Stuttgart spart sich die Kultur. Das weckt Appetit. Warum für die Staatstheater mitzahlen, fragt die SPD. Ja, warum eigentlich? Vielleicht aus Stolz? Ja, warum eigentlich nicht?
Der 1. April ist Wochen her. Ein Scherz aber, der gar nicht als solcher gemeint war, wirkt noch immer nach, bohrt sich durch die immer gerne beschworene Stadtgesellschaft. Warum aus dem schwer gebeutelten Stuttgarter Haushalt für die Staatstheater Stuttgart mitzahlen, fragte die SPD vor wenigen Wochen.
Ja, warum eigentlich? Auch ein Vertrag, der die gemeinsame Finanzierung von Staatsoper Stuttgart mit Staatsorchester Stuttgart, Stuttgarter Ballett und Schauspiel Stuttgart regelt, war schließlich auf Papier geschrieben. Und das ist bekanntlich erstens geduldig und zweitens angeblich eh von gestern.
Knapp 1400 Beschäftigte? Gültige Verträge auch für die gemeinsame Finanzierung der Erweiterung des Staatstheater-Areals am Standort Schlossgarten und der Sanierung des Littmann-Baus, Heimat für Staatsoper, Stuttgarter Ballett und Staatsorchester? Egal. Man wird ja noch denken dürfen. Darf man – und sich entschuldigen. Höflich geschwiegen hat die Stuttgarter SPD, als klar wurde, dass für den Doppelhaushalt 2026/2027 die Kultur mal eben doppelt so viel einsparen muss wie fraktionsübergreifend vorgeschlagen. Still blieb es umgekehrt aber auch, als die grüne Wissenschaftsministerin Petra Olschowski in harter Tonlage massives Abspecken beim Bau einer für Oper, Ballett und Staatsorchester notwendigen Ausweichspielstätte forderte.
Jetzt aber könnte man sich doch mal richtig profilieren. Mit 119,2 Millionen Euro finanzieren Stadt und Land je hälftig 2026 die Staatstheater Stuttgart, macht für die Stadt 59,6 Millionen Euro. Es kamen ja auch nur (mit eingestelltem Besucherrekord der Vorsaison) 450 000 Besucherinnen und Besucher in der Saison 2004/2025, es finden ja auch nur jeden Tag Projekte mit unzähligen Schulen in Stuttgart statt, und man bietet mit dem Konzept Junge Oper im Nord (Join) ja auch nur ein nationales Leuchtturmprojekt.
An diesem Montag, 20. April, tagt der Verwaltungsrat der Staatstheater. Turnusgemäß – und eher unglücklich in einer Zeit des (landes-)politischen Übergangs. Und doch auch in einer Zeit, da sich Stuttgart bereits auf weitere harte Einschnitte vorbereitet. 150 Millionen pro Jahr, heißt es, müssen 2028 und 2029 zusätzlich eingespart werden. Man weiß also, was man tut, wenn man mal eben einen Ausstieg hier oder dort ins Gespräch bringt. Und man weiß, was man tut, wenn man eben nicht jetzt massiv in eine Strukturdebatte etwa für die Stadttheater und deren mögliche engere Verzahnung mit Stuttgarts Privattheatern debattiert. Oder sich nicht den Mühen einer Orchesterdiskussion stellt.
Nicht nur von Kreativwirtschaft reden
Wer will schon in Stuttgart studieren? Die Frage ist hart, und sie wird immer öfter gestellt. Es war der SPD-Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid, der den Zusammenhang von sozialer Sicherung der meist prekären Beschäftigung in der Kulturwirtschaft und notwendigem Glanz und Innovationsfieber erkannt hat. Und keineswegs ist Lothar Späths Anspruch „High Tech und High Culture“ Schnee von gestern. Im Gegenteil. Von den Städten ausgehend und gemeinsam mit dem Land forciert, muss es ja darum gehen, den längst wieder im Klein Klein verebbten Cluster-Ideen neues Tempo zu geben. Nichts anderes versteckt sich ja hinter dem Schlagwort der Kreativwirtschaft als das Eingeständnis, dass Kunst und Kultur nicht Vergangenheit beschwören, sondern Zukunft formulieren. Wer sich für seine Stadt die Teilhabe an einer übergreifenden Kulturarbeit spart, spart sich die Zukunft seiner Stadt.
Das Ringen um die Kulturförderung bleibt hart
Das Ringen um die Kulturförderung ist hart und wird noch härter werden. Auf kommunaler Ebene wie auf Landesebene. Schlechte Scherze – egal von welcher Seite – sind fehl am Platz. So hat der SPD-Vorstoß doch noch sein Gutes: Die Staatstheater Stuttgart sind in Zugzwang, für die geforderten Einsparungen für das während zehn Jahren veranschlagter Bauzeit in Sachen Staatstheater-Erweiterung und Opernhaus-Sanierung notwendige Interim, schnell buchstäblich kreativ zu denken. Die Stadt Stuttgart muss sich eilig zu Entscheidungen im Gesamtthema kommen. Und das Land muss endlich die wirtschaftspolitische Dimension einer Transformation hin zu einer nicht zuletzt von Animation getriebenen und etwa auch in die personalisierte Medizin ausgreifende Kreativwirtschaft nicht nur diskutieren, sondern bewusst forcieren.
Überfällig: Signal gemeinsamen Antritts
Viel zu viel Zeit haben Stadt und Land beim Thema Staatstheater-Erweiterung und Sanierung des Littmann-Baus in Stuttgart schon mit Egoismen vertan. So hat die scheinbar zwischen den Zeiten stattfindende Sitzung des Staatstheater-Verwaltungsrates am 20. April sehr wohl einen Sinn. Das Geringste, was man erwarten darf und muss, ist das belegte Signal eins längst überfälligen gemeinsamen Antritts.