Biedermanns und die Brandstifter beim Gänsebraten. Foto: Jürgen Scharf

Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ wirkt unvermindert aktuell. Bei der Premiere nahm das Publikum die Inszenierung der Spielbühne Schopfheim mit viel Applaus auf.

Obwohl es lichterloh brennt und Sirenengeheul ertönt, sahen die Zuschauer keine Veranlassung, den Museumskeller vorzeitig zu verlassen. Vielmehr bekamen die Darsteller beim Schlussapplaus viele „Vorhänge“ und wurden immer wieder auf die Bühne geholt.

 

Das Feuer und die Sirenen machen gehörigen Effekt in der realistischen bis fantastischen Aufführung der Spielbühne Schopfheim.

„Ganz im Ernst: Wir sind Brandstifter, Herr Biedermann. Warum glauben sie uns nicht?“ Gottlieb Biedermann ahnt es, der hat immer schon den Verdacht, will es aber nicht glauben. Das ist nicht nur gutgläubig, sondern fahrlässig.

„Ich bin kein Unmensch, aber ins Haus kommt mir keiner“, sagt er noch am Anfang. Doch dann belügt er sich selbst, will mit den beiden Landstreichern, die sich als Brandstifter entpuppen, auf gutem Fuß stehen, gibt ihnen Essen und Nachtlager, während jene ganz unverblümt die Benzinfässer auf dem Dachboden stapeln.

Und nicht einmal das erregt den Argwohn beim Hausherrn. Biedermann will sich mit den unwillkommenen Gästen so gut stellen, dass er ihnen sogar Gänsebraten anbietet und Streichhölzer für die Zündschnur leiht.

„Biedermann und die Brandstifter“ des Schweizer Dramatikers ist eine Satire auf die Dummheit. Eine dramatische Parabel über fatale Folgen des Wegschauens und denkfaulen Mitläufertums, ein „Lehrstück ohne Lehre“, wie es im Untertitel heißt. Bei dem Ironiker und Moralisten Frisch wird die Komödie zur Tragödie.

Und fraglos kann man das Stück weiterdenken: Wer legt heute die Lunte an die Welt…? Biedermann erscheint als ein moderner Jedermann, dümmer als die Polizei erlaubt, weil er glaubt, die Brandstifter machen nur Spaß.

Diese gewisse Naivität und gespielte Ahnungslosigkeit kommt in der Darstellung von Marianne Tittel prägnant zur Geltung. Bei ihr ist die Figur ein Opportunist, der alle Prinzipien über Bord wirft, die Augen vor der Gefahr verschließt, bis sein Haus in Flammen aufgeht. Wenn die Hauptdarstellerin in dieser Hosenrolle an ihren Hosenträgern und der Krawatte nestelt und sich wohlgefällig in Positur stellt, bringt sie chaplineske Elemente von Parodie ein.

Unkonventionell besetzt ist die Rolle des robusten Ringers Schmitz mit Stefan Wetzel (im Ringelshirt), einem Neuzugang im Ensemble. Das Schwergewicht redet deftig alemannisch und so gibt es durchaus eine Art gewollten Verfremdungseffekt.

Für den anderen Brandstifter Eisenring, einen ehemaligen Oberkellner, hat sich Gabriele Steffler in den Frack mit Fliege geworfen. Sie mimt diesen Typen recht intellektuell, teuflisch gewandt, fast schon mephistohaft. Ihr Eisenring ist der intelligente Drahtzieher, der andere mehr der kumpelhafte Handlager. So sind beide Charaktere deutlich unterschiedlich gezeichnet.

Das kann man auch von den Kostümen (Antonia Tittel) her so sehen: Die Brandstifter sind eher dunkel gekleidet, die Herrschaften grell und schrill.

Susanne Kita als Hausherrin tritt ganz in Papageiengelb auf, ladylike mit damenhaft-geziertem Gehabe. Nina Homolka als Dienstmädchen mit grünem Haar und keckem Schürzchen ist verwandlungsfähig.

Christof Hoelger, ein weiteres neues Gesicht wie auch Homolka, füllt die beiden Nebenrollen als Chorführer und Polizist mit imposanter Statur aus.

Symbolisch eindringlich und ohne große Aktualisierung wirkt das Stück heute wieder „brennend“ aktuell, wie diese Spielbühnenproduktionen eindrücklich zeigt. Die Inszenierung von Wolfgang Künzel ist zeitlos, ohne aktuelle Anspielungen.

Der Regisseur verlässt sich auf den Text, der stark und beklemmend genug ist, und gestaltet intensive Szenen mit dem Feuerwehrchor („Anruf genügt“), der einen appellativen Charakter hat.

Jochen Gräf macht das richtige flackernde Licht, wenn es brennt, sorgt für die bedrohlichen Klänge und Geräusche, die Unheilvolles künden. Und das Ensemble legt in der Choreografie von Homolka auch noch eine flotte Gesangs- und Tanznummer zum bekannten deutschen Schlager „Heut’ liegt was in der Luft“ aus der Entstehungszeit des Stückes aufs Parkett - das Lied wird fast schon zum Mottosong des Abends.

Viele Szenen betonen das Groteske und Komische, das bei Künzel auch Platz hat, weil sich daraus das Tragische noch besser entwickelt. Die Bühne auf zwei Ebenen bleibt karg, umso stärker und bedrohlicher wirken die Blechfässer auf dem Dachboden.

Also eine gelungene Inszenierung dieses unverwüstlichen Klassikers, den man heute wieder gut sehen kann, weil er in die Zeit passt, und aus dem man vielleicht - ganz im Gegensatz zum Untertitel - durchaus eine Lehre ziehen kann. Nicht umsonst ist das Drama derzeit wieder auf vielen Bühnen zu sehen: Es ist das Stück der Stunde!

Weitere Aufführungen finden bis zum 10. Mai, jeweils Freitag, Samstag und Sonntag ab 20 Uhr im Museumskeller in Schopfheim statt. Karten sind im Vorverkauf in der Regiobuchhandlung erhältlich.