Patientinnen wie Schwangere müssen künftig weite Wege in Kauf nehmen. Wie geht es nun weiter in St. Georgen?
(Schwabo plus)-Artikel
St. Georgen - Andrea Schneider gibt ihren Arztsitz in St. Georgen auf. Mit einer kurzen Mitteilung auf ihrer Internetseite informiert sie ihre Patientinnen. Ob für Schneider ein Nachfolger gefunden wird, steht derzeit noch in den Sternen. Wir haben uns erkundigt, wie es nun weiter geht.
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Auf dem Papier steht der Bergstadt kein Arztsitz zu
Von einem Glücksgriff spricht Michael Rieger als im Sommer 2013 mit Sarah Green und ihrer Mitarbeiterin Andrea Schneider eine Nachfolge für den damals praktizierenden Frauenarzt Gerhard Fahrmeir gefunden wurde.
Denn vor sechs Jahren häufen sich die Beschwerden. Fahrmeir hatte seine Praxis im Dezember des Vorjahres bereits geschlossen. Und auch die zweite Fachärztin in der Stadt, Bettina Schembra, gab ihren Sitz in diesem Zeitraum auf. Die nagende Frage: Wohin für Vorsorgeuntersuchungen und bei Problemen weiblicher Natur?
Andere Jahreszahl, gleiche Frage: Ende 2019 steht die Bergstadt erneut ohne Gynäkologe da. Schneider, die nach knapp zwei Jahren die Praxis alleine übernahm, zieht nun um. Wer sich bei ihr behandeln lassen möchte, muss künftig bis nach Hausach fahren. Kurz und bündig informiert die Frauenärztin ihre Patientinnen auf ihrer Internetseite.
Nachfolgeregelung gestalte sich alles andere als leicht
Während Schneider auf Anfragen des Schwarzwälder Boten nicht reagiert, äußert sich Ärztesprecher Johannes Probst zu der schwierigen Situation, die nun auf St. Georgen zukommt. "Natürlich bedauern wir, dass sie weggeht, wir - Frau Schneider, der Bürgermeister und ich - sind in intensiven Gesprächen, um eine Nachfolgeregelung zu initiieren." Doch die gestalte sich alles andere als leicht, wie Probst weiter erklärt.
Die Gynäkologin habe sich demnach nur aufgrund eines Sonderbedarfs in der Bergstadt niederlassen können. "Auf Kreisebene war der Bedarf bedeckt, aber St. Georgen ist eine Sondersituation, da wir hier erst zwei Frauenärzte hatten, und je einen in Furtwangen und Triberg." Innerhalb kürzester Zeit sei damals das Angebot von vier Praxen auf null zurückgegangen - der Sonderbedarf wurde so gerechtfertigt. "Dieser Sonderbedarf besteht nach wie vor", betont Probst. "Die weibliche Bevölkerung braucht einen Gynäkologen, unbedingt."
Es ist eine Meinung, die auch Bürgermeister Michael Rieger teilt. "Wir sehen den Sonderbedarf zu 100 Prozent als gegeben an", unterstreicht der Bürgermeister am Montag im Gespräch mit unserer Zeitung. Die ärztliche Versorgung zu sichern, sei mehr und mehr eine kommunale Aufgabe geworden.
"Letztendlich bleibt es an den Bürgermeistern hängen und man hat oft nur ein paar Monate Zeit, um eine Lösung zu finden. Das ist nicht befriedigend." Im Falle der Praxisaufgabe von Schneider sei man zwar frühzeitig informiert worden - doch das sei nicht immer der Fall. "Beim Kinderarzt hat man uns regelrecht des Handelns beraubt", erinnert Rieger zurück.
"Ich hoffe, dass es noch Menschen gibt, die bereit sind, im ländlichen Raum zu praktizieren."
Ob er zuversichtlich gestimmt ist, dass man einen Nachfolger findet? "Grundsätzlich ja", sagt das Stadtoberhaupt. "Ich hoffe, dass es noch Menschen gibt, die bereit sind, im ländlichen Raum zu praktizieren."
Man lebe hier in einer "sehr attraktiven Region" und die Menschen hätten es verdient, dass die medizinische Versorgung sichergestellt sei. "Wir werden alles versuchen im neuen Jahr, aber ich will mich da mit der kassenärztlichen Vereinigung abstimmen, wie wir es machen." Man werde nichts vonseiten der Stadt unversucht lassen, doch schlussendlich spiegle die Situation ein grundsätzliches Problem wider, so der Bürgermeister.
Die Überversorgung, die es auf dem Papier gäbe, finde eigentlich nur im Oberzentrum statt und nicht im ländlichen Raum. "Es kann nicht zielführend sein, den Frauen zuzumuten, im Winter in St. Georgen oder in Triberg ins Auto zu sitzen und bis ins Oberzentrum zu fahren", meint er. "Ich sehe da auch die Politik gefordert."
Wenn Andrea Schneider ihren Arztsitz aufgibt, bleiben laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg sechs Monate Zeit, um einen Nachfolger zu finden. Dieser könnte den Sonderbedarf in einem vereinfachten Verfahren erhalten, da der grundsätzliche Bedarf bereits geprüft wurde. Sollte erst später ein Nachfolger gefunden werden, wird eine umfangreichere Prüfung fällig und die Nachbesetzung damit erschwert.