Von Berlin aus schwappt derzeit die dritte Kaffee-Welle übers Land. Dabei wird ein Getränk zelebriert, das ganz anders schmeckt als der Wachmacher, den man bisher kannte. Zu Besuch in einer Gemeinschaftsrösterei für Spezialitätenkaffee.
Was am Ende bleibt, wenn bei der letzten Tasse abgerechnet wird, sind Erinnerungen an gemeinsame Gespräche, Geschmäcker, an die tröstende Wirkung von gutem Kaffee. Deshalb sollte man kostbare Lebenszeit nicht mit schlechtem Kaffee verplempern.
In den vergangenen Dekaden hat sich die Menschheit in Deutschland darauf geeinigt, dass es beim Weintrinken nicht nur um den Rausch geht, sondern auch um Genuss. Der macht den Kopfschmerz am Tag danach womöglich erträglicher.
Nachholbedarf in Sachen Kaffee
Beim Thema Kaffee hinkt man hierzulande dagegen hinterher. Kaffee scheint bei vielen unter Motorenöl zu laufen: egal wie das Zeug schmeckt, Hauptsache, rein damit, damit die Maschine in Schwung kommt. Funktion ist im Heimatland der Funktionswäsche im Partnerlook wichtiger als Geschmack.
Doch so langsam wird umgedacht in der Wiege der Autobahn, was vielleicht daran liegt, dass Deutsche gerne reisen und sich wundern, dass der Kaffee in Italien an jeder Autobahnraststätte immer noch meist besser schmeckt als zwischen Flensburg und Friedrichshafen.
Rösten im ehemaligen Karstadt-Logistikzentrum
In Berlin will man sich mit schlechtem Kaffee nicht zufriedengeben. Dort hat sich eine Szene herausgebildet, die dem sortenreinen Kaffee huldigt, bei dem weder Produzenten noch Konsumenten über den Tisch gezogen werden.
Also, Ortstermin, ein Gewerbegebiet in Neukölln. Im ehemaligen Logistikzentrum von Karstadt lässt sich gesellschaftlicher Wandel erleben. Früher, als Konsum noch in Kaufhäusern und nicht im Internet organisiert war, wurden die Karstadt-Filialen der Hauptstadt von einem Logistikzentrum aus beliefert, das architektonisch an Pforzheim erinnert.
Heute hat sich an dieser Stelle unter anderem ein Bubble-Tea-Anbieter eingemietet, ein Heavy-Metal-Versand verschickt von hier aus Devotionalien und vier Kaffee-Nerds haben Communal Coffee gegründet, Deutschlands größte Co-Rösterei. Der gebürtige Berliner Philipp Reichel, Janusch Munkwitz, in Stuttgart bekannt als Architekt und Gastronom, sowie Henrik und Sari Haavisto machen gemeinsame Co-Roasting-Sache.
Die Vorsilbe „Co“ kennt man zum Beispiel vom Co-Working: Junge Menschen aus der Kreativ-Branche haben kein Interesse an einem eigenen Büro, nutzen stattdessen Gemeinschaftsräume für ihre Projekte und knüpfen Kontakte, ehe sie im Homeoffice wieder einsam ihre Siebträgermaschine polieren.
Der Heißluftröster schwebt übers Dach ein
Die Idee der Co-Roastery funktioniert ähnlich: Wieso Geld für teures Equipment ausgeben, wenn man eine Röstmaschine auch gemeinsam nutzen kann? Und wieso allein daheim Nerd-Wissen anhäufen, wenn man es doch viel besser mit anderen teilen kann?
In der ehemaligen Kantine des Karstadt-Versands wird geröstet, ohne zu rasten, denn wer röstet, der rostet nicht, oder so ähnlich. Hier zeugen zwei mit Gas betriebene Trommelröstmaschinen von der Gegenwart der Kaffeeröstung. Ein Heißluftröster, der mit Strom läuft, weist in die Zukunft. Letzterer entpuppte sich bei der Anlieferung als größer, als vom Hersteller angegeben, sodass das Ungetüm mit einem Kran durchs punktuell geöffnete Dach einschweben musste. Die Gegenwart ist manchmal eben zu klein für die Zukunft.
Experten sprechen von der dritten Kaffee-Welle
Philipp Reichel führt durch die Räume und legt dabei ein Tempo vor, als hätte er bereits sieben Tassen Kaffee intus: 2013 hat er in der kulinarischen Vorzeigeplattform Markthalle 9 in Kreuzberg das Kaffee 9 gegründet. 2015 hat er das Berlin Coffee Festival ins Leben gerufen, das er von 2015 bis 2019 kuratiert hat. Auf seinem Weg zum Kaffeeexperten hat er festgestellt, dass die meisten kleinen Röstereien ihre Maschinen nur 15 bis 20 Prozent der Zeit wirklich nutzen. „Also ist es doch viel sinnvoller, sich die Maschinen zu teilen“, sagt er.
Zumal die Gemeinde der Kaffee-Enthusiasten immer größer wird. Experten sprechen dabei von der dritten Kaffee-Welle: In der ersten Kaffee-Welle in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Getränk gemahlen und abgepackt im Supermarkt massentauglich. In Welle zwei wurde Kaffee anschließend von hektischen und herzlosen Menschen zu einem To-go-Produkt degradiert.
In der dritten Welle gehe es nun um die Qualität der Bohnen, um Respekt vor den Erzeugern und um Zeit bei der Zubereitung. Die Co-Rösterei in Neukölln steht allen Interessierten offen, die Kaffee zelebrieren wollen. Man kann sich über die Art der Bohnen-Wäsche austauschen oder sich eine Röstung wünschen. Man kann das Rösten selbst lernen oder erfährt eine Einweisung an den Maschinen, wenn man das Handwerk bereits beherrscht.
„Die Röstung hat Einfluss auf den Geschmack des Kaffees“, sagt Reichel, der in Köln Tontechnik studiert hat und dann keine Lust mehr hatte, Schlager zu produzieren. Was er auf seiner Kaffee-Mission vermitteln will, ist die Wertschätzung für das Produkt. „Nicht jeder weiß, dass die Bohne grün ist, bevor sie beim Rösten braun wird“, sagt er. Kaffee werde in Deutschland selten in der Qualität serviert, die er sich wünscht. „In Deutschland schenken die Bäckereien ohne Ende Kaffee aus“, sagt Reichel. Meist werde das Getränk dabei, unter Milchschaum versteckt, in Pappe gegossen.
Schmeckt nach Frucht und Beeren, der besondere Kaffee
Bei Communal Coffee wird das Thema Koffein auf 450 Quadratmeter Röst- und Begegnungsfläche und im 550 Quadratmeter großen Lager ernst genommen. Dort lagern diverse Tonnen Rohkaffee. Ein Hafermilchproduzent aus Holland nutzt ein Regal für seine Ware. Am Schwarzen Brett werden vier Sack Äthiopien und sechs Säcke Brasilien angeboten, an der Scheibe zum Verpackungsraum hängt ein Erntekalender, der anzeigt, wann und wo der Kaffee reif ist.
Wenn sich bei Communal Coffee die Experten zum Tasting treffen, wird erst am frisch gemahlenen Pulver geschnuppert, ehe das Glas mit heißem Wasser aufgefüllt wird. Und dann wird gegurgelt und geschmeckt und getestet, dass sich die Bohnen biegen. Und wie schmeckt er nun, der Spezialitätenkaffee? Nach Frucht, nach Beere, ganz weich und anders als der Kaffee, den man sonst kennt.
Zum Schluss blickt Philipp Reichel in die Zukunft. Er träumt davon, die Abwärme seiner Maschinen ins Berliner Fernwärmenetz einspeisen zu können. Kaffee, der nicht nur die Seele wärmt, sondern auch die eigenen vier Wände: Es hat schon schlechtere Ideen gegeben.