Auch Frauen ejakulieren beim Sex? Aber ja doch! Bis zu 69 Prozent aller Frauen spritzen beim Kommen. Die Autorin Stephanie Haerdle hat dazu geforscht und erklärt, wie wütend es sie macht, dass viel Wissen über weibliche Sexualität fehle.
Für die einen ist sie ein Mythos, für die anderen sexueller Alltag: Weibliche Ejakulation gilt heute als Tabu, im Mittelalter und in der Antike wurde sie gefeiert, erzählt Stephanie Haerdle.
Frau Haerdle, kann jede Frau spritzen?
Nein, nicht jede Frau spritzt beim Sex. Aber es gibt eine österreichische Metastudie, der zufolge 10 bis 69 Prozent der befragten Frauen beim Orgasmus schon eine Ejakulation erlebt haben.
Kann man das lernen?
Es gibt keinen Knopf, den man drücken kann, und dann schießen die Fontänen. Es gibt Frauen, die bei vaginaler Stimulation spritzen, andere bei klitoraler oder analer. Eine Technik, die viele Frauen als hilfreich beschreiben, ist die Stimulation der oberen Vaginalwand, Richtung Bauchdecke, der G-Fläche. In der Wand zwischen Vagina und Harnröhre liegt bei vielen Frauen die Prostata, in der das Ejakulat gebildet wird.
Dass auch Frauen eine Prostata haben, dürfte vielen neu sein. . .
Ja, so ist es. Das Prostatagewebe kann durch die Vaginalwand mit einer leichten Komm-her-Bewegung mit den Fingern stimuliert werden. Es gibt übrigens auch Workshops zum Lernen der Ejakulation.
Wie sinnvoll sind denn solche Kurse?
Ich habe mal mit einer Frau gesprochen, die an einem teilgenommen hat und dabei auch ejakulierte. Was sie aber wirklich begeistert hat – lustigerweise sogar mehr als das Spritzen selbst – war, dass sie sich so intensiv mit ihrer Vulva und ihrer Vagina beschäftigen konnte, zu bemerken, wie unterschiedlich sich alles anfühlt, das hat sie als echtes Empowerment erlebt. Mir ist es wichtig zu sagen, dass nicht jede Frau, nicht jeder Mensch mit Vulva spritzen können muss. Aber es ist gut zu wissen, dass die Ejakulation Menschen aller Geschlechter betrifft.
Was genau passiert im weiblichen Körper beim Spritzen?
Forschungen ab den 2010er-Jahren zeigen, dass beim Sex zwei verschiedene Flüssigkeiten aus der Vagina oder der Harnröhre austreten können. Die eine ist das weibliche Ejakulat, ein dickflüssiges, weißliches Sekret, das auch das prostataspezifische Antigen (PSA) enthält. Das Ejakulat kommt aus der weiblichen Prostata. Die zweite Flüssigkeit ist die so genannte Squirting-Flüssigkeit, die vermutlich aus der Blase stammt, durchsichtiger und dünner ist. Sie enthält in kleinen Mengen Harnstoff, Harnsäure und Kreatinin, unterscheidet sich aber auch von Urin. Wie das Squirting genau funktioniert, ist noch völlig offen und wenig erforscht.
Muss man sich das als wirkliches Herausspritzen vorstellen?
Die Bandbreite ist groß. Bei der Ejakulation geht es um einige Milliliter, da sind dann vielleicht auch weniger explosive Verben angebracht, das fließt eher oder tropft. Beim Squirten geht es häufig um größere Mengen an Flüssigkeit, die auch mit Druck aus der Harnröhre oder der Vulva spritzen. Frauen erzählen, dass sie Handtücher ins Bett legen, weil sie keine Lust haben, nach dem Kommen im Nassen zu liegen. Übrigens, auch spannend: Ende der 1990er Jahre hat ein spanischer Sexualwissenschaftler den Urin von Frauen nach dem Orgasmus untersucht. Er hat bei 75 Prozent der Frauen das Enzym PSA gefunden. Er hat deshalb die These aufgestellt, dass viele Frauen ejakulieren, ohne es zu bemerken, weil das Ejakulat rückwärts in die Blase läuft.
Wie kommt es, dass so wenige Leute heute überhaupt etwas darüber wissen?
Das war nicht immer so. Schon in vorchristlichen chinesischen Liebeshandbüchern gibt es präzise Beschreibungen der Ejakulation.
Hat Sie das überrascht?
Mich hat überrascht, dass diese Flüssigkeiten so lange so selbstverständlich waren. Die Säfte wurden jahrtausendelang als Zeugungsbeitrag der Frau verstanden, eine Art weiblicher Samen. Der Mann sollte beim Sex kommen und die Frau sollte es auch. Die Ejakulation war erwünscht, wurde gefeiert, ihre Textur und Farbe, ihr Geruch präzise beschrieben. Mich hat überrascht, dass die Geschichte der Ejakulation so lang ist. Der älteste Text, den ich gefunden habe, ist 2200 Jahre alt. Die Geschichte der Verdrängung ist hingegen nur kurz. Das passierte erst am Anfang des 20. Jahrhunderts. Schockiert hat mich auch, dass Ejakulation und Squirting heute noch so schlecht erforscht sind. Das betrifft allerdings leider auch andere wesentliche Aspekte von weiblicher Anatomie, Sexualität oder Gesundheit.
Welche historischen Belege zur Ejakulation der Frau haben Sie gefunden?
Das sind erotische Texte, medizinische Texte, religiöse, literarische oder pornografische. Zum Beispiel in altchinesischen Texten, in alten indischen Liebeshandbüchern, in der griechischen und römischen Antike, in arabischen oder mittelalterlichen Texten aus Europa habe ich Belege gefunden. Es war ein großes Vergnügen, in diese Quellen einzutauchen und diese detaillierten, oft zärtlichen Beschreibungen zu lesen.
Geben Sie mal ein Beispiel.
Die altchinesischen Texte, die die genitalen Säfte der Frau als Jadewasser oder Pfirsichsaft feiern, haben mich besonders begeistert. Auch weil sie von einem ganz anderen Verständnis von Sex erzählen. Sex war langsam, es ging um Genuss. Streicheln, berühren, auf kleinste Zeichen von Erregung warten. Männer tranken die Säfte ihrer Partnerin, um ihre Energie aufzunehmen. Später schrieb der persische Arzt Avicenna, dass der weibliche Samen nach Palmenblüten und Holunder duftet. Die Frauenheilkunde des Mittelalters war voller Empfehlungen, wie festsitzender weiblicher Samen gelöst werden könne. Unterleibsumschläge, Ölmassagen, Geschlechtsverkehr – wichtig war, den Samen wieder ins Fließen zu bringen.
Und was ist dann passiert, warum wurde das Spritzen plötzlich tabuisiert?
Ende des 19. Jahrhunderts haben Mediziner langsam den weiblichen Zyklus verstanden. Damit war dann auch klar, dass Frauen schwanger werden konnten, ohne einen Orgasmus zu haben. Weibliche Lust und Fortpflanzung gehörten jetzt nicht mehr zusammen. Die tugendhafte bürgerliche Frau, die ideale Frau des 19. Jahrhunderts, hatte keinen Geschlechtstrieb. Die Geschlechterrollen wurden enger und gegensätzlicher definiert. Der Mann wurde zum aktiven, gestaltenden, expressiven Part, die Frau zur häuslichen, empfangenden, passiven Ergänzung, zum schwachen Geschlecht – auch beim Sex. Das lustvolle Spritzen passte nicht mehr. Es wurde bis in die 1960er Jahre pathologisiert. Eine Frau, die beim Sex nass wurde, war krank, inkontinent oder zu lustvoll.
Von Squirting Queens bis Tantra – jetzt erfährt das Thema weibliche Ejakulation ja wieder mehr Beachtung.
Schon in den 1980er Jahren befasste sich die Frauen- und Lesbenbewegung damit, etwa feministische Künstlerinnen wie Annie Sprinkle, Deborah Sundahl oder Shannon Bell. Dann kam der große Erfolg von Squirting-Darstellungen im Mainstream-Porno in den 2000ern. In den vergangenen Jahren ist die Neugier, sich wieder mit dem Körper zu beschäftigen, Sex anders zu denken, gewachsen. Es gibt viele neue Bücher, Podcasts, Instagram-Aktivismus. Die legendären Vulva-Watching-Kurse der feministischen Frauengesundheitsbewegung aus den 1970er Jahren erfahren eine Renaissance.
Was schließen sie daraus?
Die Wut nimmt zu, dass immer noch so viel Wissen fehlt oder dass es so lange dauert, Wissen zu verbreiten. Es gibt jetzt erst einige wenige Schulbücher, in denen die Klitoris anatomisch korrekt dargestellt wird, das ist doch verrückt. Dabei ist das Wissen über den eigenen Körper fundamental. Frauen wollen ihren Körper verstehen.
Wie sind Sie selbst auf das Thema aufmerksam geworden?
Das war Ende der 1990er Jahre, als ich in einem kleinen Berliner Kino „How to Female Ejaculate“ gesehen habe, eine Art feministischen Aufklärungsfilm. Vier Frauen saßen im Halbkreis, erzählten über ihre Ejakulationserfahrungen, masturbierten gemeinsam und spritzten über die ganze Leinwand. Der Film hat mich umgehauen. Das waren so kraftvolle Bilder, das stellte alles, was ich über Sex und Geschlechterrollen gelernt hatte und wusste, komplett auf den Kopf. Ich war wütend, dass ich so wenig darüber wusste – und begann zu recherchieren.
Zur Person
Werdegang
Stephanie Haerdle ist Buchautorin und Geisteswissenschaftlerin, sie studierte Neuere deutsche Literatur, Kulturwissenschaft und Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität. 2007 veröffentlichte Haerdle „Keine Angst haben, das ist unser Beruf! Kunstreiterinnen, Dompteusen und andere Zirkusartistinnen“ (Aviva Verlag). 2020 erschien ihr Buch über weibliche Ejakulation. Stephanie Haerdle lebt in Berlin.
Buch
Stephanie Haerdle: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation. Edition Nautilus, 288 Seiten, 20 Euro.