Die „Goldenen Zwanziger“ sind heute Kult – der Künstler George Grosz fand sie dagegen „hässlich und krank“. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt nun in einer neuen Ausstellung seine scharfzüngigen Bilder, die einen auch heute noch packen.
Es gibt Gerüchte, die halten sich eisern, weil sie so schön sind. Deshalb sind die zwanziger Jahre nicht nur Kult, sondern im Volksmund meist auch „golden“. Grad so, als wolle man sich bestätigen: Die Deutschen waren auch mal freigeistig, tolerant und mondän – und nicht nur brutale Nazis. Georg Groß konnte den goldenen Zwanzigern dagegen nichts abgewinnen. Statt freier Liebe sah er schäbige Geilheit. Den Trubel in den Cafés und Bars erlebte er als Schaulaufen der Schreckensgestalten. Seine Abscheu vor der Heimat war sogar so stark, dass Georg Groß seinen deutschen Namen loswerden wollte und sich umbenannte in: George Grosz.
Der Rock ist durchsichtig
Heute gehört George Grosz zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts – und wenn man nun durch die Staatsgalerie Stuttgart schlendert, braucht man keinen kunstwissenschaftlichen Sachverstand, denn man sieht auf den ersten Blick, dass er ein brillanter Zeichner war. Mit spitzer Feder fing er seine Zeitgenossen so ein, wie er sie erlebte. Da schmauchen feiste, fette Kerle dicke Zigarren. Kriegskrüppel schleppen sich durch die Straßen Berlins. Und die elegante Dame mit Hut und Pelzkragen trägt einen so durchsichtigen Rock, dass nicht nur der Hund die Augen lüstern verdreht.
Hype um die zwanziger Jahre
„Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“ nennt sich die neue Sonderausstellung der Staatsgalerie Stuttgart, die den Hype um die Zwanziger nutzen will, der durch die TV-Serie „Babylon Berlin“ wieder neu entfacht wurde. Deshalb sind in der Schau einige Filmausschnitte aus „Berlin – Sinfonie der Großstadt“ zu sehen, die zeigen, dass es auch vor hundert Jahren schon wuselig auf den Straßen zuging mit hupenden Autos, bimmelnden Straßenbahnen und sehr vielen Menschen, die von hier nach dort eilen.
Mit 33 wirkt Grosz schon alt
Trotzdem ist es keine Ausstellung über die Zwanziger, sondern über George Grosz und dessen Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde aus dieser Zeit. Während sich die jungen Leute in den Großstadttrubel warfen, in Bars tanzten und sich in Kinos küssten, beobachtete George Grosz diese Vergnügungen distanziert. Auf einem Selbstporträt von 1926 wirkt er viel älter als 33 Jahre, abgeklärt und ernüchtert.
Zeigen, dass die Welt hässlich und krank ist
Schon als junger Künstler zeichnet Grosz für sogenannte „Witzblätter“ – und der Blick des Karikaturisten steckt in vielen seiner Zeichnungen. Er ist ein Erzähler, der Missstände aufspießt. So hat er „Die Gesundbeter“ ins Visier genommen: Ärzte beim Militär, die ein Skelett untersuchen. Der Krieg ist auch nach 1918 noch lange präsent bei Grosz, immer wieder stolpert man über Uniformierte, denen ein Arm abgerissen wurde. Und der uralte „Weiße General“ (1922/23) erhebt sich aus Leichenbergen, er hat ein Hakenkreuz auf dem Helm.
Die Blätter und Bilder sind beredt und sprechen das Publikum auch heute noch ganz direkt an. „Ich versuchte durch meine Arbeiten die Welt zu überzeugen, dass diese Welt hässlich, krank und verlogen ist“. Und das erkennt man auch hundert Jahre später noch.
Die Ausstellung war für New York geplant
Eigentlich wollte die Kuratorin Sabine Rewald die Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York herausbringen – schließlich flüchtete Grosz 1932 nach New York, während die Nazis seine zurückgelassenen „entarteten“ Werke daheim verramschten oder zerstörten. Ironie des Schicksals: Für Grosz ging ein lange gehegter „Wunsch in Erfüllung“. Er hatte immer von New York geträumt, wo er nun eine private Kunstschule eröffnete.
Die Kuratorin will Spezialwissen vermitteln
Die Ausstellung im Metropolitan Museum of Arts wurde von der Coronapandemie zunichtegemacht. So hat Nathalie Lachmann sie für die Staatsgalerie Stuttgart adaptiert; neben Gemälden aus anderen Häusern werden hier vor allem Papierarbeiten gezeigt. Man sieht, dass die Kuratorin die Werke nicht staubtrocken präsentieren wollte, deshalb sind die Wände in Violett oder Rot gestrichen; die Bilder wurden zum Teil auf verschiedene Höhen gehängt.
Im Detail geht es der Kuratorin aber doch auch um kunstwissenschaftliches Spezialwissen, und man erfährt etwa, dass Grosz als Dada-Künstler von der „Pittura metafisica“ inspiriert wurde oder welche „Motivkomplexe“ seiner „Mappenwerke“ in welchem Verlag veröffentlicht wurden. So ist die Ausstellung nur vordergründig auf das Publikum ausgerichtet, aber immerhin hat man sich bemüht, die Werke lebendig zu inszenieren. Wobei ein Künstler wie Grosz das gar nicht nötig hat. Wenn er etwa Volkes Stimme darstellt, zieht er die Blicke wie von selbst auf die Affen und Esel im Lokal, die nichts als Stammtischgerede herausposaunen.
Kunst als Ventil: Georg Grosz
Leben
Georg Grosz, 1893 geboren, flog von der Schule, weil er sich bei einem Referendar mit einer Ohrfeige revanchierte. Er sah sehr genau Machtmissbrauch und Missstände. Kunst sei für ihn ein Ventil „ das den angestauten heißen Dampf entweichen ließ“ – brachte Grosz aber auch Prozesse und Geldstrafen ein. Im Exil in den USA war er sehr erfolgreich. Als er 1959 nach Berlin zurückkehrte, starb er bald. Er war betrunken auf einer Treppe gestürzt.
Ausstellung
Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre. George Grosz in Berlin“ bis 26. Februar. Geöffnet Di – So 10 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr.