„Ich bin die Mama von der Amelie!“ – „Ah, bist du der Papa vom Antonio?“ Diese Kindersprache unter Eltern ist verbreitet. Warum nennen sich Mütter und Väter seit einigen Jahren selbst öffentlich Mama und Papa?
Es ist ein fantastischer Moment, wenn das eigene Kind zum ersten Mal „Mama“ oder „Papa“ sagt. Spätestens von diesem Augenblick an scheinen diese Wörter ansteckend zu sein. Nicht nur zu Hause mit dem Kind, sondern auch öffentlich nennen Mütter und Väter sich und ihresgleichen jetzt nicht mehr „Mutter“ und „Vater“, sondern „Mama“ und „Papa“: „Hallo, ich bin die Mama von der Charlotte“, oder: „Wow, ich habe gehört, du wirst Papa?“ In Status und Selbstbeschreibung in den sozialen Netzwerken liest man bei jungen Eltern: „Mama von zwei“, „Fachanwältin für Arbeitsrecht und Mama“, „3-fach-Mama“, „Papa von Tim und Leonas“. Woher kommt die neue Liebe zu den Kinderwörtern „Mama“ und „Papa“? Es wäre doch durchaus möglich, statt „Servus, ich bin der Papa vom Toni“ zu sagen: „Servus, ich bin Marc, Tonis Vater“. Das klingt weder gestelzt noch altmodisch – ist aber zur Zeit völlig überholt.
„Wie geht’s denn deiner Mama?“ wird man noch mit 40 gefragt
Was im Familienkreis seinen Anfang nahm, hat sich längst ausgeweitet. In Stuttgart gibt es das „Mamaspa“ und die Veranstaltungsreihe „Mama geht tanzen“, Schlagzeilen in den Medien lauten: „Baby ist da: Julia Lindholm ist stolze Mama“ (MDR), „Nico Santos ist Papa geworden!“ („Bunte“), „Tragen von Kindern: Mama hat Rücken“ („Zeit online“), „Paris Hilton im Mama-Stress“ (Tag24), „Nicole Kidman: Was ihren Töchtern am Leben mit Promi-Mama nicht gefällt“ („Bunte“). Bei der „Brigitte“ gibt es gleich eine ganze Themenseite „Mamasein“, und noch als 40-Jährige wird man beim Treffen mit alten Schulfreunden gefragt: „Wie geht’s denn deiner Mama?“, als wäre man erst fünf.
Die „Zeit“-Journalistin Judith Liere schrieb kürzlich auf X (Twitter): „Ich würde mir so sehr wünschen, dass Mütter aufhören würden, sich selbst öffentlich Mama zu nennen.“ Eine Followerin namens Revolvi wusste sofort, was gemeint war, und antwortete: „Oh Gott. Ja (Im Stil von „Ich bin die Julia, ich arbeite in einer Anwaltskanzlei und bin die Mama von der Annabelle und der Christin“, oder?).“ Woher der Wunsch nach dem sanften Wort „Mama“ kommt, das der Babysprache entstammt, zeigt sich an diesem Beispiel sehr deutlich.
Sicher können Wörter auch vorbelastet sein. Die deutsche „Mutter“ hat ihre Nazi-Vergangenheit. Viel wahrscheinlicher als Ursache für den aktuellen Schwenk von „Mutter“ auf „Mama“ ist aber, dass Julia nicht nur als eine toughe Rechtsanwältin oder gar „Karrierefrau“ gesehen werden will, sondern sich zugleich mit Bauklötzen im Kinderzimmer der kleinen Annabelle verortet, deren „Mama“ sie ist. Julia verdeutlicht: Sie ist eine, die Apfelschnitze schneidet und Kindertränen trocknet. Damit macht sie sich in einem unfeministischen Sinne harmloser und liebenswerter, meint also: „Ich bin doch auch nur eine ganz normale Mama!“
Der Aufschwung der Worte „Mama“ und „Papa“ im täglichen Sprachgebrauch kam ungefähr gleichzeitig mit dem steigenden Angebot an Betreuungsplätzen in Kitas und einer wachsenden Normalisierung des Lebensmodells Kinder und Karriere. Dass Mütter mit Babys auch Chefinnen sind, ist noch nicht lange üblich. Es gab sie vereinzelt schon früher, aber sie waren große Ausnahmen. Die Entwicklung ging nun so schnell, dass sie im Sprachgebrauch offenbar kompensiert werden muss. Als sympathisch und liebenswert gilt man als Frau schließlich seit jeher vor allem mit Kindern und einer nicht allzu hohen Bildung (das zeigen auch heute noch Studien zum Datingverhalten).
Mit im sprachlichen Familienboot sind jetzt endlich auch die Väter. Sie profitieren von der Entwicklung. Dass sie sich das Baby in der Trage vor den Bauch klemmen, unterscheidet diese Männer von ihren eigenen Boomer-Wochenendvätern und macht sie für alle sichtbar zu viel gelobten „Papas“.