Der Entertainer nimmt im Schauspielhaus den US-Wahlkampf vorweg und liefert „toxische Fröhlichkeit für den tobenden Mob“ – und den SWR.
Er ist wieder da, das Publikum auch, die Hütte ist voll: Heimspiel für Harald Schmidt im Schauspielhaus! Es ist das letzte vor der Sommerpause und endet mit einem Kantersieg, der sich ankündigt, bevor der Comedian auch nur ein Wort gesagt hat. Heftiger Applaus, als er erscheint; rasender, als er nach zweistündigem Flanieren durch die Themenparks der Welt wieder abtritt. Dazwischen „toxische Fröhlichkeit für den tobenden Mob“ als Einstimmung auf den US-Wahlkampf – dieses Versprechen löst der singuläre Schmidt ein, ein anderes nicht: „Spielplananalyse 22/23 (und 23/24, wenn Zeit langt)“ heißt seine Never-Ending-Show, die er exklusiv in Stuttgart gibt. Aber die Zeit langt am Dienstagabend nicht mal für 22/23.
Heiter und irrsinnig schnell
„Kennen Sie Kai Gniffke?“, fragt Schmidt, „sieht aus wie Prinz Albert von Monaco ohne Charlène, aber mit Fielmann-Brille.“ Der SWR-Intendant ist noch halbwegs bekannt, enger wird es bei anderem Personal, das der Universalgelehrte im Sekundentakt bewitzelt, bespöttelt, parodiert: der Grüne Ralf Fücks, dieser „Michel Foucault ohne Brille, vor allem ohne dessen Werk“; oder Wallis Simpson, die Frau, die König Eduard VIII. so sehr liebte, dass er abdankte, obwohl sie eine Affäre mit dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop hatte – und so weiter in der heiteren, irrsinnig schnellen Volkshochschule.
„Ich liebe untergehende Systeme“, sagt Schmidt, „es freut mich, dass der SWR eine fünfteilige Doku über das Theater mit den drei Sparten dreht.“ Fünf und drei und die Mengenlehre: Drittklässler bringe das an den Rand, fürchtet er – und der Sender ist wirklich vor Ort und dreht eine Hommage ans Haus, dem sich Schmidt verbunden fühlt.
Habeck als Hamlet
Zum Heimspiel reisen auswärtige Fans an, Übernachtung inklusive, um zu sehen, wie die Synapsen des Rentners glühend verlöten, was zueinander von allein nicht findet. „Hamlet“, besetzt aus Nasen der Bundespolitik: der philosophierende Habeck als Titelheld, aber wer gibt Claudius, der Hamlets Vater ermordet hat, um mit Gertrude, Hamlets Mutter, in die Kiste zu springen? Wolfgang Kubicki, der in seinem libertären Eifer nicht zu bremsen ist. „Halt, erst der Mord, Wolfgang“, ruft der um die Handlungslogik besorgte Regisseur dem Lüstling zu.
Keine Sorgen indes muss sich Schmidt machen. Dramaturgie und Publikum – „Wie ich sehe: Klamottentechnisch hat Sie niemand beraten“ – hat er so fest im Griff, dass er in der nächsten Spielzeit wieder achtmal auftritt, um den Spielplan nicht zu analysieren. Er liebt ja untergehende Systeme.