René Sydow tritt im Theater im Deutschen Haus auf. Foto: Hübner Foto: Schwarzwälder Bote

Humor: René Sydow kritisiert unter anderem das Fernsehprogramm und die ungleiche Vermögensverteilung

René Sydow trat am Wochenende im Theater im Deutschen Haus auf. Sein Programm "Die Bürde des weisen Mannes" war ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Bildung anstatt nur Wissen.

 

St. Georgen. Mit schwarzem Humor ging René Sydow im Theater im Deutschen Haus hart mit dem Internet oder dem Niveau von TV-Programmen ins Gericht.

Die Wirtschaft blühe, aber Privilegien würden konsequent gestrichen, jedoch nur bei Unterprivilegierten. Wenn ein Arbeitsloser Lebensmittelkarten fälsche, bekomme er zwei Jahre auf Bewährung, wenn man 28 Millionen an der Steuer vorbei schaffe, komme man nach 21 Monaten vorzeitig aus dem Gefängnis und könne weiter Präsident des FC Bayern München sein.

Die Welt werde immer brutaler. In Duisburg gebe es Gegenden, in denen aus Angst selbst Mörder nachts nur noch zu zweit raus gingen. China zeige uns, wie moderne Sklaverei funktioniere. Dort könne man neue Trendfarben anhand der Farbe der Flüsse erkennen. Und in Katar dürften bis zum Beginn der WM 2020 etwa 4000 Gastarbeiter gestorben sein. Irgendjemand müsse die Arbeit ja machen, wenn wir Fußball schauen wollen, so seine düstere Bilanz.

Aus der EU habe die Politik ein Kaufhaus gemacht, nur Eliten würden reicher. Imperialismus heiße Welthandel, Kriege seien Friedenseinsätze. Inzwischen besäßen die 85 reichsten Menschen genau so viel wie die übrige Menschheit.

Religion sei eine Vertröstungsmaschinerie mit zweifelhaftem Unterhaltungsprogramm. Sydow fragte sich, was man mit 270 Milliarden Euro, dem geschätzten Vermögen der Kirche, Gutes tun könnte.

Grässlich fand Sydow, dass Fernsehsender Menschen dort abholen wollten, wo sie seien. Jede kulturelle Errungenschaft sei mit einer Überforderung verbunden gewesen. Wenn RTL das Gesendete Programm nennt, könne man auch behaupten, die Aufgabe eines Steinmetzen sei es, Kiesel zu produzieren. Und im 18. Jahrhundert seien die Ohren von Klatschjournalisten an Abwasserrohre genagelt worden. Die von der CDU propagierte Vollbeschäftigung sei Illusion, verursacht durch das Kiffen abbrennender Ludwig-Erhard-Biografien.

"Ausbeutung und Internet – beide liegen im Ehebett", so Sydow. Sechs Milliarden Menschen hätten Zugang zum Internet, 4,5 Milliarden zu Toiletten. Man müsse eben Prioritäten setzen. Online-Dating sei das frühere Schrottwichteln, Selfies Ausdruck eigener Unsicherheit. "Wir haben die ganze Welt fotografiert aber sie nie begriffen."

Zur Tyrannei brauche der Mensch Systeme. Shopping-Malls seien das Gotteshaus, Amazon der Katechismus. Mit Selbstbestimmung sei es in Religionen nicht weit her, schon gar nicht in der Konsumreligion.

Die Wirtschaft brauche Kranke, Schwache und Ungebildete. Alle Kinder hätten ADS, die der Besserverdienenden ADHS. Wissen werde mit Bildung verwechselt. "Wenn sie Wissen ansammeln, können sie die Steuererklärung ausfüllen. Mit Bildung können sie dabei bescheißen", sagte Sydow.

Frontalunterricht sei das Feindbild der Bildungspolitik, Lehrer an allem Schuld. Kinder würden funktionierende Mausklicker. Wenn man Kultur in höherer Prozentzahl brauche, müsse man heute einen Fruchtzwerg kaufen. Bildung entstehe aber erst bei der Kombination verschiedener Disziplinen, ansonsten handle es sich um Fachidioten.

Vielleicht sei die "Bürde des weisen Mannes", einen neuen Blickwinkel zu finden. Sein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Wissen anstatt Bildung brachte Sydow am Schluss viel Applaus ein.