Wie lebt es sich in einem Haus, das schmaler ist als ein Wochenmarktstand und in das jeder reingucken kann? Ein Besuch in Tübingen.
Durch die Tübinger Altstadt bummeln, hier spontan eine Vase shoppen, dort einen angesagten Hocker, vielleicht noch ein paar landestypische Töpferwaren im Mexiko-Laden und zwei bis zwölf Duftkerzen? Für Daniel ein No-Go. Sein Haus verbietet Konsumrausch und Nippes. Sein Haus verlangt Minimalismus. Denn sein Haus ist schmal, sehr schmal, die Stellfläche ist begrenzt, für jeden Neuerwerb braucht es einen Abschied. „Hier kann man nichts sammeln“, sagt Daniel. „Für alles, was reinkommt, muss was anderes raus.“ Neulich hat er Fotoalben von der Großmutter geerbt. Um die unterzukriegen, durfte erst mal eine Fuhre alter Einmachgläser ausziehen.
Das Haus steht auf Tübinger Halbhöhenlage und hat etwas von einem Turm. Es hat drei Etagen mit jeweils einem Raum und ist nicht breiter als ein Gemüsestand auf dem Wochenmarkt. In der Stadt ist es ein wenig berühmt, Oberbürgermeister Boris Palmer postete ein Foto davon in den Sozialen Medien und lobte das „vermutlich kleinste Haus Tübingens“, Freunde der Nachverdichtung können bei dem Anblick ins Schwärmen geraten. Für seinen Besitzer fühlt sich das Leben darin allerdings so gar nicht wie in einer Sardinenbüchse an. „Ich würde nicht sagen, dass ich hier auf engem Raum wohne“, sagt Daniel, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. 88 Quadratmeter Wohnfläche hat das Haus – in etwa die Größe einer Dreizimmerwohnung.
Ausblick bis zum Albtrauf
Daniel, Anfang 40, lebte zuvor in Stuttgart. Schon seit Jahren ist er als Historiker an der Universität Tübingen tätig. Die dauernde Fahrerei war anstrengend. Auch sein Partner Benjamin pendelt, er arbeitet in Berlin. Beide wollten ein gemeinsames Heim in Tübingen. Ein Haus sollte es sein, keine Eigentumswohnung. Daniel graste den Immobilienmarkt ab, fand nach eigenen Angaben nur Abrissreifes. Dann sah er bei Kleinanzeigen.de, ehemals Ebay, das Grundstück für sein heutiges Haus. An einem suppigen Oktobermorgen schaute er es sich an. Was er vorfand, war ein zwischen Nachbargebäude und Fußweg gequetschtes Dreieck in Hanglage voller Brombeergestrüpp, alles andere als ein Schmuckstück. Aber mit einem göttlichen Panorama über Tübingen bis zum Albtrauf. „Hat was“, dachte Daniel. Im April 2024 zog er mit seinem Partner ein.
Das Grundstück war zusammen mit der Baugenehmigung zu haben gewesen, der Vorbesitzer hatte bereits vor fast 20 Jahren Pläne für einen Hausbau mit dem Rottenburger Architekten Stefan Gamerdinger gemacht, sie selbst aber nie umgesetzt. Dass in der Nische doch noch mal ein Haus entstehen würde, glaubte wohl niemand mehr. Daniel kaufte das Grundstück 2021, Anfang 2023 war Baubeginn.
Aufwendige Bauarbeiten
Für Architekt Gamerdinger schien es anfangs „fast ein Ding der Unmöglichkeit“, auf das 120 Quadratmeter kleinen Grundstück in Hanglage ein Wohnhaus zu stellen. Ein früherer Bebauungsplan hatte es noch als nicht bebaubar ausgewiesen, inzwischen ist der wegen eines Formfehlers nicht mehr gültig. Die Bauarbeiten selbst waren ein Mordsprojekt. Der Hang musste aufwendig gesichert werden, damit er und Straße nicht ins Rutschen geraten. Die Arbeiter mussten mit minimalem Platz auskommen, um Werkzeug und Material zu lagern, den Erdaushub wegzuschaffen und einen Standort für einen Kran zu finden.
Gamerdinger hat sich der Herausforderung dennoch gern gestellt. Mit schmalen Gebäuden hat er Erfahrung: Ein Schreiner etwa hat ihn beauftragt, einen sogenannten Späneturm in eine Wohnung zu verwandeln – einen Turm also, in dem zuvor die bei der Holzverarbeitung entstehenden Späne gebunkert wurden. Der Architekt würde am liebsten noch viel mehr schmale Häuser für schmale Ecken entwerfen. Gamerdinger ist Fan des reduzierten Wohnstils, die solche Gebäude mit sich bringen: „Wir haben heute oft eine übersättigte Ausstattung von Räumen. Es tut uns gut, wenn wir mit weniger zurechtkommen.“ Alles vollstopfen? Lieber nicht. Mitunter müsse man sich selbst disziplinieren. Viele Dinge im Leben brauche es gar nicht, sagt Gamerdinger. Er sagt aber auch: Mitunter braucht es beim Nachverdichten viel Geduld, um realisierbare Lösungen zu finden. Und Bauherren, die sich das wirtschaftlich leisten können. Auch Daniels Haus kostete letztlich viel mehr als geplant. Das lag auch an dem vielen Glas. Denn Daniels Haus ist nicht nur ziemlich schmal. Es ist auch ziemlich durchsichtig.
Ein Leben auf dem Präsentierteller
In der unteren Etage ist das Schlafzimmer mit Arbeitsplatz, im Erdgeschoss das Wohnzimmer, unterm Dach die offene Küche mit Essbereich. Auf allen Ebenen hat das Haus Glasfronten und bodentiefe Fenster. Neben dem Haus führt eine Staffel entlang. Passanten, die den Berg hinauflaufen, sehen alles. Sie sehen, welches Muster der Bettbezug hat und welches die Couch, in welchem Zustand Daniels Zimmerpflanzen sind und wie gut er seinen Schreibtisch aufräumt, der direkt am Fenster steht, sie sehen ihn selbst, wenn er im Homeoffice arbeitet. Nervt das nicht?
„Das muss man mögen“, sagt Daniel. Und man muss ein Menschenfreund sein, um so zu wohnen. „Wenn ich am Schreibtisch sitze und Leute gehen vorbei, nicke ich ihnen freundlich zu.“ Zumal: Das Präsentiertellerdasein ist nur die eine Seite der Medaille. „Die Leute können reingucken. Aber dafür habe ich den tollen Ausblick.“ Und der Ausblick reicht weit. Daniel kann beim Aufwachen auf die Berge der Schwäbischen Alb gucken, er kann vom Sofa aus Heißluftballons aufsteigen, am Frühstückstisch den Nebel durchs Neckartal schleichen und den Tübinger Wald in Herbstfarben lodern sehen, kann über zwei Kirchtürme hinwegschauen, kann jeden Tag in seinem eigenen Dokumentarfilm über den Wechsel der Jahreszeiten sitzen. Burgherren, denen ihre Ländereien zu Füßen liegen, mag es kaum anders ergehen.
Mit feudalem Wohnen kennt sich Daniel aus. Als Historiker beschäftigt er sich unter anderem mit Adelsgeschichte und hat Schlösser und Gutshäuser erforscht. Er selbst stammt aus dem Ruhrgebiet, aufgewachsen ist er in einer Stahlarbeitersiedlung. Die Straße, in der sein Haus jetzt steht, galt früher als eine der mondänsten Gegenden Tübingens. Hier wohnten Bankfilialleiter und Schwabenschickeria. Inzwischen ist das Soziotop durchmischter. Zur Nachbarschaft gehören WGs, Senioren, Familien.
Gemütlichkeit ohne Folklore
Innen gibt es weiße Wände und Eichenholzboden, Gemütlichkeit ohne Folklore, keinen Schnickschnack, dazu die ganzen Fenster, das ganze Tageslicht. Waschmaschine und Trockner sind im Wandschrank an der Wohnzimmerrückseite versteckt, den hat Daniel eigens anfertigen lassen. Weitere Regale, wuchtige Vitrinen oder sonstige Aufbewahrungsmöbel sind wegen der vielen Glasflächen tabu. Eine Treppe führt nach unten ins Schlafzimmer und nach oben in den Essbereich, das Fitnessgerät neben dem Schreibtisch bräuchte es eigentlich nicht. Wer in drei Räumen lebt, die nur über Stufen verbunden sind, ist ordentlich unterwegs.
Das Null-Abschottungsprinzip gilt nicht nur nach außen. Das Haus erfordert auch in seinem Innenleben ein gewisses Maß an Sozialkompetenz. Denn abgesehen vom kleinen dreieckigen Badezimmer im Untergeschoss gibt es drinnen keine Türen. „Luftiges Raumgefühl“, nennt das der Architekt. Daniel sagt: „Mit einem Radio im Erdgeschoss kann man das ganze Haus beschallen.“ Wenn ganz oben in der Küche Kaffee gekocht wird, ist das bis ins Untergeschoss zu hören. Von der Küche geht es raus auf die Dachterrasse. Auch dort, klar, dieses Gigapanorama. Bei Grillpartys sollten Gäste nicht erst durchs Schlafzimmer bugsiert werden müssen, um nach draußen zu gelangen – daher die Entscheidung, dass die Küche im Dachgeschoss sein sollte. Und in der Küche befindet sich dann eben doch: so was wie eine Sammlung. Im niedrigen Regal neben der Treppe steht Kochbuch an Kochbuch. „Ich koche gern, ich esse gern“, sagt Daniel. Im ersten Sommer im eigenen Haus waren Freunde von der Uni im schwedischen Uppsala zu Besuch, da hat er Käsespätzle aufgefahren. Die Bücher sind allerdings zu einem großen Teil aus dem letzten Jahrhundert und nicht nur reine Passion: Zurzeit erforscht Daniel den Zusammenhang von Politik und Ernährung und inwiefern beispielsweise Diktaturen beeinflussen, was auf private Esstische kommt.
Sein Essen kommt auch aus dem Garten. Wobei, Garten: aus jenem Mini-Rest eben, der nach dem Hausbau zwischen den Außenwänden, Staffel und einer kleinen Steinmauer übriggeblieben ist. Daniel hat um das Gebäude herum Wiesensalbei, Weinranken, Erdbeeren, Cranberrys, einen Mandelbaum und eine Kiwipflanze untergebracht. Anfangs hat er mit dem spärlichen Platz zum Anpflanzen gehadert. Heute ist er froh darüber. „In einer halben Stunde bin ich mit der Gartenarbeit fertig.“
Die Sache mit dem Aufwand ist für ihn überhaupt ein ziemliches Argument gegen jeden Zehn-Zimmer-Palast: „Wenn man auf 150 Quadratmetern wohnt, muss man auch 150 Quadratmeter sauber machen und stellt 150 Quadratmeter mit Krempel voll.“ Mit seinem schmalen Haus sei er sehr glücklich. Mit seinem schmalen Haus und dem weiten Horizont, den es aufmacht. „Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich beim Frühstück aus dem Fenster gucke.“