Mut zum Erkunden von Spielräumen macht das Fastenmotto. Foto: Evangelische Kirche Deutschland

"Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" lautet das Motto der evangelischen Kirche für die Fastenzeit 2021 - und es ist nicht leicht zu fassen, auch für Pfarrer Christoph Fischer aus Tailfingen nicht. "Gut so", meint er.

Albstadt-Tailfingen - Hat es mit der Coronavirus-Pandemie zu tun? Die Einleitung der evangelischen Kirche zur Aktion "Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" für die Fastenzeit 2021, die am Mittwoch beginnt, klingt jedenfalls danach. "Gemeinschaften brauchen Regeln. Doch zu den Regeln gehört Spielraum", heißt es da. Von der Mühe der Parlamente und Gerichte, eine Ordnung auszulegen, ist da die Rede, von totaler Blockade jeglichen Widerspruchs.

Christoph Fischer von der evangelischen Kirchengemeinde Tailfingen, Hausherr der Erlöserkirche, vermutet, dass das Motto noch stärker auf Corona zugeschnitten wäre, wäre die Pandemie der Grundgedanke dahinter gewesen. Anders als bei früheren Aktionen musste er selbst erstmal verschärft darüber nachdenken, was das Motto ausdrücken soll – wobei ihm der Untertitel "Sieben Wochen ohne Blockaden" geholfen habe: "Wo grenze ich mich zu stark ein? Wo lasse ich mich in eine Rolle hineindrängen?" seien Fragen, die sich jeder stellen könne – gerade in einer Zeit, die für Einschränkung und Verzicht stehe. Nicht notwendigerweise für den Verzicht auf Schokolade, Fleisch und Wurst oder Alkohol, wie Fischer schmunzelnd hinzufügt: "Es kann auch der Verzicht auf bestimmte Handlungsweisen oder Denkmuster sein."

Fasten geht auch unterm Jahr

In der dritten Woche "Das Spiel mit dem Nein" gehe es darum, Grenzen auszutesten und Spielräume auszuloten – etwas, was Fischer und seine Kollegen Johannes Hartmann und Gottfried Engele mit neuen Gottesdienst- und Veranstaltungsformaten seit Beginn der Pandemie tun. Aktuell, in den Fasnetsferien, öffnen sie kirchliche Räume für Familien – coronakonform, um Kindern ein Angebot zu machen – und schaffen es damit, eine Lücke zu füllen, ohne Grenzen anzutasten.

Wo sieht Fischer seine eigenen Grenzen? Da muss er herzlich lachen: "Die letzte, die ich ausgetestet habe, war sportlicher Natur", berichtet er vergnügt. "Beim Joggen – das war nicht der Hit." Und eine Fastenzeit braucht der ebenso nachdenkliche wie selbst-bewusste Pfarrer ohnehin nicht, um über seine Spielräume zu sinnieren: "Ich setzte mir auch unterm Jahr immer mal wieder ein Thema."

Grenzen, die ihn grundsätzlich ärgern, sind indes nicht seine eigenen, sondern jene, vor denen Menschen sterben, weil sie Freiheit und ein menschenwürdiges Leben suchen. "Dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, damit kann ich mich niemals abfinden", betont Fischer und ist deshalb froh, dass seine Kirchengemeinde sich dem Bündnis "United4Rescue" angeschlossen hat, um die Rettung aus Seenot zu unterstützen.

Wie steht er als Vater dreier Töchter – zwei von ihnen sind bereits in der Pubertät – zu Grenzen? "An den richtigen Stellen braucht Freiheit vernünftige Grenzen", betont Fischer, "denn wenn ich Kindern freie Entfaltung ermöglichen will, bedeutet das mit zunehmendem Alter, ihnen mehr zu erklären, damit sie dereinst als mündige Bürger selbst ins Leben hinausgehen und Grenzen ausloten können."

Als eigene Grenze, die er trotz lauterer Absicht und aller Bemühungen beim besten Willen nicht verschieben kann, sieht Christoph Fischer die Zeit an. 24 Stunden am Tag – für einen Seelsorger mit vielen Ideen, zahlreichen Gemeindegliedern, einer Frau und drei Kindern sind 24 Stunden am Tag einfach immer zu wenig.

"Um Verzicht auf Schokolade geht es gar nicht"

Und wie steht’s mit dem Verzicht in der Fastenzeit? Auf Schokolade kann der Geistliche, der es lieber pikant mag, gut verzichten, und Alkohol trinkt er eh nur selten. "Aber darum geht es ja gar nicht", sagt Fischer entschieden und verweist auf die Predigt seines Kollegen Engele am vergangenen Sonntag, die sich um "das berühmte Wurstessen in Zürich" gedreht habe. "Damit wollten die Einwohner zeigen: Am Fleischkonsum hängt und daran scheitert unsere Beziehung zu Gott nicht." Vielmehr sei die Fastenzeit eine "spannende Zeit, um sich einladen zu lassen, sich bewusst einzulassen", betont Fischer. Und dazu eigne sich das Motto diesmal besonders gut – weil man eben etwas intensiver darüber nachdenken müsse, um es zu erfassen.

Für evangelische Christen sei die Freiheit des Christenmenschen – wie einst für Martin Luther selbst – ohnehin ein zentrales Thema ihres Glaubens. Und nicht zu verwechseln mit der Freiheit, alles zu tun. Deshalb will Christoph Fischer die Menschen ermutigen, die "Sieben Wochen ohne Blockaden" zu nutzen, um neue Freiräume zu entdecken, ungelöste Konflikte anzupacken und vielleicht auch mal die (Denk-)Richtung zu wechseln. Viele seien schon "auf gutem Weg", sagt er. Bei anderen – etwa jenen, die Nationalismus und Christentum verquickten – sieht der Seelsorger noch Luft nach oben. "Universalrezepte", so betont er, "gibt es für die Fastenzeit jedenfalls nicht – ein Weg hat stets mit jedem selbst zu tun."

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