Bei Wahl der Sportler des Jahres in Baden-Baden stehen große Gefühle im Mittelpunkt.
Baden-Baden - Bevor sie losgeht am Sonntagabend, die Sportler-des-Jahres-Gala im Kurhaus Baden-Baden, werden die Hauptpersonen von Schaulustigen empfangen. Im Kurhaus gibt es emotionale Szenen.
Mit herzlichem Applaus, Smartphones und Kugelschreibern fordern die Fans von ihren Stars Autogramme, ein, zwei Sätze. Auf dem roten Teppich vor dem Kurhaus und im Foyer strahlen zahlreiche Spitzensportler. Sterne leuchten da – auf dem Walk of Sports, der einen Tag vor der Veranstaltung eingeweiht wurde.
Anlass dafür ist ein Jubiläum. Zum 50. Mal werden die Sportler des Jahres ausgezeichnet. Für jeden Einzelsieger seit 1960, dem Jahr, in dem die Gala zum ersten Mal in Baden-Baden stattfand, gibt es einen Stern. 80 Stück wurden als Klebefolien professionell auf den Steinplatten befestigt – und sollen laut Klaus Dobbratz, dem Veranstalter der Sportler-Gala, auch kleben bleiben.
Vielmehr noch: "Auf Dauer sollen die Sterne nach positiven Gesprächen mit dem Denkmalschutz und der Kurverwaltung als steinerne Platten installiert werden", verrät er im Gespräch mit unserer Zeitung.
Da läuft der Sportlerball im Bénazetsaal bereits auf Hochtouren. Dobbratz steht mitten im Saal, um kurz vor halb zehn, als es besonders emotional wird, der ergreifendste Moment an diesem Abend.
Kristina Vogel betritt die Bühne. Genauer gesagt: Sie betritt sie nicht, sondern sie wird in ihrem Rollstuhl hinaufgetragen. Da sitzt sie, in einem langen blütenweißen Kleid, einen silbernen Kranz im Haar, bestrahlt von den Scheinwerfern der vielen TV-Kameras. Sie ist auf Platz zwei gewählt worden. Die 28-Jährige sagt einen Satz, der allen unten im Saal Gänsehaut bereitet. Gleischsam ist er die beste Botschaft, die man dem versammelten Sportvolk verkünden kann. "Ich war vorher verrückt – und ich bin es immer noch."
Es ist dies ein Satz, wie er bei solchen Ehrungsabenden immer mal wieder gesagt wird. In diesem Fall aber ist er ein unendlich großer Satz, ein Versprechen. Eines von jener Art, von dem man sich nur noch von Herzen wünscht, dass es auch eingehalten wird. Vogel ist Anfang März zusammen mit ihrer Partnerin Miriam Welte noch Weltmeisterin im Bahnrad-Teamsprint geworden. Damals kann keiner ahnen, dass dieser elfte WM-Titel auch der letzte sein würde, den zu gewinnen der zweifachen Olympiasiegerin vergönnt war. Dies entscheidet das Schicksal rund drei Monate später: Am 26. Juni kommt es zu einem fürchterlichen Trainingsunfall, seit dem Vogel vom siebten Brustwirbel an querschnittsgelähmt ist. Und seitdem nimmt nicht nur die Sportwelt Anteil daran, wie sie fortan ihr Leben meistert: mit ihrem schier unerschöpflichen Optimismus und Lebensmut, den sie auch im Kurhaus unter Beweis stellt.
Langes ungewöhnlicher Heiratsantrag verblüfft
Die rund 700 Gäste spenden ihr stehend lange Applaus von ganzem Herzen. Vogel verdrückt eine Träne. Dass die 28-Jährige nicht auf Platz eins gewählt wird, mag man bedauern. Jedoch: Nur 28 Punkte hinter der Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber zu liegen, ist ein mehr als beachtliches Erlebnis.
Und so groß die Teilnahme an diesem Abend ist, so schwer hat es danach Kerber. Am liebsten hätte sie sich auf der Bühne des Bénazetsaals noch einmal glücklich fallen lassen wie bei ihrem Sommermärchen ins Gras von Wimbledon, nach dem 6:3, 6:3 gegen Serena Williams. Aber als würdige Championess verhält sie sich dann mit ihren Worten, die sie persönlich an Vogel richtet: "Du bist ein Vorbild für so viele Menschen. Heute gehört die Bühne dir. Bleib so wie du bist", sagt sie. Mehr Verneigung geht nicht.
Bei den Teams gibt es später eine klare Entscheidung: Mit rekordverdächtigen 849 Stimmen Vorsprung räumen die Eishockey-Männer, bei Olympia Zweiter, Platz eins ab. Überreicht wird die Trophäe von den Eishockey-Altvorderen Alois Schloder und Erich Kühnhackl, und sie bringen ein besonderes Präsent mit: Obendrein gibt es für jeden einen Pepita-Hut im Xaver-Unsinn-Stil, und die Kopfbedeckung wird die Mannschaft den ganzen Abend über aufbehalten.
Und wer wird der beste Sportler des Jahres? Patrick Lange hat die Nase vorn, und im Einspieler zeigt sich auch warum: Noch während er beim Triathlon auf Hawaii mit seiner Weltrekordzeit von 7:52:39 Stunden unterwegs ist, spielt er in Gedanken die Abläufe seines Heiratsantrags an Freundin Jule durch: "Zieleinlauf, Krone auf dem Kopf und dann runter auf die Knie." Besser geht es nicht – so wird man Sportler des Jahres.