Dennis und Ann-Christin Gertz mit dem Patientenkind Adrian (drei Jahre) und den Geschwistern Mila (sieben Jahre) und Noah Gertz (vier Monate) Foto: Privat

Als ihr Sohn neun Wochen alt ist, erfährt das Ehepaar Gertz, dass er an Augenkrebs leidet. Eine Diagnose, die alles verändert.

Es beginnt mit einem Blick. Einem, der anders ist als erwartet. „Unser Sohn hatte von Geburt an ein kleines Schielen im Blick“, erzählt Dennis Gertz. „Wir konnten uns das nicht erklären, und die Ärzte auch nicht.“ Was zunächst harmlos klingt, wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die alles verändert.

 

Etwas stimmt nicht

Die Familie läuft von Praxis zu Praxis, hört beruhigende Worte, die keine sind. „Das kommt noch, der ist noch klein“, sagen die Ärzte. „Vielleicht ein grauer Star, nicht so wild.“ Doch die Mutter, Ann-Christin Gertz, bleibt beunruhigt. „Sie hatte von Anfang an das Gefühl, dass etwas nicht stimmt“, erinnert sich ihr Mann. Und tatsächlich: „Das Gefühl einer Frau stimmt meistens.“

Nach Wochen des Zweifelns und Drängens folgt schließlich die Diagnose. Augenkrebs. Adrian ist da gerade einmal neun Wochen alt. „Als wir das erfahren haben, ist uns alles aus den Händen geglitten“, sagt der Vater. Krebs – das war für die Familie bis dahin ein Wort, das zu anderen gehörte: zu Großeltern, zu alten Freunden, zu Schicksalen am Rand. „Aber nicht zu einem Baby.“

Die Ungewissheit drückt Tag und Nacht

Die Ärzte schicken sie nach Essen, von Hamburg aus, quer durch das Land. „Wir wussten nicht, was passiert. Nimmt man ihn uns? Müssen wir seine Beerdigung planen?“ Die Ungewissheit drückt, Tag und Nacht. Erst nach eineinhalb Wochen bekommen sie einen Platz. Dann der Satz, der ihr Leben wieder in Bewegung setzt: „Die Krankheit ist sehr selten, aber behandelbar.“

Ein Stein fällt vom Herzen, aber die Angst bleibt. „Auch wenn er nicht daran sterben würde – wie würde sein Leben aussehen? Würde er entstellt sein? Körperlich eingeschränkt?“, fragen sich die Eltern. Ihr Sohn verliert ein Auge, bekommt eine Prothese, die regelmäßig erneuert werden muss. „Wir hatten Glück“, sagt der Vater leise. „Andere Eltern hier haben so viel Schlimmeres erlebt.“ Denn auf der Katharinenhöhe begegnen sie Geschichten, die noch schwerer tragen. „Wir haben uns fast geschämt zu sagen, dass unser Sohn ‚nur‘ Augenkrebs hatte“, sagt der Vater. „Hier sind Eltern, deren Kinder noch kämpfen. Manche, die sie verloren haben.“

Genau zum richtigen Zeitpunkt

Die Tage dort verändern vieles. Zum ersten Mal seit Langem fühlt sich der Alltag leicht an. Niemand muss erklären, warum man traurig ist. Niemand fragt, warum man nicht lacht. „Hier sind lauter Menschen, denen es genauso geht wie uns“, sagt der Vater. „Menschen, die aus dem Schlimmsten das Positivste ziehen.“

Zwei Jahre später kehrt die Familie auf die Katharinenhöhe zur zweiten Reha zurück. Genau zum richtigen Zeitpunkt, um die Eröffnung des neuen Therapiezentrums miterleben zu können. „Wir hatten bei unserem ersten Aufenthalt den Rohbau gesehen, den Kran, die Arbeiter. Meine Frau hat sich gewünscht, eines Tages wiederzukommen, wenn alles fertig ist.“

Jetzt steht das Gebäude da, hell, offen, ein Ort des Aufatmens. „Es ist so wichtig, dass Eltern hier zur Ruhe kommen, auf Menschen treffen, die sie nicht verurteilen, sondern verstehen.“

Die Krankheit bleibt ein Schatten

Ihr Sohn ist inzwischen drei Jahre alt und ein fröhlicher, aufgeweckter Junge. „Er zieht mich jedes Mal mit, wenn er etwas entdeckt – selbst wenn es nur eine Schnecke ist, die einen Zaun hochklettert,“ sagt der Vater. „Er begeistert sich für das Leben auf eine Weise, wie ich es lange nicht mehr konnte.“ Doch die Krankheit bleibt ein Schatten. Wegen eines genetischen Defekts besteht ein Risiko, dass sich erneut Tumore bilden. „Das begleitet uns jeden Tag“, sagt der Vater. „Aber wir haben gelernt, mit dieser Angst zu leben – nicht gegen sie.“

In der Katharinenhöhe findet die Familie mit mittlerweile drei Kindern, was man nach solchen Jahren kaum mehr erwartet: Normalität. Gemeinschaft. Vertrauen. „Hier müssen wir niemandem Rechenschaft geben, warum wir nicht funktionieren,“ sagt der Vater. „Hier dürfen wir einfach wir selbst sein.“

Dennis Gertz: „Wir sind dankbar, dass es die Katharinenhöhe gibt. Dankbar für diesen Platz, an dem Eltern wieder Hoffnung finden. Und an dem Kinder, selbst nach so viel Leid, wieder lachen dürfen.“