Das Haus Jung bleibt garantiert – Wohnhaus, entworfen von Gustav Adolf Schneck Am Weissenhof 2 in Stuttgart. Offiziell zählt es zur Beamtensiedlung, die an die Weissenhofsiedlung grenzt. Foto: Pavlovic

Wie sieht es in den berühmten Häusern am Weissenhof aus? Viele sind nicht zugänglich, aber wir konnten jetzt das Haus Jung besuchen. Es bietet überraschende Ein- und Ausblicke.

Manchmal lugen sie um die Ecke oder versuchen, einen Blick durch die halb geöffnete Haustüre zu erhaschen. Die Dreisten stehen auch schon mal im Garten – Architekturfans besitzen nicht immer die besten Manieren, und die Bewohner der Weissenhofsiedlung benötigen einiges an Langmut.

 

Auch wenn es den mietenden Beamtinnen und Beamten eigentlich klar ist, dass sie in einer Art Gesamtkunstwerk wohnen – und sich die Mieten in den weltberühmten Häusern von Architekturgrößen wie Mies van der Rohe, Pieter Oud, Mart Stam und Co. im absolut bezahlbaren Bereich bewegen. Die Häuser werden ja, abgesehen von einem der beiden Unesco-geschützten Häuser von Le Corbusier, in dem das Weissenhofmuseum untergebracht ist, weiterhin bewohnt.

Jedenfalls, das Interesse an den Wohnhäusern der Siedlung ist enorm und wer würde nicht gern einmal Einblick in die Flachdachhäuser erhalten. Aktuell ist das tatsächlich möglich – und das in einem der zumindest der Außenansicht nach bekanntesten Häuser direkt am Eingang der Siedlung: Im Haus Jung, entworfen von dem Architekten und Möbeldesigner Adolf Gustav Schneck. Der 1971 in Fellbach gestorbene Gestalter hatte unter anderem Möbel für Thonet entworfen, und er hatte im Rahmen der Werkbundausstellung am Weissenhof die Ehre erhalten, zwei Musterhäuser zu bauen – das Haus Jung allerdings entstand erst ein Jahr später.

Vier Häuser von Adolf Gustav Schneck in Stuttgart

Obwohl es den Prinzipien der Bauhaus-Architektur verpflichtet ist, zählt es also offiziell zur Beamtensiedlung, da es auf dem Gelände der württembergischen Finanzverwaltung steht. Diese vergab die Grundstücke in Erbpacht, daher heißt das Gebäude mit der Adresse Weissenhof 2 auch nicht nach dem Architekten, sondern nach der damaligen Bauherrenfamilie, dem Oberregierungsrat Xaver Jung.

Es steht freilich wie alle Häuser der Beamten- und der Weissenhofsiedlung unter Denkmalschutz und befindet sich seit einigen Jahren im Besitz der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), die die Siedlung peu à peu gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung saniert.

Eines der meist fotografierten Häuser der Weissenhofsiedlung ist das Haus von Hans Scharoun. Foto: LICHTGUT/Zophia Ewska

Da das Haus Jung aktuell noch auf seinen nächsten beamtischen Mieter wartet, öffnet sich das Gebäude also für neugierigen Besuch. Der zeigt, wie spektakulär unspektakulär und überaus funktional damals entworfen wurde. Unempfindliche Sollnhofer Platten auf dem Boden in der kleinen Diele, Parkett in den Wohnräumen, Wohn- und Schlafräume, die ähnlich groß und daher flexibel nutzbar sind, es könnte auch eine Beamten-WG dort einziehen. Das Fensterband im Treppenhaus, das für gewöhnlich nicht für Besucher betretbar ist, lässt viel Licht ins Haus. Gäste-WC und Badezimmer sind zum Teil noch original erhalten, weit entfernt freilich von der heutigen Standardausstattung, zu schweigen von bodengleichen Regen-Duschen und dergleichen. Denkmalschutz geht vor Wellnessbedürfnis.

Mediterraner Flair auf der Stuttgarter Halbhöhe

Die Ausblicke von den Balkons mit dem relingartigen umlaufenden Geländer seitlich in den Garten und in Richtung City allerdings sind dann doch einigermaßen spektakulär. Kiefernbäume vor strahlend blauem Himmel verbreiten mediterrane Atmosphäre, sie lassen davon träumen, weiter unten befinde sich nicht der Stuttgarter Kessel, sondern das südfranzösische Mittelmeer.

Aktuell konkurrieren diese Ausblicke mit Schautafeln, die in den Räumen aufgestellt sind. Eine Ausstellung des Weissenhofmuseums zeigt, wie das geplante Nachbargebäude – das Besucherzentrum Weissenhof.Forum von innen aussehen und bespielt werden soll. Denn zum 100. Geburtstag des Bestehens der Weissenhofsiedlung 2027 und zum Beginn der Internationalen Bauausstellung IBA 27 soll direkt am Eingang der Siedlung das Forum stehen und neben einem Infozentrum Dauer- und Wechselausstellungen beherbergen.

Auch an die Schulung des architektonischen Nachwuchses ist gedacht, ein Workshop-Raum im Haus Jung lädt schon jetzt zum Mitmachen ein. Auch wenn das obere Stockwerk für reguläre Ausstellungsbesucher nicht zu besichtigen ist – ein Hausbesuch lohnt und verkürzt die Wartezeit aufs hoffentlich pünktlich fertig gebaute Weissenhof.Forum.

Bilder aus dem Haus finden sich in der Bildergalerie.

Info

Beamtensiedlung Haus Jung
Ein Großteil des Geländes, das direkt an der abschüssigen Hauptstraße gelegen ist, gehört zur Beamtensiedlung. Eine Schautafel im Haus Jung informiert darüber, welches Gelände zur Beamtensiedlung gehört und welches zur Weissenhofsiedlung.

Schneck-Häuser
Im Bruckmannweg 1 befindet sich ein Musterhaus von Schneck für die Werkbundausstellung. Ein Haus in der Friedrich-Ebert-Straße 114 hat Schneck für sich selbst gebaut. Es steht zwar auf dem Gelände der Beamtensiedlung, wurde aber 1927 ins Programm der Weissenhofsiedlung aufgenommen. Im Jahr 1928 baute Schneck Am Weissenhof 8 ein Haus für die Familie Wilhelm Pfleiderer in der Beamtensiedlung und das Haus Jung (Weissenhof 2). Von den vier Häusern werden drei als Zweifamilienhäuser genutzt, nur Haus Jung ist weiterhin ein Einfamilienhaus.

Ausstellung
„Zukunft Weissenhof 2027+“ ist noch bis zum 13. Juli jeweils samstags, sonntags, feiertags von 12 bis 17 Uhr zu besichtigen. Die Schau informiert über die Entwicklung der Weissenhofsiedlung und zeigt die Wettbewerbsbeiträge zur geplanten Dauerausstellung und zum Workshopraum im neuen Gebäude, das 2027 eröffnet werden soll. Ergänzt wird die Ausstellung durch Ergebnisse einer Workshopreihe der Freunde der Weissenhofsiedlung zur Quartiersentwicklung.