„Auf den Spuren von NS-Zwangsarbeit in VS“: ein Projekt, durch das vergessene Schicksale junger Menschen ein neues Gesicht bekommen. Und so ist der Zwischenstand.
Der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, hat in Schwenningen seit drei Jahren eine besondere Bedeutung: Im Januar 2023 nämlich hatte sich eine neue Arbeitsgruppe, die Initiative zur NS-Zwangsarbeit in Schwenningen, mit – überwiegend ehrenamtlichen – Akteuren aus Uhrenindustriemuseum, Heimatverein, Stadtarchiv und Pro Stolpersteine VS gegründet, um mehr über die hiesigen Zwangsarbeiter herauszufinden.
Seither ist vieles ins Rollen gekommen: Im Januar 2024 wurde im Rahmen einer Auftaktveranstaltung die Historikerin Lisa Schank als wissenschaftliche Mitarbeiterin präsentiert, die das Thema Zwangsarbeit vorantreiben sollte. Geplant waren regelmäßige Exkursionen, Erfahrungsaustausch, aber auch eine Ausstellung.
Das Ziel
All diese Komponenten sollten in einem neuen Projekt münden, das zum Auftakt am 27. Januar 2025 auch einen neuen Titel erhalten hat: Seitdem nämlich läuft das zweijährige Projekt „Heimatgeschichte International – Auf den Spuren von NS-Zwangsarbeit in VS“, für das neben Lisa Schank mit Florian Kemmelmeier ein weiterer Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter gewonnen werden konnte.
Das Ziel: Nicht nur das Bewusstsein von NS-Zwangsarbeit als Teil einer internationalen Lokalgeschichte zu schärfen, sondern gemeinsam mit jungen Menschen sowohl eine Ausstellung als auch eine Website zur Lokalgeschichte der NS-Zwangsarbeit zu entwickeln.
Die Bereiche
Zum Gedenktag 2026 ziehen die Akteure jetzt Halbzeit-Bilanz: Was ist bisher angestoßen und schon realisiert worden? Was steht in diesem Jahr noch an? Und was macht das Projekt überhaupt so besonders? Die Leiterin der städtischen Museen, Martina Baleva, stellt die beiden Zielkomponenten heraus: Ausstellung und Website, die nicht identisch sein werden, sondern zwei unterschiedliche, sich ergänzende Formate ergeben. Dabei könne die Homepage als langfristiges Forschungsinstrument genutzt genutzt werden. Dass verschiedene, auch junge Altersgruppen am Projekt forschen, „entspricht zeitgemäßer musealer Arbeit“.
Die Partner
Als wertvoll beschreibt auch Florian Kemmelmeier die Mitarbeit und die Perspektive der Jugend. Er freut sich über die vielfältig entstandene Kooperation mit den hiesigen (Hoch-)Schulen. Am Schwenninger Gymnasium am Deutenberg hat es im vergangenen Jahr bereits verschiedene Workshops sowie die Werkschau des Theaterstücks „Vergessene Schicksale“ gegeben.
Kooperationspartner ist ebenso das Gymnasium am Romäusring in Villingen. Geschichtslehrer Jens Weinmann leitet den Seminarkurs in Jahrgangsstufe 11, in dem die Schüler wissenschaftliches Arbeiten lernen – in diesem Schuljahr anhand des Themas Zwangsarbeit.
Die Lokalbezüge
Wichtig seien dabei lokalhistorische Bezugspunkte, um bei den Schülern das Verständnis und Interesse für derartige Themen zu gewinnen, sagt er. Eine Exkursion etwa auf den Alten Friedhof nach Schwenningen, aber auch zu Lern- und Erinnerungsorten zur NS-Zwangsarbeit nach Hessen standen schon auf dem Programm.
Davon beeindruckt zeigen sich die Elftklässler Oskar Uitz und Lili Ruminska – auch, weil sie Originaldokumente aus der NS-Zeit in den Händen halten konnten. Schülerin Lili wird sich in ihrer anstehenden Seminararbeit mit Kindern in Zwangsarbeiterlagern beschäftigen – ein Thema, das gewiss Einfluss auf das spätere Leben haben wird, meint sie.
Die Dokumentation
Die NS-Zwangsarbeit in Schwenningen im Kontext der Polizei ist derweil im vergangenen Jahr Thema der Bachelorarbeit von zwei Studenten der Hochschule für Polizei – ein weiterer Kooperationspartner – gewesen, berichtet Florian Kemmelmeier. Einen wichtigen Baustein für das Gesamtprojekt liefert aktuell die Hochschule Furtwangen: In Form eines einjährigen Projektstudiums widmen sich Studenten der Fakultät Business, Design & Media den Teilprojekten Digitale Dokumentation und Begleitung sowie Datenvisualisierung zur internationalen Dimension von NS-Zwangsarbeit.
Das Ziel: Mit modernen Medien das – fremde – Thema für alle Zielgruppen greifbar zu machen sowie gleichzeitig den Bezug zur Doppelstadt herzustellen und zu visualisieren, erklärt Online-Medien-Student Jannis Gaitanidis. Dabei soll das Projekt ein eigenes – digitales – Gesicht erhalten, fügt Ilona Befus, Studentin der Medienkonzeption, hinzu. Viel sei an der Corporate Identity gearbeitet worden und das passende Logo sei fast fertig . Der Social-Media-Account könne bald online gehen, die Website soll im Herbst an den Start gehen.
Die Ausstellung
Schon früher, nämlich am 18. Juli, wird die Ausstellung im Uhrenindustriemuseum eröffnet, blickt Leiterin Martina Baleva voraus. Sie soll einen Überblick zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit geben, aber vor allem – getreu ihres „Werkstatt-Charakters“ – die verschiedenen Perspektiven der Akteure sowie den gesamten Entwicklungsprozess des Projekts aufzeigen.
Und nicht nur dafür gibt es noch eine Menge zu tun. Denn inhaltlich gebe es allein in Schwenningen noch genügend Stoff, der aufgearbeitet werden kann, sagt Florian Kemmelmeier mit Blick auf die inzwischen bekannten 3400 Namen von Zwangsarbeitern, die 150 Betriebe sowie 250 Unterkunftsorte – „Tendenz steigend“.
Die Vernetzung
Dabei sei die Vernetzung mit anderen (inter-)nationalen Akteuren unabdingbar, unterstreicht der Historiker, der im vergangenen Jahr verschiedene Vernetzungstagungen initiiert und erlebt hat. „Das Interesse an uns ist groß“, freut er sich, dass das hiesige Projekt sogar als Modellprojekt gedacht wird und auf andere Orte von NS-Zwangsarbeit übertragen werden kann.
Das Projekt NS-Zwangsarbeit in VS
Teil eines Förderprogramms
Das Projekt ist Teil des bundesweit zwölf Projekte umfassenden Förderprogramms „Jugend erinnert vor Ort“. Es wird aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft mit insgesamt 200 000 Euro gefördert.
Das Erzählcafé
Einen Gesprächsraum zum Thema „Schwenningen, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ wird im Rahmen des Erzählcafés am Samstag, 31. Januar, 14 bis 17 Uhr, im Carl-Haag-Saal der Schwenninger Stadtbibliothek geboten. Wer weiß noch was? Wie war es hier? Was erzählt die Familie? Die Erzählungen von Zeitzeugen, Kindern und Enkeln sollen mit Fragen junger Menschen verbunden werden. Anmeldung möglich bei Lisa Schank, lisa.schank@villingen-schwenningen.de.