Samuel Finzi (Mitte) hat aus Joseph Roths Roman „Hiob“ gelesen. Foto:  

Mit einem fulminanten Poetry-Slam ist im Stuttgarter Theaterhaus das Spoken-Arts-Festival zu Ende gegangen. Es hat auf vitale Weise demonstriert, wie Literatur Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen kann.

Was kann man von den Toten lernen? Was haben sie uns heute zu sagen? – Während in Stuttgart unheimlich kostümierte Nachtschwärmer das Halloweenfest mit seinen Gespenstern und Zombies feiern, widmet sich am Montagabend das Finale des Spoken-Arts-Festival im Theaterhaus dem lebendigen Erbe längst verstorbener Dichter, Politiker und großer Erzähler.

 

Initiiert hatte das Festival der Regisseur und SWR-Redakteur Joachim A. Lang, zwei weitere Ausgaben sind für 2023 und 2024 bereits finanziert.

Am letzten Abend der siebentägigen Schau, die sich den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gewidmet hat, treten mit Joachim Król, Anna Schudt und Samuel Finzi noch einmal renommierte Schauspieler und Schauspielerinnen in Aktion. Król und Schudt lassen unter dem nüchternen Titel „Politische Reden der Zeit“ mutige Politikerinnen und Politiker der Weimarer Republik zu Wort kommen, etwa Marie Juchacz, die als erste Frau in einem Parlament sprach, oder den Sozialdemokraten Otto Wels, der sich 1933 als Abgeordneter im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis wandte.

Distanz und Nähe

Samuel Finzi liest aus Joseph Roths Roman „Hiob“, der vom Schicksal des tiefgläubigen Toralehrers Mendel Singer und dessen Familie in einem fiktiven russischen Schtetl sowie in New York zwischen 1900 und 1920 erzählt.

Roths 1930 veröffentlichtes Werk verknüpft sich problemlos mit unserer Lebenswirklichkeit; trotz der historischen Distanz und der teils märchenhaft-alttestamentarisch anmutender Sprache.

Denn Mendel Singer ist ein Mann, der wie wir von Krisen erschüttert wird und deshalb an seinem Glauben zu zweifeln beginnt. Damit ist er einem Lesepublikum des Jahres 2022 erstaunlich nah, das in Zeiten der Pandemie und der Verschärfung politischer Konflikte sein bisheriges Sicherheitsempfinden in Frage gestellt sieht.

Klatschen, Johlen, Applausstürme

Den Humor haben sich Menschen in Krisenzeiten allerdings nie verboten. Das beweist der Poetry-Slam „Dead or Alive“, in dem mehrere Wortakrobaten mit eigenen Texten gegen Werke toter Dichter antreten. Moderiert wird der Wettkampf zwischen „Team Dead“ und „Team Alive“ von Marius Loy, der 2018 selbst Baden-Württembergischer Vizemeister im Poetry-Slam war.

Im Ring treten Natalie Friedrich, Andy Strauß und Philip Herold gegen Erich Kästner (Valentin Richter), Erich-Maria Remarque (Simon Kubat) und Kurt Tucholsky (Lary) an, das Publikum bewertet die Vorträge durch mehr oder weniger enthusiastisches Klatschen und Johlen, fünf im Zuschauerraum verteilte Richter vergeben Punkte anhand der Applausstürme.

Während die ganz in Schwarz gekleidete Karlsruherin Nathalie Friedrich unter dem Titel „Pierre“ eine bizarre Taxifahrt an die Ostsee mit einem Fahrer namens Hartmut imaginiert, fordert Erich Kästner in seinem Gedicht „Ich bin die Zeit“: „Lasst euren Streit! Klein wie ein Punkt ist der Planet,/ Der sich samt euch im Weltall dreht.“ Danach tritt Andy Strauß auf und erzählt sein Märchen über den „prall-elastischen Prinzen“ in Anlehnung an eine berühmte Erzählung des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry. Die ist allerdings gar nicht kindgerecht mit einem raubeinigen Piloten als Protagonisten, der Wendungen wie „woah, fuck“ und „oh shit“, verwendet, um Gefühlslagen zu beschreiben. Der „prall-elastische“, also dicke statt kleine Prinz ist dann auch kein liebenswertes Himmelskind, sondern eine freche Göre mit dem unstillbaren Hunger auf Lasagne.

Ernst geht es in einem Auszug aus Erich-Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ zu, in dem junge Soldaten über den Sinn des Krieges nachdenken. Besonders großen Applaus erntet Philip Herold mit seinem Poem „Dort ist der Ort, wo der Pfeffer wächst“, in dem es kaum um Sinn, dafür viel um Rhythmus geht. „Dieses Land ist ein Gedanke und dieses Gedicht ist nicht viel mehr“, endet Herold.

Eine gelungene Überleitung zu Kurt Tucholskys „Das Ideal“ von 1927, das von Sängerin Lary in lässiger Beiläufigkeit vorgetragen, einen kaum zu erreichenden Sehnsuchtsort beschreibt. Die Literatur, hat dieser letzte Festivalabend bewiesen, kann Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen und Exil in harten Zeiten bieten.