Stefan Siedentop (links) im Gespräch mit Stadtbaumeister Reinhard Wacker. Foto: Vaas Foto: Schwarzwälder-Bote

Stefan Siedentop spricht im Gemeinderat über demografischen Wandel / Ursachen liegen Jahrzehnte zurück

Von Dieter Vaas

St. Georgen. Die Einwohnerzahl nimmt ab. Gleichzeitig werden die Bewohner immer älter. Junge Leute zieht es in größere Städte. Gegensteuern ist kaum möglich, zeigt eine landesweite Untersuchung. Sie stammt von Stefan Siedentop. Er verdeutlichte dem Gemeinderat: "Wie ist die Lage – Wo geht es hin?".

Der Professor an der Universität Stuttgart erforschte im Auftrag der alten Landesregierung die demografische Entwicklung. Bis 2005 stand demnach der ländliche Raum noch relativ gut da. Die Lage hat sich jedoch komplett geändert. Seither schrumpfen die ländlichen Kommunen fast flächendeckend. "Die jungen Menschen laufen davon", so Siedentop.

Die Ursachen liegen nicht in der Wirtschaftsentwicklung, versicherte der Professor. Baden-Württemberg habe nicht geschwächelt. Der ländliche Raum habe sich sogar besser entwickelt als die Ballungsregionen. Die Arbeitslosenquote liege seit 1999 im Schnitt fast beständig bei fünf Prozent. Im Vergleich zu 1998 sei die Arbeitslosigkeit um 60 Prozent zurück gegangen. Bei der Jugendarbeitslosigkeit stehe das Land "so gut wie noch nie" da.

Stuttgart hat hörere Geburtenrate

Seit 2000/01 wächst der Verdichtungsraum weiter. Gleichzeitig wird der ländliche Raum aber immer schwächer. Dies liegt unter anderem an der natürlichen Bevölkerungsentwicklung. In Stuttgart ist die Geburtenrate höher als im ländlichen Raum. Außerdem gibt es seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine "Nettoabwanderung". Seit der Jahrtausendwende ist eine Stagnation beim Zuzug zu beobachten. Der ländliche Raum verliert mittlerweile jedes Jahr rund 6000 Einwohner. "Eine Kleinstadt ist weg", verdeutlichte Siedentop.

Immer negativer wird die Entwicklung bei den 18- bis 25-Jährigen. Sie ziehen zur Ausbildung oder zum Studium weg. Auf der anderen Seite gibt es kaum noch junge Menschen aus dem Osten Deutschlands, um die Lücken zu füllen. 1996 war die Lage noch recht komfortabel. Heute ist sie bereits schlimm. Und der Trend wird sich noch verstärken. Ein weiterer Rückgang der Bevölkerung um fünf bis zehn Prozent ist bis zum Jahr 2030 "normal". Er kann aber in kleineren Gemeinden bei bis zu 30 Prozent liegen, befürchtet Siedentop.

Die Bergstadt steht wirtschaftlich gut da, weist eine stabile Entwicklung auf. Dennoch schrumpft die Bevölkerungszahl. Der demografische Wandel ist aber nicht abwendbar, hat die Untersuchung ergeben. Die Ursachen liegen Jahrzehnte zurück. Deshalb können die Kommunen nur versuchen, die Folgen zu gestalten und zu beherrschen. Sie sollten nicht auf eine Gegenentwicklung setzen, empfahl Siedentop.

Statt dessen hatte er eine ganze Reihe von Vorschlägen: Wichtiger ist die aktive Anpassung, um die Gemeinden lebenswert zu erhalten. Dafür ist vorausschauende Kommunalpolitik erforderlich. Die Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials ist ein Punkt. Dazu zählt Siedentop die Frauen, ältere Menschen und Migranten. Ein wichtiger Beitrag ist die Kleinkindbetreuung sowie die Aus- und Weiterbildung. Eine bestandsorientierte Siedlungspolitik schafft keine großen Baugebiete auf "Vorrat" mehr. Alte Wohngebiete müssen attraktiver werden. Diese haben Priorität vor einer Neubausiedlung auf der "grünen Wiese". Bestehende Bebaungspläne sollten den heutigen Bedürfnissen junger Familien angepasst werden. Der Rückbau nicht gängiger Gebäude wird notwendig. Neue Formen des Wohnens- und Zusammenlebens sind ein Weg. Die Innenstadt muss attraktiver werden. Dies kann zu Lasten der kleinen Ortsteile geschehen, auch wenn es politisch schwer durchzusetzen ist. Die Infratruktur muss trotz geringerer Mittel verbessert werden. Schnelles Internet ist erforderlich. Bei allen Ausweitungen muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung erfolgen. Überkommunale Kooperationen sind erforderlich.

Die Kommunen können sich langfristig auf den Wandel einstellen. Sie müssen aber schon frühzeigtig reagieren. Es geht viel, wenn die Bürger mitziehen, lautete das Resümee des Wissenschaftlers.

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