Als Polizist wollte Semih Cakir helfen: Verantwortung tragen, für andere da sein. Dann änderte eine Diagnose alles. Die Katharinenhöhe gab ihm Halt.
„Ich wollte immer helfen, Teil von etwas Größerem sein“, sagt Semih Cakir, 25 Jahre alt, Polizist aus dem Schwarzwald. 2019 begann er seine Ausbildung zum Landespolizisten – voller Energie und mit klaren Zielen. 2022 folgte der Abschluss, kurz darauf trat er seinen Dienst in Mannheim an. Und als er sich angekommen fühlte, kam der Moment, der alles veränderte.
„Die Diagnose Knochenkrebs – das ist ein Wort, das dir den Boden unter den Füßen wegzieht“, erinnert sich Cakir. Von einem Tag auf den anderen rückte alles in den Hintergrund: Dienstpläne, Karriere, Zukunft. „Da merkst du plötzlich, was wirklich zählt – die Gesundheit.“ Fünf Operationen, 16 Chemotherapien, 30 Bestrahlungen – das ist die Zahlenspur eines langen Kampfes.
Zweifel kamen auf
„Und dann steht da dieser Satz: ‚Jetzt soll es wieder normal weitergehen.‘ Aber was ist normal, wenn du nicht mehr der Mensch bist, der du vor der Krankheit warst?“ Zweifel kamen auf. „Kann ich noch Polizist sein? Will ich es überhaupt noch?“ Er suchte Halt – und fand ihn an einem besonderen Ort: der Katharinenhöhe.
„Ich war ehrlich gesagt skeptisch, ob ich schon wieder einen Klinikaufenthalt brauche“, erzählt er. „Ich hatte genug von Kliniken, von weißen Kitteln und langen Fluren.“ Doch auf der Katharinenhöhe sei alles anders gewesen, berichtet der Polizeibeamte. „Schon am ersten Tag spürst du: Hier geht es um dich als Mensch, nicht um deine Akte.“
„Man beginne den Weg zurück ins Leben nicht bei null. Mit dem ersten Tag fühlt es sich an wie ein 1:0 – ein kleiner Vorsprung, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen.“
Cakir war bereits dreimal zur Reha in Schönwald. Jedes Mal beeindruckte ihn die Haltung der Menschen: „Ob Reinigungskraft, Therapeutin oder Arzt – jeder begegnet dir mit Respekt und Wärme. Das ist mehr als Medizin, das ist Menschlichkeit.“
Ohne viele Worte
Besonders bewegend fand er die Begegnungen mit anderen jungen Betroffenen. „Da sitzt du mit jemandem, der genau weiß, was du durchgemacht hast – und plötzlich ist da Verständnis, ohne viele Worte. Man lernt, wieder zu lachen, auch über Dinge, über die man früher nie lachen konnte.“
Abends, wenn die Sonne hinter den Tannen verschwand, habe sich oft ein Gefühl von Ruhe eingestellt. „Ich habe da oben im Schwarzwald gelernt, wieder durchzuatmen. Nicht an morgen zu denken, sondern einfach den Moment zu leben.“
Trotz aller Rückschläge hat sich Cakir eines bewahrt: seinen Humor und sein Motto. „Simply simple – einfach einfach bleiben. Das hilft mir, Schritt für Schritt weiterzugehen“, schildert er.
Heute steht er wieder im Dienst – vorsichtig, mit neuer Perspektive. „Ich sehe das Leben jetzt anders. Mit mehr Demut, mit mehr Dankbarkeit. Jeder Tag ist ein Geschenk.“ Er erzählt von seinem ersten Arbeitstag nach der Reha: „Ich erinnere mich, wie ich die Uniform wieder angezogen habe. Früher war das Routine – diesmal war es etwas Besonderes. Ich war stolz, es geschafft zu haben.“
Der Mensch hinter der Uniform
Doch nicht nur er hat gelernt. Auch seine Kollegen seien sensibler geworden. „Viele verstehen jetzt besser, dass hinter der Uniform Menschen mit Geschichten stehen. Wir alle tragen unsere Päckchen – das hat mich menschlicher gemacht.“
„Jeder Spendenbeitrag, der die Katharinenhöhe unterstützt – egal wie klein –, trägt dazu bei, diesen Ort zu erhalten. Dafür bin ich unglaublich dankbar“, sagt Cakir.
Denn hier, zwischen Schwarzwaldtannen und Sonnenterrassen, entstehe mehr als nur Raum – „hier wächst Hoffnung“.
„Man spürt, dass hinter der Klinik Menschen stehen, die mit Herzblut helfen wollen. Das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der vieles anonym und schnelllebig geworden ist.“
Vertrauen fassen
Für viele Patienten ist die Katharinenhöhe ein Wendepunkt. „Hier bekommt man nicht nur Therapien, sondern auch den Mut, wieder an sich zu glauben. Das ist unbezahlbar.“
Wenn Cakir heute auf seine Geschichte zurückblickt, dann nicht mit Bitterkeit, sondern mit Dankbarkeit. „Ich stehe heute nicht als jemand hier, der eine Krankheit besiegt hat“, betont der Polizist. „Sondern als jemand, der daran gewachsen ist.“
Die Katharinenhöhe sei für ihn ein solcher Ort. „Sie hat mir geholfen, wieder Vertrauen zu fassen – in meinen Körper, in das Leben, in mich selbst.“
Er lächelt, als er den Blick hebt. „Vielleicht gehe ich heute mit einer anderen Art von Mut durchs Leben. Nicht mit dem, der laut ist, sondern mit dem, der still in einem wächst. Und wenn ich eines weitergeben darf, dann das: Nicht alles im Leben lässt sich planen. Aber alles im Leben ist es wert, gelebt zu werden – mit Mut, mit Hoffnung und mit einem guten Herzen.“