Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

St. Georgen "Ich habe richtig Angst"

Von
Thomas Leser, seit 19 Jahren der hiesige Forstrevierleiter, sorgt sich um den Wald. Foto: Stiegler

Der Zustand des Waldes ist besorgniserregend, die Bäume geschwächt, sagt der Forstrevierleiter Thomas Leser. Die klimatischen Verhältnisse sind im Wandel, daher wird sich einiges grundlegend ändern müssen. Wachsen bald Pinien und Akazien im Stadtwald?

St. Georgen. Thomas Leser beugt sich hinunter und fischt einen Plastikbecher aus dem knöchelhohen Gras. "Wenn man eben so mit der Natur umgeht", beginnt er, ohne den Satz zu beenden. Leser ist seit 19 Jahren der St. Georgener Forstrevierleiter und zuständig für 2300 Hektar Kommunal- und Privatwald. Und zu sagen, dass er sich um den Zustand seines Reviers sorgt, wäre eine Untertreibung. "Ich habe richtig Angst um den Wald. Egal wo ich hin fahr’, krieg’ ich Bauchweh."

Leser steht am Rande der Lichtung im Röhlinwald, auf der sich der Grillplatz am Großbauernweg befindet. Beschaulich bricht sich die Sommersonne durch die Wipfel der Fichten. Doch nur einige Schritte tiefer im Unterholz wird das Ausmaß der Gefährdung selbst dem Laien offensichtlich. Leser zeigt auf eine Baumgruppe, deren grüner Nadelbewuchs stellenweise einem rostigen Braun gewichen ist. In der Borke sind unzählige kleine Löcher erkennbar, und am Fuß des Baumes bedeckt feinstes Bohrmehl den Erdboden: Die Fichten sind von Borkenkäfern befallen.

Bereits Ende Juli hatte die Pressestelle des Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis eine Mitteilung herausgegeben, die sich alarmierend las. "Wir befinden uns derzeit aufgrund von Trockenheit und Hitze in einer Extremsituation. Die Wälder sind durch die Massenvermehrung von Borkenkäfern stark gefährdet. Nur gemeinsames Handeln aller Waldbesitzer, des Forstamtes und der Säger kann größeren Schaden noch abwehren", so der dringende Appell des Forstamts.

"Die Warnzeichen hat man in den vergangenen 20, 30 Jahren verschlafen", glaubt Leser. Das Wasserproblem aufgrund des Niederschlagmangels, das sich für die Trockenheit verantwortlich zeige, zeichne sich schon länger ab. Die vergangenen vier Jahre seien außergewöhnlich trocken gewesen, spätestens in den vergangenen zwei Jahren sei die Situation eskaliert. Zudem wüteten ungewöhnlich viele Stürme über Europa. Ferner verschiebe sich die Nassschneezone immer weiter nach oben, was sich an der Zunahme von Schneebruch zeige, wenn die Äste und Stämme unter der Last des Nassschnees kollabieren und brechen. "Der Wald hat keine Zeit, sich zu erholen", resümiert der Revierförster.

Die strapazierten, geschwächten Bäume sind anfällig für die in den vergangenen Jahren ohnehin in hoher Population auftretenden Borkenkäfer. Sobald ein Käfer einen Baum gefunden hat, setzt er Pheromone frei, lockt immer mehr Käfer an, und es kommt zum Massenbefall. "Aus jedem Käfer werden innerhalb eines Jahres 4000." Der ohnehin geschwächte Baum kann nicht genug Abwehrmechanismen wie beispielsweise Harzfluss mobilisieren. Die Käfer bohren sich durch das Kambium, das für das Dickenwachstum zuständige Pflanzengewebe zwischen Borke und Holz. Die Nadeln verfärben sich und fallen aus, Bohrmehl rieselt, Harz tropft: Der Baum stirbt ab.

Der Hiebsatz im Stadtwald beträgt jährlich 4800 Festmeter: So viel Holz wird im Rahmen der regulären Forstwirtschaft zur Weiterverarbeitung entnommen. In diesem Jahr mussten bereits 2400 Festmeter befallene Bäume gefällt werden. "Die kommen raus. Wenn sie nicht schnell genug abtransportiert werden können, muss ich die Stämme spritzen, weil ich keine Kapazitäten habe, sie alle zu entrinden", erklärt Leser. Denn ein befallener Baum musst zunächst gefällt, dann jedoch sofort entrindet werden, damit die Käfer sich nicht weiter vermehren. Sollte das Entrinden nicht möglich sein, töten Spritzmittel den Schädling ab.

Da jedoch ganz Europa mit Forstschäden zu kämpfen hat, sind Forstarbeiter und Sägewerke komplett ausgelastet und werden von schlechtem Holz regelrecht überschwemmt. Die Stämme liegen im Wald rum, da sich keine Forstarbeiter finden lassen. Je länger die Stämme lagern, umso schlechter wird das Holz, beispielsweise aufgrund von Pilzbefalls. Dementsprechen sei der Holzpreis "total im Keller", so Leser.

Wie also den klimatischen Veränderungen entgegen wirken und einen gesunden Wald schaffen? Eine Veränderung über Nacht ist naturgemäß nicht möglich. "Wir sprechen hier von Produktionszeiträumen von 100 bis 200 Jahren." Der jetzige Zustand des Waldes sei auch das Produkt der Forstwirtschaft der Jahre um 1900, als mit Fichten aufgeforstet wurde, die die höchsten Erträge versprachen. So entstanden Monokulturen und sogenannte Hallenbestände, also Zonen, in denen alle Bäume gleich groß sind. Beides sei dem Waldinnenklima nicht zuträglich. Zonen mit verschieden alten Bäumen und unterschiedlichen Bäumen seien besser, da die Sonne "nicht so rein knallt und weniger Wasser verdunstet".

Man müsse die Bandbreite an Baumarten erweitern, unabhängig davon, ob sie hohe Erträge bringen oder nicht, glaubt Leser. "Man muss damit rechnen, dass wir hier im Jahr 2050 ein Klima wie in Barcelona haben." Daher müsse man sich heute ähnliche Bodenverhältnisse im Süden anschauen und gucken, was dort wächst. Niemand wisse, ob die Fichte in 100 Jahren noch absetzbar sei. Leser kann sich vorstellen, dass im Stadtwald bis dahin verstärkt Pinien, Eichen oder Akazien wachsen.

"Teile der Natur können viel schneller auf die Klimaveränderungen reagieren, wie Gräser und Kräuter. Bäume haben diese Möglichkeit nicht."

"Wir müssen besser mit unserer Umwelt umgehen", appelliert Thomas Leser, mit Blick auf den achtlos weggeworfenen Plastikbecher. Und vielleicht wäre es ganz gut, wenn man nicht zehn Mal im Jahr in den Urlaub fliege. Er hofft auf die Jugend. "Allein, mir fehlt der Glaube, dass sich gesellschaftlich viel ändern wird. Wenn es noch zwei oder drei Jahre so weiter geht, dann befürchte ich, dass ein großer Prozentsatz unserer Wälder kaputt ist. Richtig kaputt."

Die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Brisanz der globalen, klimatischen Veränderungen nimmt immer weiter zu. Dies zeigt sich auch verstärkt in kommunalen Aktionen, wie den "Fridays for Future"-Demos oder der "Zukunftswoche". In den nächsten Wochen gehen wir in unserer dreiteiligen Serie "Von Bäumen, Bienen und Bauern" der Frage nach, ob und inwieweit sich die Auswirkungen des Klimawandels auch in der Region bemerkbar machen.

Fotostrecke
Artikel bewerten
9
loading

Ihre Redaktion vor Ort St. Georgen

Nadine Klossek

Fax: 07724 94818-15

Flirts & Singles

 
 

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.