Das Spoken-Arts-Festival untersucht mit Vorträgen, Lesungen, Musik und Tanz die Nazi-Diktatur – zum Auftakt waren Schauspielgrößen wie Robert Stadlober und Katharina Schüttler dabei. Es folgen weitere und noch mehr Aufklärung etwa mit Lars Eidinger und Holocaust-Überlebenden.
Von Herzen wünschte man, das Festival wäre nicht so aktuell, wie es seit seiner Planung vor Jahren geworden ist. Die Pandemie, der Aufschwung der AfD, Krieg in der Ukraine, Terrorangriff der Hamas, Israels Vergeltungsschlag in Gaza und neue Fluchtbewegungen, all das Elend lag noch in weiter Ferne. Jetzt aber kehren sie jäh zurück, die „finsteren Zeiten“, denen sich seit dem Wochenende das zweite, von der Stuttgarter Akademie für Gesprochenes Wort veranstaltete Spoken-Arts-Festival widmet. Ja, es ist aktuell. Mehr noch: im Feuer des um sich greifenden Irrsinns sogar brandaktuell.
Die Kunst ist alarmiert
Über die prophetische Gabe des Festivalleiters Joachim Lang kann man staunen, hat er doch die Zeit von 1933 bis 1945 zum Thema des schon lange geplanten Veranstaltungsreigens gemacht. Damals stürzte die Nazi-Tyrannei die Welt in den Abgrund. Terror, Tod, Trauer, Verzweiflung, Flucht – und was danach ein für alle Mal aus Europa verbannt zu sein schien, alarmiert heute auch die Kunst. Aber was soll sie ausrichten? Hat sie Erhellendes zu den Tragödien beizutragen?
Eine erste Antwort gab die Festivaleröffnung in der Liederhalle. Am Freitag mit Lyrik, Liedern, Tanz, am Samstag mit politischen Reden der Zeit. So verschieden die von antifaschistischem Geist getragenen Abende auch waren, überzeugten doch beide mit sinnlich-aufklärerischer Macht. Ein Blick zurück, um Lehren für die Gegenwart zu gewinnen, sagte der Kurator Joachim Lang, als ihn die überengagierte Moderatorin Arta Ramadami zum Auftakt nach dem Sinn des Festivals fragte. Dass sie bisweilen glaubte, dem Publikum im Mozartsaal das Denken und Fühlen abnehmen zu müssen, dass sie es gar mehrmals zum Beifall aufforderte, sollte sich als einziger Makel des Spoken-Arts-Starts herausstellen: Auch ohne die zur Animation neigende Moderation wären weder Applaus noch Kopf und Herz zu kurz gekommen – dank der Künstler und Künstlerinnen, alle Hochkaräter ihres Fachs. Mit dabei: neben einem Solisten von Gauthier Dance die Schauspieler Robert Stadlober und Katharina Schüttler, die Chansonette Isabell Münsch, die Kammersängerin Helene Schneiderman, beide jeweils von Geoffrey Abbott am Klavier begleitet, der Kinderchor der Merz-Schule und last, not least eine zarte Frau, die das Nazi-Grauen am eigenen Leib erleiden musste. Die schiere Anwesenheit der 80-jährigen Holocaust-Überlebenden Eva Umlauf beglaubigte, was Bertolt Brecht in seiner „Kriegsfibel“ an Ungeheuerlichkeiten beschrieb: ein Anti-Kriegs-Poem aus 69 Vierzeilern, gereimte, die Nazi-Propaganda unterlaufende Kommentare – und der rote Faden des Abends, teils gesungen, vor allem gelesen von Robert Stadlober.
„Das da“ – eine auf die Leinwand geworfene Aufnahme zeigt Hitler – „hätt einmal fast die Welt regiert. / Die Völker wurden seiner Herr. Jedoch / Ich wollte, dass ihr nicht schon triumphiert: / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Eine Warnung an Nachgeborene und die letzte Strophe der „Kriegsfibel“, die Stadlober eindringlich las. Die Humanität, die verloren geht, wenn dem Schoß die Fruchtbarkeit nicht ausgetrieben wird, bezeugten Gedichte von Frauen, denen die wunderbare Katharina Schüttler die Stimme lieh: Irmgard Keun, Mascha Kaléko, Hilde Domin, Else Lasker-Schüler, alle von den Nazis ins Exil gejagt und dort auf ihre Weise trauernd und hoffend.
Appell von Holocaust-Überlebender
Das letzte Wort gebührte Eva Umlauf. Sie ist eine der jüngsten Holocaust-Überlebenden, war als Baby mit ihrer Mutter in Auschwitz und formulierte dort 2011 bei einer Gedenkstunde den Appell, den sie jetzt wiederholte: „Wir müssen unser Erbe an die Nachkommen weitergeben, so lange, bis sie es bewusst verarbeitet haben“ – eine Aufklärungsarbeit, die mehr denn je unverzichtbar ist und am zweiten Spoken-Arts-Abend mit „Reden in finsteren Zeiten“ fortgesetzt wurde. Jetzt im Schillersaal, wieder mit Stadlober, der allerdings neue Partner zur Seite hatte: die Schauspielerin Claudia Michelsen, den Historiker Thomas Weber und Michael Blume, Landesbeauftragter für Antisemitismus.
Ob man Reden von Hitler und Goebbels heute aufführen könne, sei er, Blume, im Vorfeld der Lesung gefragt worden. „Gerade jetzt“, entgegnete er, „die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.“ Woher die Macht der Worte rühre, müsse untersucht werden, weshalb die Texte des „Führers“ und seines Propagandaministers, die Stadlober und Michelsen vortrugen, der in Aberdeen lehrende Weber analysierte.
Er wies auf rhetorische – nicht ideologische – Ähnlichkeiten zwischen den Nazi-Größen und dem Kremlherrscher Putin hin, der mit einer nach dem Ukraine-Überfall gehaltenen Ansprache ebenfalls zu Wort kam. Alle drei operierten mit quasireligiösen Elementen, so der Befund, mit Sünde, Erlösung und dem Kampf des Guten gegen das Böse in der nahenden Endzeit.
Das waren intellektuell fordernde Analysen, aber drunter ist die kritische Auseinandersetzung mit der perfiden Rhetorik der Demagogen nicht zu haben.
Das Spoken-Arts-Festival läuft noch bis Mittwoch, mit weiteren Stars wie etwa Lars Eidinger (ausverkauft) und einem Abschlussabend mit Holocaust-Überlebenden.
Erinnerungen und Brecht
Programm
An diesem Montag springt Nina Kunzendorf kurzfristig für die erkrankte Barbara Auer ein, um Lisa Fittkos Erinnerungen einer Fluchthelferin zu lesen. Am Dienstag gestaltet Lars Eidinger einen Brecht-Abend im Theaterhaus – am Mittwoch treten, ebenfalls im Theaterhaus, neben Eva Umlauf noch die Holocaust-Überlebenden Ernst Grube und Leon Weintraub auf.
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unter www.spoken-arts-festival.de