich, teils um das Vierfache im Vergleich zu den sonstigen Ligaspielen. Foto: StZN

„Äußerungen, in denen Fans unter Generalverdacht gestellt werden, verhärten die Fronten. Formate wie Stadionallianzen oder die Arbeit von Fanprojekten hingegen tragen eindeutig zur Sicherheit im und ums Stadion bei“, sagt die SPD-Politikerin und formuliert einen Auftrag an die IMK: „Auch das sollte bei der Entscheidung über neue Maßnahmen, wie beispielsweise die Einrichtung einer bundesweiten zentralen Stadionverbotskommission, berücksichtigt werden.“