Beiläufige Normalität zeigt Nazanin Hafez in ihrem Blick auf den Park-e Honarmandan (Künstlerpark) in Teheran Foto: Nazanin Hafez

Was kann Dokumentarfotografie? Die 15. Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung bringen überraschende Bilder in die Staatsgalerie Stuttgart.

Der Verkehrt fließt zu jeder Tag- und Nachtzeit, mobile Poller grenzen eher zufällig eine Fläche für Menschen zu Fuß ab. Der Imam Khomeini-Kreisel in Teheran hat nichts Besonderes. Die Tauben picken und gurren wie überall, wirklich aufhalten will man sich hier nicht. Nazanin Hafez, 1991 geboren, zeigt uns einen Ort der Beiläufigkeiten – und doch wirbelt das Video beziehungsweise seine Standfotos eine ganze Flut von Bildern auf. Der Imam Khomeini-Kreisel ist einer jener Orte, an dem das iranische Regime öffentliche Hinrichtungen zelebrierte.

 

Das Morden nicht zu verstecken, die eigene Bevölkerung zu Beteiligten zu machen, zu bewussten oder unbewussten Zuschauern, zählt zu den Waffen jeder Diktatur. Und so nähert sich Nazanin Hafez in ihrer jetzt in der Staatsgalerie Stuttgart zu erlebenden Serie „Spectators“ – Zuschauer – dem verhallten Lärm auf diesem wie auf anderen Plätzen Teherans. Wo hielt sich das „Publikum“ auf, wie und von wo aus erlebten Menschen den öffentlichen Mord an Menschen? Verhalten nähert sich Hafez den Orten, konzentriert sich dann auf einzelne Elemente dieser Orte und verwandelt sie in Papiercollagen in Skulpturen. Es ist ein Schrecken, der alles verstummen lässt. Ohne Anklage. Aber ohrenbetörend gerade auch angesichts der jüngsten Erstarkung des Regimes.

Aus „Your Choices should be grounded in Reality“ von Kristina Lenz und Alex Simon Klug Foto: Kristina Lenz & Alex Simon Klug

Was kann Dokumentarfotografie? Was ist Dokumentarfotografie? Die Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung verhandeln diese Fragen immer wieder neu. Vier künstlerische Positionen stehen für die 15. Vergabe – und noch bis zum 7. Juni sind die Werke von Nazanin Hafez, Kristina Lenz & Alex Simon Klug, Malte Uchtmann sowie Hannah Wolf auf der Staatsgalerie-Erfolgsbühne The Gällery (Altbau, Erdgeschoss) zu sehen. Fotospezialistin Giulia Cramm hat die Schau erarbeitet und sich für vier je eigenständige und gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern entwickelte Raumkonzeptionen entschieden.

Spüren Kristina Lenz & Alex Simon Klug sowie Malte Uchtmann mit Mitteln künstlerischer Forschung den Ebenen von Sprachbildung beziehungsweise den Möglichkeiten sozialer Systeme nach, stellt sich Hannah Wolf mit dem Zyklus „Die Dialektik dieser Arbeit“ offensiv in die vielleicht auch nur unterstellte Historie der Dokumentarfortografie. Unauffällige Straßenzüge werden vorgestellt, leicht zu übersehen darin Orte eigener Gefahr: Produktions- und Verwaltungsbauten der Rüstungsindustrie. Inmitten der vollkommenen Umkehrung von einer absichtlich verdrängten Industrie zu einem wirtschaftspolitischen Rettungsstrang lassen Wolfs Fotos innehalten, fragen ohne Urteil, ohne Unterstellung.

Es ist eine starke, von einer herausragenden Publikation begleitete Ausstellung – mit Themen, über die geredet werden kann und muss. Eben dies macht die Staatsgalerie Stuttgart an diesem Donnerstag, 23. April. Von 18.30 Uhr bis 19.30 Uhr spricht Ausstellungskuratorin Giulia Cramm mit Nazanin Hafez, Kristina Lenz & Alex Simon Klug sowie Malte Uchtmann und Hannah Wolf „über ihre Arbeit und Sichtweisen auf das Dokumentarische“. „Dabei“, so heißt es weiter, „geht es auch um den Einsatz neuer Technologien sowie Bedingungen fotografischer Bildproduktion“. Die Diskussion findet im Metzler-Saal im Altbau statt, der Eintritt ist frei. Anmeldungen sind unter www.staatsgalerie.de möglich.