Fast ein Jahr war 2019 Banksys weltweit bekanntes Schredder-Bild „Love is in the Bin“ in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Gelingt Direktorin Christiane Lange ein neuer Coup?
Stuttgart - Fast ein Jahr war 2019 das weltweit bekannt gewordene Schredder-Bild „Love is in the Bin“ in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Wann gelingt Direktorin Christiane Lange ein vergleichbarer Coup?
Frau Lange, schneller als gedacht kommt „Love is in the Bin“ zur Auktion. Dahinter steht offensichtlich die Idee, dass dieses Banksy-Werk gerade jetzt interessant ist. Was macht es aus Ihrer Sicht spannend?
Banksys Meisterschaft liegt ja gerade darin, anhaltend interessant zu bleiben. Dies gelingt ihm nicht nur durch seine Strategie der anhaltenden Anonymität, sondern auch durch seine Kritik am Kunstmarkt, die längst vom Kunstmarkt absorbiert wurde. „Love is in the Bin“ ist gewissermaßen eine zeitlose Kritik an der gegenwärtigen Form des Kapitalismus, die jene Kritik an sich abprallen lässt, indem sie sie zur Ware macht. Das macht dieses Werk und seine Geschichte so vielschichtig und interessant.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie viele Millionen ist das Schredder-Bild wert?
Sie haben „Love is in the Bin“ bis Anfang 2020 fast ein Jahr in der Staatsgalerie gezeigt. Durchaus nicht ohne Gegenwind bei der Ankündigung. Wie haben Sie die Ankunft des Werks in der Staatsgalerie in Erinnerung?
Als ein enormes Medienspektakel! Nie zuvor hatten wir bei einer Ausstellungseröffnung so viel Presse im Haus. Vor allem aber so viel unterschiedliche Presse, von einschlägigen Fachmagazinen über Vertreter regionaler und überregionaler Zeitungen bis hin zum Boulevard. Mich hat besonders gefreut, dass wir auch viele Online-Berichterstatter und Blogger in unserem Haus begrüßen durften, die Banksys Werk einem ganz anderen Publikum erschließen konnten. Durch diese umfassende Berichterstattung war das Besucherinteresse vom ersten Tag an enorm.
Neues Publikum gewonnen
Die externe wie die interne Kritik suchten Sie mit einer starken inhaltlichen Strukturierung zu kontern. Was hat Banksys Werk bewirkt?
Dass wir viele Menschen in der Staatsgalerie begrüßen durften, die wir bislang nicht erreichen konnten. Und dass sich nicht wenige von ihnen vorgenommen haben wiederzukommen und es zum Teil auch schon gemacht haben. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Dass Menschen Banksy gesucht und noch viel mehr Kunst gefunden haben.
Alles sicher richtig – zugleich waren da aber auch die Schlangen. Anstehen für ein bewusst zerstörtes Bild. Da bleibt auch die Rede des Spektakels. Haben Sie dies bewusst einkalkuliert?
Gerade unser Konzept, Banksy nicht isoliert zu betrachten, sondern in den Kontext anderer Werke zu stellen, hat verdeutlicht: „Love is in the Bin“ ist kein unterkomplexes Werk, wie es bei unserem Banksy-Podium von den Kritikern formuliert wurde, sondern im Gegenteil das Werk eines Gegenwartskünstlers, der sich künstlerischer Traditionen bewusst ist und sich, wie alle Künstler, in der Kunstgeschichte bedient.
Innovativ bleiben
Und umgekehrt: Ist aus Ihrer Sicht etwas von dieser Neugier geblieben?
Auf jeden Fall, zumindest vor Corona. Jetzt müssen wir vieles wiederaufbauen, das sich im Nachklang zu Banksy bereits etabliert hatte. Dass viele Erstbesucherinnen und Besucher wiedergekommen sind, lag ja nicht zuletzt an den innovativen Veranstaltungsformaten, die wir anlässlich von „Love is in the Bin“ für unsere neue Zielgruppe aus der Taufe gehoben haben. Die „Schlemmer X Beats“ als letzte Ausgabe unserer „Weekend Warm-ups“ vor dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben gezeigt, wie viel Potenzial diese Mischformen aus Unterhaltung und Kunstvermittlung bergen, um die Neugier auf Kunst zu wecken und am Leben zu erhalten.
Wann kommt der nächste Coup?
Mit all den Erfahrungen – wann landet die Staatsgalerie wieder einen Aufrüttelcoup à la „Love is in the Bin“?
Einen Coup kann man nicht ankündigen, sonst wäre es kein Coup.