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St. Georgen Zwei Räder, vier Länder, viele Fragen

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Richard Schuster ist freier Mitarbeiter des Schwarzwälder Boten. Für die Leser hat er die Eindrücke seiner letzten Radtour festgehalten. Foto: Schuster Foto: Schwarzwälder Bote

St. Georgen. Gemeinsam mit weiteren Radlern stehe ich am Anlegeplatz der Fähre bei Karnim auf Usedom. Ich wundere mich: "Warum fährt sie denn nicht?" Die Frage offen ausgesprochen, bringt eine für mich doch verwunderliche Antwort hervor. "Die Altparteien", so die Bedienung und die Gäste des am Fährhafen gelegenen Kiosk, sind die Übeltäter. "Neue Leute braucht das Land", lautet ihre Devise. Darüber möge ich doch auf meiner Radtour mal nachdenken. Meine Nachfrage wird rasch abgeblockt – Diskussion unerwünscht. Das geht ja gut los, denke ich.

Rückblick: Am 24. Juni fahre ich mit dem Nachtzug zum Startpunkt meiner Tour nach Stralsund an die Ostsee. Mein Plan ist, zunächst die dortige Gegend mit den Inseln Rügen und Usedom sowie dem Stettiner Haff zu erkunden. Anschließend will ich den Oder-Neiße-Radweg an der deutsch-polnischen Grenze entlang radeln und mich dabei rechts und links der beiden Flüsse umsehen. Südlich von Zittau soll es dann über die Berge nach Böhmen gehen. Abschließend will ich Tschechien von Nord nach Süd durchradeln, ehe meine Reise dann an der Donau in Österreich enden würde.

Fischerei allein reicht nicht

Unterwegs bin ich mit meinem alten, aber zuverlässigen Mountain-Bike und nur wenig Gepäck. Ich bin nicht nur auf die zu erwartenden neuen landschaftlichen Eindrücke gespannt, sondern besonders auch auf die dort lebenden Menschen und ihre Lebensumstände. Außerdem möchte ich mein subjektives Bild und all die bestehenden Vorurteile mit der hoffentlich neu zu erfahrenden Wirklichkeit dort in Einklang bringen.

Die Küste von Mecklenburg-Vorpommern ist eine beliebte Urlaubsregion. Ich genieße das Radeln über Land, den Wind und die frische Seeluft. Nach drei Tagen wende ich mich südwärts entlang des Stettiner Haffs und komme nach einer heftigen Hitzeschlacht quer durch fast menschenleeres Land, vorbei an aufgelassenen früheren LPG-Betrieben, schließlich unweit der polnischen Hafenstadt Stettin an die Oder.

Mittlerweile ist mir das in großen Teilen polnische Servicepersonal aufgefallen, das anstelle der Einheimischen in Hotels, Cafés oder Kneipen arbeitet. Die niedrigen Löhne in der Branche sind offensichtlich für polnische Grenzgänger immer noch attraktiver als manche Arbeit in ihrem Heimatland.

Meist entlang des Oderdeichs erreiche ich über Gartz und Schwedt das Vorfeld der Stadt Küstrin. Ich bin bei einem Fischer untergebracht. Beim abendlichen Fassbier erläutert er mir die wirtschaftliche Situation seines Betriebs.

Da die Oderfischerei allein längst das Auskommen der Familie nicht mehr sichern könne, habe er sich nach und nach zusätzliche Standbeine aufgebaut: den Kiosk, die Kanutouren und den Campingplatz. Seine Aussage, dass man eine gegebene Lage annehmen müsse und Jammern nichts bringe, zeigt mir, dass eben auch im Osten die Menschen unterschiedlich sind – ein erstes positives Zeichen im Vergleich zum Erlebnis an der Boddenfähre.

Anderer Blickwinkel

Am Nachmittag komme ich beim ehemaligen Industriehafen Groß Neuendorf mit einem einheimischen älteren Ehepaar ins Gespräch. In dieser Gegend fanden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die letzten organisierten Abwehrkämpfe gegen die Rote Armee statt. Viele Mitbürger, erzählen sie, ärgerten sich über die einseitige Darstellung des "D-Days" in der Presse. Die Hervorhebung der Invasion der Westalliierten in der Normandie, so ihre Meinung, zeuge von der "West-Zentriertheit". Der Anteil der Sowjetunion und ihr eingebrachter, ungeheuerer Blutzoll zum Erringen des Sieges über Nazi-Deutschland würde nicht ausreichend gewürdigt. Mir wird langsam deutlich, welche psychologischen Aspekte und Befindlichkeiten hier nach wie vor in den Köpfen der Menschen stecken.

Nachdenklich radle ich durch ein landschaftlich schönes Land. Rotwild und Feldhasen kreuzen meinen Weg. Was mich allerdings zunehmend deprimiert, ist der häufige Anblick der immer noch vorhandenen zahlreichen gesprengten Brücken, Straßen und Bahnlinien, etwa der ehemaligen Reichsbahn-Achse Berlin – Königsberg.

Als Kind habe ich selbst bei Kehl an der Grenze zu Frankreich in den gesprengten Westwall-Bunkern gespielt. Mittlerweile sind diese Reste größtenteils beseitigt. Gleiches sollte auch im Osten passieren. So würde den Menschen und ihrer Heimat ein Stück Trostlosigkeit und Rückwärtsgewandtheit genommen. Ausgewählte Objekte könnte man als Mahnmale erhalten.

So wie etwa in Guben. Ich stehe an den Pfeilern der gesprengten ehemaligen Stadtbrücke, schaue über die Neiße zur früheren Oststadt und informiere mich auf den aufgestellten Schautafeln. Ich stelle mir vor, wie hier einst das Gubener Stadtleben pulsierte.

Ähnliches gilt für die vielen heruntergekommenen und halb verfallenen Straßen und Gebäude, gerade auch auf dem Land. Es drückt die Menschen nieder und es entmutigt sie, dies tagtäglich zu sehen. Auf der Ostseite der Neiße, im heutigen polnischen Gubin, besuche ich die im letzten Krieg ausgebombte Stadtkirche. Ein 2005 gegründeter deutsch-polnischer Förderverein bemüht sich um den Wiederaufbau. Das sind durchaus positive Zeichen im bislang unvollendeten Versöhnungsprozess der Menschen beidseits von Oder und Neiße.

Auf meiner weiteren Tour durch Brandenburg und Sachsen begeistern mich aber auch immer wieder toll sanierte Orte wie etwa das Stift Neuzelle oder Bad Muskau mit dem herrlichen Fürst-Pückler-Park an der Neiße. Städte wie Görlitz oder der Innenstadtbereich von Zittau sind Vorzeige-Projekte.

Keine Alternative zur EU

Der Besuch des "Drei-Länder-Ecks" bei Zittau an der Neiße, bei dem sich die Grenzen Polens, Tschechiens und Deutschlands treffen, macht mir erneut klar, wie wichtig die Einigung Europas ist. Bei aller berechtigter Kritik an der Politik der EU bleibt eines aber unbestritten: Der Prozess dieser Einigung hat uns über 70 Jahre Frieden gebracht und ist für mich ohne jede sinnvolle Alternative.

Nach einem Ruhetag in Zittau fahre ich über die Berge nach Tschechien. Das Land Böhmen ist wunderschön. In Melnik erreiche ich die Einmündung der Moldau, folge ihr über Prag, Budweis und den Welt-Kulturerbe-Ort Krumau in den Süden Böhmens, ehe ich die südöstlichen Höhen des Böhmerwalds übersteige.

In der österreichischen Donaumetropole Linz endet meine Tour. Das Fazit nach rund 1500 Kilometer und knapp drei Wochen: Mir bleiben viele unbeantwortete Fragen und ich weiß nicht recht, ob das sprichwörtliche Glas in Bezug auf eine gelungene Wiedervereinigung nun halb voll oder doch eher halb leer ist. Es ist sicher eine Frage der persönlichen Einstellung.

Der Osten Deutschlands scheint für viele Westdeutsche auch knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch eine Art weißer Fleck auf der Landkarte – nicht nur geografisch, sondern auch mental. Altstadtrat Richard Schuster, das sagt er über sich selbst, bildet hier keine Ausnahme. Um daran etwas zu ändern, macht sich der St. Georgener im Sommer auf eine Reise durch den Osten der Bundesrepublik. Wie "ticken" die Ostdeutschen? Welche Vorurteile werden bestätigt – welche revidiert? Seine Tour führt ihn nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes weiter als gedacht – durch Tschechien bis nach Österreich – sie bringt ihn auch mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ein Erfahrungsbericht.

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