Wo heute Stuttgart liegt, lebten einst Elefanten und Dinosaurier. Im Stadtpalais kann man ihnen in einer spannenden Ausstellung ganz nahe kommen.
Wahrscheinlich ist es gut, dass wir Menschen keine Zeitreisen unternehmen können. Sonst würden einem beim Spaziergang durch die Stuttgarter Königstraße womöglich ein Plateosaurus über den Weg laufen, der auf der Suche nach leckeren Farnen und Schachtelhalmen ist. Waldelefanten würden den Stuttgarter Kessel zum Beben bringen – und Familie Dyoplax im Nesenbach baden. Wer meint, dass Stuttgart nicht mehr als ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, der irrt: Schon vor 200 Millionen Jahren war in und um den Kessel herum sehr viel los.
Der Boden unter den Füßen der Stuttgarter ist geschichtsträchtig
Man muss nur tief genug im Boden bohren– und stößt auf bemerkenswerte Funde. Im Stadtpalais kann man nun bestaunen, was bei Grabungen in Degerloch oder Hedelfingen zutage befördert wurde. Dort, wo heute die Zacke fährt, hat man den Oberschenkelhals eines Dinosauriers gefunden, in Bad Cannstatt wurden Rohre aus Ton ausgegraben, durch die heißes Wasser floss, damit in den Villen reicher Römer die Fußbodenheizung funktionierte.
Der Boden unter den Füßen der Stuttgarter ist geschichtsträchtig. Deshalb unternimmt das Stadtpalais – Museum für Stuttgart eine wahrlich besondere Reise in die Vergangenheit: In vier Ausstellungen geht es in großen Schritten durch die Geschichte Stuttgarts. Zum Auftakt wird in „Urknall Stutengarten“ die Uhr um 235 Millionen Jahre zurückgedreht.
Man begleitet Dinos zur Wasserstelle
Die Zahl der Exponate ist alles andere als üppig: Es werden nur 25 Objekte gezeigt, hier der riesige Stoßzahn eines Mammuts, dort das versteinerte Blatt eines Farns. Aber auch sonst ist an dieser Ausstellung alles anders, als man es aus Museen kennt. Keine Saaltexte, keine Schildchen mit Jahreszahlen und wissenschaftlichen Angaben. Stattdessen führt ein Audioguide durch die Schau, der so spannend inszeniert wurde wie ein Hollywoodfilm mit Dolby-Surround-Sound. Musik, plätscherndes Wasser, Rascheln, stapfende Tierbeine und ein dramatisch intonierender Erzähler – und schon ist man mitten im eigenen Film und läuft mit Plateosaurus durch die Hitze zu einem Wasserloch. Der Dinosaurier streckt seinen Hals, kippt vornüber und ertrinkt.
Cliffhanger machen neugierig, wie es weitergeht
Das Stadtpalais erprobt immer wieder neue Formate, die mal mehr, mal weniger überzeugen. Wie hier aber für Stuttgarts Geschichte sensibilisiert wird, ist grandios. Das liegt vor allem an der hochprofessionellen Tonspur, die zweifellos auch ein jüngeres Publikum packen wird, weil die Fantasie wie bei einem Hörspiel ganz unmittelbar aktiviert wird. Aber auch die Hintergründe, die nach den inszenierten Passagen nachgereicht werden, sind bestens verständlich und munter erzählt. Mit dieser klugen Dramaturgie hält man das Publikum bei der Stange – und macht mit Cliffhangern neugierig auf die nächste Station.
Als die Menschen sesshaft wurden, aßen sie Emmer
So geht es in großen Schritten durch die Jahrtausende und zum Beispiel nach Mühlhausen, wo die Stuttgarter Vorfahren vor 7000 Jahren sesshaft wurden und mit scharfen Klingen auf den Felder das Emmerkorn ernteten. Dann wieder begleitet man ein altes Siedlungsoberhaupt, das einer Werkstatt einen Besuch abstattet und zufrieden feststellt, dass das, was dort gerade gefertigt wird, eine „würdige Beigabe“ für seine letzte Reise sein wird. Die Goldschale, mit der man den ranghohen Kelten bestattet hat, wurde in Steinhaldenfeld ausgegraben.
Am Schluss dürfen Kinder selbst nach Schätzen graben
„Im Kessel war schon immer Leben drin“, heißt es einmal salopp. Das Leben der römischen Soldaten, die sich in Bad Cannstatt niederließen, wird ebenso plastisch wie die Ziegelbrennerei im Stuttgarter Talkessel, die Massenware herstellte, die man am Hauptbahnhof gefunden hat.
Am Ende des Rundgangs hat man zwar nicht mehr als 25 Objekte gesehen, aber es haben sich Welten geöffnet – und man hat nicht nur Einblicke ins Badezimmer einer römischen Stadtvilla in Feuerbach bekommen, sondern wurde auch neugierig gemacht auf Archäologie. In einer Art Labor können Kinder im Anschluss selbst graben und wissenschaftliche Methoden kennenlernen.
Die Ausstellung setzt Maßstäbe
Die Leihgeber der ausgestellten Objekte werden allerdings enttäuscht sein, weil sie so wenig in Erscheinung treten wie die Wissenschaftler, die die Funde einst beforschten. Die Ausstellung, die Sarah Zabel und Yannick Nordwald entwickelt haben, ist ausschließlich für das Publikum gemacht – wobei es nicht schaden würde, wenn sich auch Kuratoren anderer Häuser ein Bild davon machen würden, wie sich die ehrwürdige Institution Museum kreativ erneuern lässt.
Urknall Stutengarten. Bis 5. Februar, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, freitags bis 22 Uhr.