93 Prozent Impfquote, eigene Booster-Aktionen und ständige Tests – die Staatstheater Stuttgart zeigen sich weiter als Vorreiter im Kampf gegen die Corona-Pandemie.
Stuttgart - Ein dichtes Tagesprogramm ist man in den Staatstheatern Stuttgart gewöhnt. Und doch war der vergangene Sonntag ein Tag der besonderen Art. Am Abend präsentierte das Schauspiel im Kammertheater den Videowalk „UN/TRUE“, ein Theaterexperiment von Gernot Grünewald & Thomas Taube, die Oper Stuttgart entführte mit „Rheingold“ in den Auftakt für Richard Wagners großes Weltenepos „Ring der Nibelungen“.
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Doch damit nicht genug: Am Vormittag war die Staatstheater-Kantine in ein internes Impfzentrum umgewandelt. Wie bei zwei vorangegangenen Aktionen erneut mit Erfolg: Mehr als 200 Beschäftigte nutzten das Angebot zur Booster-Impfung. Die hohe Nachfrage nach dem „dritten Pieks“ bestätigte das überdurchschnittliche Engagement der 1400 Staatstheater-Beschäftigten im Kampf gegen die Corona-Pandemie. „Wir haben tatsächlich eine Impfquote von 93 Prozent“, sagt der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks unserer Zeitung mit hörbarem Ernst.
100 Prozent Kosten, 50 Prozent Tickets
Um so wichtiger ist für Hendriks und seine für die künstlerischen Belange verantwortlichen Intendanten-Kollegen Viktor Schoner (Oper), Tamas Detrich (Ballett) und Burkhard C. Kosminski (Schauspiel), dass auf allen Staatstheater-Bühnen weiter gespielt werden kann. Jeweils höchstens 50 Prozent der Plätze dürfen belegt werden – im Opernhaus, Bühne der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts, sind dies 702 Tickets. „Die verkaufen wir auf jeden Fall“, ist sich Marc-Oliver Hendriks sicher. Jedoch: Je länger die Regel gilt, desto schwerer wird es, die Deckungslücke zu schließen. „100 Prozent Kosten und 50 Prozent Einnahmen sind eine enorme Herausforderung“, sagt Hendriks.
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Umso überraschender: Negative Töne sind hinter den Staatstheater-Kulissen keine zu hören. Stattdessen immer wieder der Wunsch: „Wir wollen einfach vor Publikum spielen können“. Etwa an diesem Mittwoch, 15. Dezember, – die Wiederaufnahme der „Operette aller Operetten“, Johann Strauß’ „Fledermaus“. Und noch während das Stuttgarter Ballett seine „Höhepunkte“ und von 21. Januar an Kenneth MacMillans Handlungsballett „Mayerling“ tanzt, gilt dort alle Intensität bereits der nächsten Uraufführung – zu erleben am 25. Februar mit dem Abend „Pure Bliss“ mit Werken des schwedischen Choreographen Johan Inger.
Den Menschen etwas schenken
Mit Tickets für „Pure Bliss“ müssen sich Stuttgarter Ballettfans noch gedulden. An diesem Mittwoch, 15. Dezember, aber wird der gestoppte Kartenvorverkauf für Januar neu gestartet. Für Marc-Oliver Hendriks ist dies nicht nur mit Blick auf die Finanzen von Bedeutung: „Es ist doch elementar wichtig, dass wir den Menschen etwas innerlich Aufbauendes bieten, ja, schenken können. Etwas, das sie herausbringt aus den puren Aktualitäten.“ Und Hendriks ergänzt: „Was wir machen, ist Balsam für die Gesellschaft.“
Ständige Tests im Orchester
Und was passiert, wenn die Corona-Lage noch im Dezember einen von der Landesregierung verordneten Stillstand auf den Staatstheater-Bühnen erzwingt? „Auch bei einer Schließung“, sagt Hendriks, „werden wir sicherstellen, dass die Vorbereitungen für unsere neuen Stücke mit höchster Intensität weiterlaufen“. Sprich, die Proben- und Bühnenarbeiten werden weitergehen. Seit langem schon gilt für den Zutritt der Beschäftigten die 3 G Regel, in einzelnen Bereichen – etwa im Staatsorchester – wird überdies zwei Mal wöchentlich getestet. „Wir sind extrem vorsichtig“, betont Marc-Oliver Hendriks, „um den Kern unserer Arbeit und den laufenden Betrieb nicht zu gefährden“.
Schauspiel mit „Verbrennungen“
„Kern der Arbeit“ ist das Geschehen auf der Bühne, ist es, für den viel zitierten erweiternden Blick zu sorgen. Auch, wenn Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski auf manch geplanten Direktdialog mit der Stadtgesellschaft verzichten muss – die nächste Premiere unterstreicht diesen Anspruch nachdrücklich: Am 22. Januar bringt Kosminski selbst viersprachig wie 2018 bei „Vögel“ Wajdi Mouawads Drama „Verbrennungen“ auf die Bühne – und damit die immer neu zu stellende Frage, welche Wunden Krieg und Vertreibung schlagen.