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St. Georgen Tag für Tag verkaufen sie ihre Körper

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Foto: © Leonid – stock.adobe.com Foto: Schwarzwälder Bote

St. Georgen - Julia Obergfell arbeitet bei einer gemeinnützigen Organisation, die Menschen in der Prostitution hilft. Die Psychologin gibt einen Einblick in eine Welt fernab vom Schwarzwaldidyll. Dabei spielt sich manches davon auch direkt vor unserer Haustüre ab.

Wenn ein Mann vor Nadia steht, hebt sie zuerst die Hand. Kurz und knapp steht dort, was sie bieten kann. Ein paar gekritzelte Worte. Mehr braucht es nicht. Mehr ginge auch nicht. Nadia spricht kein Deutsch, sie stammt aus Rumänien. Die Hoffnung auf ein glücklicheres Leben brachte die 20-Jährige von Ost- nach Westeuropa. Zurück kann sie nicht. Ihr Ausweis ist weg, die Schulden hoch. Um sie zu begleichen, verkauft sie ihren Körper an Fremde. Tag für Tag.

"Irgendwie bin ich da reingerutscht." Was für viele Menschen unglaublich klingt, ist in den meisten Fällen die einfache und traurige Wahrheit. Falsche Versprechungen, Geldsorgen, Gewalt, Drogen. Zwischen 150 000 und 700 000 Menschen sind in Deutschland in der Prostitution tätig.

Menschen wie Nadia will Julia Obergfell helfen. Die St. Georgenerin hat vergangenes Jahr ihren sicheren Job als Arbeits- und Organisationspsychologin im Bildungsbereich gekündigt, um sich Vollzeit in einer gemeinnützigen Organisation um Menschen in der Prostitution zu kümmern. Als Mitglied von "Herzwerk" versucht sie den Frauen und Männern, die ihre Dienste auf der Straße, in Laufhäusern, Bordellen und FKK-Clubs anbieten, zu helfen.

Dabei bedeutet diese Hilfe nicht zwangsläufig, dass man die Prostituierten aus den Etablissements holt. Vielmehr gehe es darum, Betroffenen Angebote wie etwa kostenlose Arztbesuche zu schaffen oder einfach einmal zuzuhören. Die Frauen von "Herzwerk" besuchen die Prostituierten vor Ort, bieten ein offenes Ohr. "Dann haben wir Hygieneartikel mit dabei, Kondome, Kaffee und Snacks", erzählt Obergfell. "Die meisten freuen sich, wenn wir kommen." Für die Frauen und Männer ist es ein Stück Normalität, wiederkehrende freundliche Gesichter in einer sonst trostlosen Welt.

Die Mär, dass Menschen sich freiwillig prostituieren, kennt Obergfell zur Genüge: "Mir scheint, in Deutschland ist die verbreitete Meinung, dass Prostitution ein Job wie jeder andere ist." Man führe dann beispielsweise die deutschstämmige Domina an, die sich bewusst für diesen Beruf entschieden habe. Die fremde Frau, die von Osteuropa, Asien oder Afrika nach Deutschland gelockt oder gar verschleppt wurde – sie wird dabei nicht bedacht.

Dabei hört Obergfell in Gesprächen mit genau diesen Betroffenen immer wieder eines: Gäbe es eine Alternative, würden sie diese wählen. Einen klaren Schlussstrich zu ziehen, von heute auf morgen aufzuhören, das ist eine Traumvorstellung, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. "Hinter jeder Frau steckt eine andere Geschichte, ein anderes Schicksal. Die Situationen sind oft komplex", erklärt die St. Georgenerin.

Neben den finanziellen oder auch seelischen Abhängigkeiten kann es rechtliche Herausforderungen geben. "Manche Frauen kennen ihre Rechte gar nicht, anderen droht die Abschiebung in genau das Land, aus dem sie zur Ausbeutung nach Deutschland geschleust wurden", so Obergfell. Im gesamten deutschsprachigen Raum, also auch in der Schweiz und Österreich, ist Prostitution an sich legal. Hierzulande geht es daher nicht um die Frage, ob sich eine Frau oder ein Mann prostituieren darf, sondern wo.

In Baden-Württemberg regelt seit 1976 eine Verordnung der Landesregierung, dass Prostitution in Städten ab 35 000 Einwohnern erlaubt ist. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis bedeutet das, dass es nur in Villingen-Schwenningen ein Rotlicht-Milieu gibt – offiziell. Denn eine Nachfrage im Polizeipräsidium Tuttlingen zeigt: Auch in St. Georgen gibt es Fälle von illegaler Prostitution.

Es ist ein Umstand, der Obergfell nicht überrascht. In Zeiten des Internets sei das Angebot auch in Städten, die nicht die 35 000-Einwohner-Marke knacken, groß. In Foren, so ihre Erzählungen, tauschen sich zum Teil Freier aus, wo es in der Umgebung die besten Prostituierten gebe. "Man denkt oft: Mittlerweile habe ich alles gesehen. Dann stehe ich wieder da und denke: Das passiert gerade nicht wirklich."

Während sie das sagt, sitzt sie auf der Terrasse ihres Elternhauses, das Stadtbild im Hintergrund. Die Idylle bildet einen starken Kontrast zu dem, was sie erzählt. Ihre Einblicke in das Rotlichtmilieu erinnern an anrüchige Sonntags-Tatorte – und sind doch die bittere Wahrheit.

Da ist die Rede von Männern, die von Tür zu Tür gehen und sich ihre Sexpartnerin wie auf einem Fleischmarkt aussuchen. Es geht um Frauen, die von einem Tag auf den anderen verschwinden, weil sie schlichtweg austauschbar sind. Zwar gibt es auch positive Beispiele, doch Obergfell räumt ein: "Die, die es rausschaffen, sind Einzelfälle." Was zählt, in gewisser Weise sowohl für Sozialarbeiter wie Obergfell als auch für die Menschen in der Prostitution, sei ein langer Atem und Kampfgeist. "Erfolg wird in unserer Branche anders definiert." Und über all dem schwebt die traurige Wahrheit, dass sich die meisten ihrem Schicksal ergeben. Denn: Nachschub aus armen Ländern ist garantiert.

Weitere Informationen: Unter www.findingjewels.net gibt Julia Obergfell einen Einblick in ihre Arbeit.

Herzwerk ist ein Verein, der 2007 gegründet wurde und sich zum Ziel gemacht hat, Menschen in der Prostitution zu beraten und betreuen. Dachverband ist die Diakonie Österreich. Das Kernteam besteht aus rund zehn Frauen, darüber hinaus engagieren sich Ehrenamtliche. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Zwangsprostitution und Menschenhandel. Herzwerk ist eine sogenannte Non-Profit-Organization, sie finanziert sich also ausschließlich über Spenden.

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