Während andere sich einen Pool in den Garten bauen lassen, baut sich Familie Baur einen Koi-Teich.
„Aber wir sind in Bräunlingen, da haben wir von einem ganzjährigen Teich mehr“, erklärt Michaela Baur zu den damaligen Überlegungen. Das Koi-Fieber grassierte schon am Galgenberg. Etliche „Juwelen im Teich“, so die respektvolle Bezeichnung der anmutigen japanischen Zierfische, schwammen bereits in Teich-Variante zwei.
Zeit also, größer zu denken – jedoch nicht viel Zeit für eine Planung. „In der Nacht, bevor unser Schwager kurzfristig mit dem Bagger kam, habe ich den Teich konzipiert“, blickt Michaela Baur zurück. Naturnah ins Gelände eingepasst, acht Quadratmeter Wasserfläche, bis 1,50 Meter tief und mit einem Fassungsvermögen von 35 000 Litern beherbergt er 35 Fische in verschiedenen Varietäten, also Kois mit unterschiedlichsten körperlichen Erscheinungsmustern.
Lebhaft wird es, wenn Michaela Baur kleine Pellets in den Teich streut. Es sieht ein bisschen so aus, wie wenn sich Buntwäsche in der Waschmaschine dreht, wenn die Kois das aus Fischmehl und Eiweißnahrung bestehende Futter aufschnappen. Ein unaufgeregter Wirbel, kein Streit. „Kois sind Friedfische“, sagt Baur. Sie hätten keine Scheu, würden sich aus der Hand füttern, streicheln lassen und Aufzug spielen.
Neckereien beim Füttern
Ein Spaß, den sich gern der zwölfjährige Jan macht. Ganz langsam, so erzählt seine Mutter, würde er einen Koi kurz aus dem Wasser heben, um ihn dann wieder ins Becken zu setzen. Ganz ohne bleibende Schäden und Schrecken. „Der Koi kommt gleich wieder angeschwommen“, sagt Michaela Baur lächelnd. Für sie sei es schön, mit ihrem Mann ein gemeinsames Hobby zu betreiben – wenngleich die Vorsitzende der Bräunlinger Landfrauen die Angel-Leidenschaft ihrer vier Männer nicht teilt.
Manuel Baur ist selbstständiger Zimmerermeister in Bräunlingen. Da ist Stress berufsbegleitend, die Gedanken über Projekte lassen sich beim Eintritt ins Haus nicht schlagartig abschalten. Doch dann auf der Terrasse: „Die Kois strahlen so eine Ruhe aus, dass mein Mann nach dem Arbeitstag schnell runterkommt.“
Mit sechs Kois angefangen
Es waren sechs Kois aus dem Zoofachhandel, die sie mit ihrer Vielseitigkeit begeisterten und neugierig machten auf die über Jahrhunderte verfeinerten Zucht in Japan, wo Kois (japanisch: Karpfen) faszinieren, inspirieren und einen festen Platz haben in Mythologie, Kultur und Geschichte.
Was die Population im Teich anbelangt, hat sich das Koi-begeisterte Paar längst vom örtlichen Zoofachhandel verabschiedet. 2024 flog Manuel Baur mit seinem befreundeten Koi-Halter nach Japan. Mit ihm besuchte er verschiedene Züchter, verguckte sich in zehn dreijährige Fische und ließ die dann mit dem Flugzeug nachkommen. Drei Wochen später landeten die Fische, gut verpackt in Beutel und Kartons, ebenfalls in Frankfurt. Um das Einschleppen von Bakterien, Parasiten oder des gefährlichen Koi-Herpes-Virus zu verhindern, müssen die Fische in Quarantäne – also in einen der abdeckbaren Zuber, die im Gartenhaus stehen.
Die Haltung von Koi-Karpfen ist nicht einfach, beginnend beim Wasser. Dafür, für die Filteranlage und die dazugehörige Dokumentation der Parameter ist Manuel Baur zuständig. Eingefüllt wird Leitungswasser. Jede Woche wird ein Fünftel der Füllmenge ersetzt. Weder zu kalt noch zu warm sollte es sein. An diesem Tag kurz nach Pfingsten sind es 18,2 Grad, knapp unter dem Optimum. Und: Labrador-Hündin Mira stellt als gewissenhafter Schutz gegen Reiher-Angriffe auf den im Teich schwimmenden Gegenwert eines nicht so kleinen Kleinwagens eine nicht zu verachtende Hilfe dar.
Kois sind wechselwarme Tiere. Ihr Organismus arbeitet bei Wärme schneller. Da werden gerne mal fünf kleinere Fütterungen am Tag fällig. Diese Aufteilung ist gesünder, weil die Fische kein Sättigungsgefühl haben. Sie können bei optimalen Bedingungen über 50 Jahre alt und fast einen Meter lang werden.
Tiefer Teich notwendig
Nach dem Sommer kommt der Winter. Was passiert dann mit den exotischen Teichbewohnern? Sie werden weder in ein Innenbecken gebracht, noch bekommen sie eine Heizung. Sie gehen im tiefen Bereich des Teichs in eine Art Winterstarre. Das ist der Grund, weshalb die Teiche so tief angelegt sind. Anfangs sei es durchaus beunruhigend gewesen, die Fische wochenlang nicht zu sehen, räumt Michaela Baur ein.
Wer Koi-Karpfen halten möchte, benötigt zwar keine formale Befähigung, aber umfassende Kenntnisse über die artgerechte Haltung, Wasserchemie, Teichtechnik und Gesundheitsvorsorge der Tiere. Manuel und Michaela Baur sehen es als Teil einer verantwortungsvollen Haltung an, auf Krankheitszeichen richtig zu reagieren und im Fall einen Tierarzt hinzuzuziehen. Da sei es – auch Teil einer absolvierten Schulung – hilfreich, selbst einen Kiemen-Abstrich nehmen und unter dem Mikroskop analysieren zu können.
Entwicklung zum Händler
Das Ehepaar Baur wird zu Händlern für aus Japan importierte Fische und Zubehör wie Futter, Wannen, Kescher oder Umsetzschläuche. Die in Japan geknüpften Kontakte sind so tragfähig, dass sie sich zu Handelsbeziehungen verstetigen lassen. Zwar lassen sich Kois auf Bestellung aus Japan schicken, doch Manuel Baur kauft lieber nach Augenschein. Bestellwünsche, auch zu ganz speziellen Varietäten, nimmt er mit auf die vermutlich im Winter anstehende Japanreise.
Bonsaigarten als Projekt
Als Händler unterliegen die Baurs besonderen rechtlichen Bestimmungen. Sie müssen sich mit Einfuhrbestimmungen, Herkunftsnachweisen, tierärztlichen Untersuchungen, Zollpapieren und Transport-Bescheinigungen auskennen. Ein dicker Ordner umfasst die abgeprüften Bestimmungen aus einem, auf dem Tierschutzgesetz basierenden Intensivseminar zum Thema Kaltwasserfische und Koi. „Das war ganz schön happig, aber wichtig“, so Michaela Baur. Regelmäßige tierärztliche Kontrollen und Gesundheitsnachweise begleiten das Nebengewerbe. Der Teich wurde vom Kreisveterinäramt abgenommen.
Und schon steht das nächste Projekt im Raum: Die Umsetzung wird im Spätsommer mit einem Teichfest gefeiert. Etwas mit Pflanzen, wie es zu einer Landfrau passt. „Ich plane einen Bonsai-Garten“, kündigt Michaela Baur an. Und dieses Mal braucht es gewiss keinen Bagger.