Der gefundene Zylinder wurde mutmaßlich im früheren Kaufhaus August Santo in der Ettenheimer Rohanstraße 2 erworben. Foto: Schade

Unser Autor Klaus Schade machte mit seinem Vetter einen Fund: Ein alter Zylinder, der vor langer Zeit von „H. Santos“ aus Ettenheim gefertigt wurde. Eine Spurensuche beginnt.

Wer kennt das nicht? Man schiebt Dinge vor sich her, die man sich längst schon einmal vorgenommen hatte. Beispielsweise den Keller ausräumen, in dem es oftmals Hochinteressantes zu entdecken gibt. Teils sogar über Generationen hinweg Vererbtes. So ergangen meinem Vetter Matthias. Was schon seine inzwischen verstorbene Mutter als Erbe im Keller eingelagert hatte, nahm ihm letztlich bloß den Platz im Regal weg.

 

Also: Ran an das so lange Unberührte. Er zieht seinen Cousin zu Rate – und die beiden entdecken vieles an historischen und familiären Schätzen, bei denen sie es schier nicht übers Herz bringen, es der grauen oder grünen Tonne zu übergeben. Erst recht, wenn man eine Heimat-Dichterin als Großmutter hatte.

Ein Erbstück aber fesselt die beiden schließlich dann doch so sehr, dass sofort klar ist: Das bleibt in der Familie. Es ist ein bestens erhaltener Zylinder, der einst wahrscheinlich dem Großvater gehörte. Oder schon dem Urgroßvater? Matthias erinnert sich: „Den hat meine Mutter ganz oft an Fasent getragen.“

Karton gibt Hinweise

Seiner Herkunft will man jedenfalls auf den Grund gehen, zumal er sich in einem passgenauen Karton befindet, der auf das „Filz-, Stroh- und Seidenhutlager H. Santo, Ettenheim“ hinweist. Ja, Santo in Ettenheim, das könnte besonders alteingesessenen Bürgern noch ein Begriff sein. Und zwar als renommiertes Bekleidungsgeschäft in der Rohanstraße 2, direkt beim Nepomuk-Brunnen. Von Generation zu Generation wurde das Unternehmen innerhalb der Familie weitergegeben, zuletzt von Doris Broßmer, geborene Santo, geleitet.

Glück für den Zylinderhut-Erben und dessen in Ettenheim verwurzelten Vetter, dass man sofort weiß, wo man mit der Spurensuche einsteigen kann: Thomas Broßamer, der Sohn der ehemaligen Leiterin und Enkel von Alfred Santo. Letzteren werden ältere Ettenheimer sicherlich noch vor Augen haben. Und in der Tat: Thomas Broßmers Familienforschung führt auf die Spur der Santo-Brüder, die schon um 1900 ein Geschäft – damals schon in der Rohanstraße 2 – führten. „Einer davon war August Santo, mein Urgroßvater“, so Broßmer. „Wahrscheinlich war die Generation vorher schon geschäftlich in Ettenheim tätig.“

Die Forschung zeigt, dass zwei Brüder von August Santo vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Südafrika auswanderten. Einen Volltreffer landet Thomas Broßmer bei den Recherchen beim Standesamt in Heidenheim an der Brenz.

Ein Hinweis aus Heidenheim führt zur Rätsellösung

Von dort bekommt er bestätigt, dass Heinrich Santo, Hutmacher von Beruf, 1874 in Ettenheim geboren wurde und 1947 in Heidenheim starb. Das „H“ auf der Zylinder-Schachtel hat sich damit endgültig geklärt.

Ziemlich sicher darf man indes auch davon ausgehen, dass jener Vetter, der den altehrwürdigen Ettenheimer Santo-Zylinder in seinem Erbe gefunden hat und gewiss weiterhin in Ehren halten wird, diesen nicht tragen wird. Der Grund: Der Zylinder ist zu eng und passt nicht. Der einstige Besitzer muss also ganz offensichtlich einen deutlich kleineren Kopf gehabt haben.

Die Bedeutung des Huts

Das noble Fundstück hat nicht nur das Interesse für dessen Herkunft geweckt, sondern auch die Neugier über die Geschichte des Zylinderhuts im Allgemeinen, den es im Laufe der Zeit auch als Klappzylinder (Chapeau Claque) gab. Um 1780 soll der Zylinder in England als Kopfbedeckung „des kleinen Mannes“ gedient haben. Zehn Jahre später soll er dann in Europa vermehrt getragen worden sein. Während man ihn heute als respektable Kopfbedeckung ansieht, weisen verschiedene Quellen darauf hin, dass er bis 1850 als unelegant, als Hut der niederen, weniger angesehenen Stände und Bürger galt. Ob die Tatsache, dass ihn beispielsweise der Schornsteinfeger, der Kutscher, die Bauern (Ettenheims „Buurezunft“ lässt grüßen) auch heute noch tragen, auf das damalige Ansehen dieser Stände hinweist? Sicher ist: Längst hat sich sein Ansehen in der Gesellschaft gewandelt.